Komische Oper Berlin. Foto: Jan Windszus Photography

Komische Oper Berlin. Foto: Jan Windszus Photography

Dionysos in der Komischen Oper

Intendant Barrie Kosky widmet das Programm 2019/2020 der Komischen Oper Berlin dem griechischen Gott Dionysos, als Verkörperung der sinnlichen, emotionalen und gemeinschaftsbildenden Kraft von Musik und Theater.

Wie wirksam diese Kräfte bereits sind, zeigt die durchschnittliche Auslastung der laufenden Spielzeit zwischen September und Ende März: Sie erreichte mit 94,6 % den bisherigen Höchststand während der Intendanz von Barrie Kosky (Vergleichswert im Vorjahr: 92,1 %). Die Neuproduktionen reflektieren das gesamte Spektrum des Musiktheaters, vom Barock bis zur Uraufführung, vom inszenierten Chanson-Abend über Operette und Volksoper bis hin zur monumentalen zeitgenössischen Oper, von Klassikern des Repertoires bis zur Wiederentdeckung einer fast vergessenen Operette.

Barrie Kosky und Vladimir Jurowski eröffnen die kommende Spielzeit mit The Bassarids von Hans Werner Henze. Die mythische Geschichte, in der Dionysos und die Macht des Rausches eine zentrale Rolle spielen, thematisiert den urmenschlichen Konflikt zwischen Trieb und Vernunft. Mit einem Schwerpunkt entdeckt die Komische Oper Berlin in der Spielzeit 2019/20 den jüdisch-tschechischen Komponisten Jaromír Weinberger wieder: Sein Welterfolg Schwanda, der Dudelsackpfeifer von 1927, eine spätromantische Musiktheaterkomödie und Liebeserklärung an die böhmische Heimat des Komponisten, wird ebenso in einer Neuproduktion zu erleben sein wie seine Frühlingsstürme. Die Operette, die Weinberger eigens für den Startenor Richard Tauber schrieb und die im Januar 1933 als letzte Operette der Weimarer Republik Premiere feierte, wird erstmals seit 1933 überhaupt wieder erklingen. Für Barrie Koskys Neuinszenierung wird sie neu orchestriert, da die Partitur als verschollen gilt.

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov kehrt an die Komische Oper Berlin zurück und inszeniert The Rake's Progress von Igor Strawinsky – eine Geschichte über Verlockung, Leben und Lust, Wahnsinn und Tod. Ein weiterer Rückkehrer ist Richard Jones, der mit Händels Jephtha unter der musikalischen Leitung von Alte-Musik-Spezialist Christian Curnyn die Barockreihe der vergangenen Spielzeiten fortsetzt. Die diesjährige konzertante Weihnachtsoperette wartet mit einer Deutschen Erstaufführung auf: Dschainah von Paul Abraham ist 84 Jahre nach der Uraufführung in Wien endlich auch in Berlin zu hören. Bezug auf die Zeit der 1920er und 1930er Jahre nimmt auch der Chanson-Abend Ich wollt', ich wär' ein Huhn! mit Anne Sofie von Otter und Wolfram Koch, der mit knapp zwei Jahren Verspätung seine Uraufführung erleben wird.

Eine herzzerreißende Liebesgeschichte erzählt Verdis La traviata – neu beleuchtet für das 21. Jahrhundert von Nicola Raab. Die Ensemblemitglieder Nadja Mchantaf und Vera-Lotte Böcker geben ihre Rollendebüts in der Titelpartie. Für die jüngsten Opernbesucher*innen präsentiert das Haus die Uraufführung einer brandneuen Kinderoper, basierend auf Michael Endes weltberühmtem Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. In der sich über die ganze Spielzeit erstreckenden Konzert-Trilogie »Flucht« erzählen Musiker*innen mit ganz unterschiedlichen Fluchthintergründen vom Auswandern, Einwandern und Bleiben. Das traditionell die Saison abschließende Komische Oper Festival wird 2020 ganze zehn Tage dauern, rund um ein Symposium, das die neuesten Entwicklungen in der Oper des 21. Jahrhunderts im Hinblick auf Inszenierungsästhetiken und Rezeptionsverhalten untersucht.

Generalmusikdirektor Ainārs Rubiķis dirigiert vier der sieben Sinfoniekonzerte in der Saison 2019/20 und begrüßt dabei unter anderem Musiker*innen wie Arabella Steinbacher, Isabelle Faust, Daniel Hope und Tzimon Barto. Beim ersten Konzert der Spielzeit ist erneut Fazıl Say zu Gast beim Orchester der Komischen Oper Berlin, dieses Mal mit musizierenden Weggefährten und unter der Leitung des Ersten Kapellmeisters Jordan de Souza. Gastdirigent*innen sind Alondra de la Parra und Clemens Schuldt, weitere Solisten Jan Vogler und Christian Tetzlaff. Abgerundet wird das Konzertprogramm wieder durch Sonderkonzerte, die Kammer- und Nachtkonzertreihen sowie zwei Programme mit Barrie Kosky am Klavier. Gemeinsam mit Katharine Mehrling gestaltet er einen besonderen Abend mit Songs und Chansons von Kurt Weill unter dem Titel »Lonely House«. Außerdem wird das gefeierte Programm »Farges mikh nit« mit jiddischen Operettenliedern wiederaufgenommen – interpretiert von den Sängerinnen Alma Sadé und Helene Schneiderman.

Nach längerer Pause gibt es ein Wiedersehen mit Barrie Koskys umjubelter Inszenierung von Verdis Rigoletto, unter der Leitung von Generalmusikdirektor Ainārs Rubiķis. Nach kurzer Pause wieder auf dem Spielplan stehen Jewgeni Onegin, Pelléas et Mélisande und Semele sowie Don Giovanni. Wie auch in der laufenden Spielzeit sind unter anderem die Erfolgsproduktionen Die Perlen der Cleopatra, Die Zauberflöte, Anatevka, Candide, La Bohème, Der Zauberer von Oz und Eine Frau, die weiß, was sie will! zu erleben sowie Roxy und ihr Wunderteam mit den Geschwistern Pfister (Premiere: 31. Mai 2019).

Über Kinderopern und -konzerte sowie den Operndolmuş hinaus setzen Komische Oper Jung und das interkulturelle Projekt Selam Opera! dank zahlreicher Unterstützer ihre erfolgreiche Arbeit fort, u. a. mit dem Berliner Sing Along, Jobs@Opera, dem »Abenteuer Oper!« und der Pop-up-Opera. Jährlich kommen rund 45.000 Kinder und Jugendliche aus Berlin und Brandenburg und aus allen Communities in die Vorstellungen der Komischen Oper Berlin. Der Anteil erwachsener Besucher mit Migrationshintergrund liegt bei rund 10 %.