Riccardo Muti. Foto: Silvia Lelli/Riccardomutimusic

Riccardo Muti. Foto: Silvia Lelli/Riccardomutimusic

Ein Requiem, so kalt wie der Tod

Nach München durfte Köln das Requiem von Verdi mit dem Symphonieorchester und dem Chor des Bayerischen Rundfunks unter Riccardo Muti erleben. Es war eine Aufführung, die höchsten Respekt abnötigte, aber völlig kalt ließ.

Vielleicht husteten die ansonsten gerne mal disziplinlosen Kölner so wenig, weil sie davon gehört hatten, dass Riccardo Muti in München den Beginn des Verdi-Requiems wegen ebensolcher Störgeräusche abgebrochen und neu angesetzt hatte? Oder waren es am Ende gar nicht so viele eingefleischte Kölner Musikfans, die dem Konzert beiwohnten, z. B. weil die Ticketpreise so hoch waren?

Der Auftritt von Chor und Orchester des BR unter Riccardo Muti in der Kölner Philharmonie geriet jedenfalls zum Klassik-Hochglanz-Abend. Natürlich spielte das Orchester tadellos, waren die Klänge und Klangbalancen feingetunt, natürlich leuchteten die Geigen und knallten die Blechbläser, wo gefordert und selbstverständlich sang der Chor wunderbar, gleichermaßen kompakt und zart, klangvoll und zurückgenommen. Und natürlich ließ Riccardo Muti keine Klangverdickungen oder dynamische Ausreißer zu - und rhythmische schon mal gar nicht. Es war sozusagen eine mustergültige Aufführung, wie sie einem über Jahrzehnte als Sachverwalter Verdis weltweit geschätzten Maestro auch zuzutrauen ist.

Leider aber zeigte sich auch an diesem Abend, dass Muti jener Ebene der Musik skeptisch gegenüber steht, die sich nicht unmittelbar aus dem Notentext ableiten lässt. Er vertraut auf die Wirkung der möglichst getreuen Partiturwiedergabe - was selbstverständlich kein Fehler ist, aber eben nicht die ganze Wahrheit über die heilige Kunst der Musik. Er bleibt dort stehen, von wo weitersuchend sich das Geheimnis offenbaren könnte.

Intellekt statt Leidenschaft, kühler Kopf statt inneres Brennen - es fällt nicht leicht, bei einer derart perfekten Aufführung das eigene Unbehagen über die emotionale Kälte der Wiedergabe in Worte zu fassen. Einfacher ist es, die Leistungen des Solisten-Quartetts zu beschreiben, aus dem Tenor Francesco Meli mit edelstem Spinto-Schmelz herausragte.

Der Bassist Riccardo Zanellato fand nach etwas grobem Beginn zu schönem Legato, Sopranistin Krassimira Stoyanova hat trotz schlackernden Unterkiefers einen sehr weichen Grundklang, der aber kaum dynamische Abstufungen schafft. Gegenüber der für Elina Garanca eingesprungenen Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili war ihre Stimme zu schwach. Rachvelishvili ihrerseits verfügt über ein sattes Timbre, aber nicht über die Phrasierungs- und Abschattierungsfähigkeiten der ganz Großen ihres Fachs. So blieben auch hier Wünsche offen. Das Auditorium zeigte sich erwartungsgemäß begeistert.

Johannes Schmitz