Hans-Christoph Rademann. Foto: Frank Cendelin

Hans-Christoph Rademann. Foto: Frank Cendelin

Dresdner Chorwerkstatt für Neue Musik

In CoroTopia, der 4. Dresdner Chorwerkstatt für Neue Musik, erarbeiten der Dresdner Kammerchor und Hans-Christoph Rademann in Hellerau vor den Ohren des Publikums drei Uraufführungen.

Die neuen Vokalwerke von Malika Kishino, Maximilian Schnaus und Carsten Hennig erforschen das Thema „Verbundenheit“ anhand des Systems Chor. Dafür begegnen sich verschiedenste Akteure: der Dresdner Kammerchor, der Paderewski Chamber Choir der Musikakademie Poznań und der Projektchor VoiceVenture, in dem Geflüchtete und einheimische Dresdner mit Sängern des Dresdner Kammerchores und Komponist Carsten Hennig gemeinsam ein Stück entwickelt haben.

Ein Festival, das sich gezielt der zeitgenössischen Chormusik widmet, fehlte in Deutschland. Darum hoben Dirigent Hans-Christoph Rademann und der Dresdner Kammerchor 2009 die „Dresdner Chorwerkstatt für Neue Musik“ aus der Taufe. 2018 geht die Chorwerkstatt mit dem Titel „CoroTopia“ nun in die vierte Runde. Vom 23. bis 27. April erfüllt sie das Festspielhaus Hellerau mit vokaler Zukunftsmusik. Dabei möchte der Dresdner Kammerchor das Publikum nicht nur zum großen Abschlusskonzert, sondern vor allem auch zum Blick hinter die Kulissen einladen.

„Die Probenarbeit, die sonst hinter verschlossenen Türen stattfindet, ist bei Uraufführungen ja eigentlich der spannendste Teil“, so Geschäftsführerin Agnes Böhm. „Hier gibt es noch keine Leitplanken. Die Klangidee eines Komponisten trifft zum ersten Mal auf die chorpraktische Wirklichkeit. Das ist bei jeder Uraufführung ein Abenteuer. Und dass es hier auch mal knirschen kann, ist in der von Normen weitgehend befreiten Neuen Musik kaum zu vermeiden. Umso spannender ist es ja, wenn Chor und Komponist gemeinsam an den Werken arbeiten. An diesem Prozess möchten wir das Publikum teilhaben lassen.“

So können Neugierige zusätzlich zum Abschlusskonzert (Fr 27.04.) auch während der Probenwoche in Hellerau den Akteuren begegnen: Im Dienstagssalon (Di 24.04.) mit Dirigent Rademann und den drei Komponisten; in einer moderierten offenen Probe (Mi 25.04.); und im Kitchen Talk (Do 26.04.) mit den Teilnehmern des offenen Workshops VoiceVenture.

Dem Anliegen, Neue Musik aus ihrem Elfenbeinturm zu holen und aktiv sowohl an den Profi- Nachwuchs wie auch an Laien zu vermitteln, trägt die Chorwerkstatt doppelt Rechnung: Nicht nur der polnische Paderewski Chamber Choir, bestehend aus Studenten der Musikakademie Poznań, wird als Gastchor mitwirken. Erstmals umfasst die Chorwerkstatt auch ein interkulturelles Projekt mit Laiensängern: Im Projektchor VoiceVenture (in Zusammenarbeit mit Singasylum) treffen sich seit März Geflüchtete, einheimische Dresdner und Mitglieder des Dresdner Kammerchores und erarbeiten mit Komponist Carsten Hennig ein Gemeinschaftswerk.

Zu den Werken lässt sich anmerken: "Vokalfarben wörtlich genommen" von Malika Kishino entfaltet die Idee der synästhetischen Wirkung von Vokalen als Farben. Die japanische Komponistin vertonte ein Gedicht des französischen Lyrikers Arthur Rimbaud, dessen Sprache zum Vorbild für die Symbolisten und Expressionisten wurde. Aus Rimbauds Vokal-Bildern – zum Beispiel ist das „A“ ein „schwarzer samtiger panzer dichter mückenscharen“ – entwickelt Kishino eine langsinnliche Komposition.

"Das Geheimnis des Heiligen" von Maximilian Schnaus nimmt in seinem Sanctus die uns vertraute Tonalität und Gestik sakraler Chormusik als Ausgangspunkt, verwandelt sie jedoch durch Cluster und Verschiebungen von Zeit- und Tempo-Ebenen in die Tonbeschreibung einer weltenthobenen Heiligkeit, deren Geheimnis eben nicht greifbar ist. Der Dresdner Kammerchor und der Paderewski Chamber Choir werden das Werk gemeinsam aufführen. Schnaus‘ Auftragskomposition wurde ermöglicht durch das Internationale Musikstipendium der Stiftung Kunst und Musik für Dresden, das der junge Berliner im Herbst 2016 erhielt. Die Stiftung Kunst und Musik für Dresden versteht es als ihre Aufgabe, als unabhängiger Förderer von Musik, kultureller Bildung und zeitgenössischer Kunst bürgerschaftliches Engagement in einem überregionalen Netzwerk zu bündeln und die Entfaltung kultureller Wirkkraft über Stadt- und Landesgrenzen hinaus zu befördern.

Der Dresdner Komponist Carsten Hennig wagte für CoroTopia ein interkulturelles musikalisches Experiment: Seit Anfang März 2018 entwickelt er mit nach Deutschland geflüchteten Menschen und einheimischen Dresdner Laiensängern und Mitgliedern des Dresdner Kammerchores in Zusammenarbeit mit Singasylum e. V. eine Gemeinschaftskomposition. Über Sprachbarrieren und Kulturgrenzen hinweg ist im Spannungsfeld von Regeln und Freiheit, von Anführen und Zuhören eine vielschichtige Klangcollage entstanden mit dem Titel "Was bleibt".