Es lebe der selbstanalytische Diskurs!

"Die Stränge politischer Themen, die wir oft als getrennte Einheiten wahrnehmen, scheinen sich in den sozialen Räumen, in denen wir agieren, zu einem vielfältigen Netz aus Komplexitäten verstrickt und komponiert zu haben." Oder etwa nicht? Vielleicht gibt eine Diskussion in Berlin Aufschluss.

"Stellt die zeitgenössische Musikszene in Europa einen relevanten Kontext dar für die Politisierung der räumlichen Diskrepanz innerhalb sozialer Räume, die von aktuellen revolutionären und künstlerischen Bewegungen zugleich beansprucht werden?" So lautet die Eingangsfrage einer Pressemitteilung des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Wer sich mit einer Antwort lieber Zeit lassen möchte oder zuvor noch über die Fragestellung selber nachgrübeln will, der ist goldrichtig bei der Diskussion mit dem einladenden Titel: "Wenn sich Knoten zusammenziehen: Über das Band zwischen zeitgenössischer Musik und politischer Aktion."

Zur Einstimmung noch weitere Fragen aus der Mitteilung: "Welche Art politischen Handelns können AktivistInnen den MusikerInnen in diesem kulturellen Kontext anbieten? Wäre das Ergebnis einer Interaktion die Vereinnahmung des Aktivismus durch die Kunst? Oder würde sie das Entstehen eines vermittelnden Mediums begünstigen, durch das solche sozialen Räume reproduziert werden könnten?"

An dieser Stelle möchte man einwerfen: Gut, dass Beethoven das nicht mitbekommt. Er hätte sonst womöglich aus Zeitmangel seine letzten Werke nicht schreiben können.

Die Berliner Einladung zur Diskussion setzt sich so fort: "Die Stränge politischer Themen, die wir oft als getrennte Einheiten wahrnehmen, scheinen sich in den sozialen Räumen, in denen wir agieren, zu einem vielfältigen Netz aus Komplexitäten verstrickt und komponiert zu haben. Dadurch, dass jeder Strang, jede Saite, von unterschiedlichen, aber mit einander verbundenen Dynamiken gespannt wird, die von den aktuellen deutsch-türkischen Beziehungen bis zur sogenannten „Flüchtlingskrise“ reichen, sind etliche Knoten entstanden, die bewegliche Schwingungsmaxima (pressure nodes) verursachen.

Die Hauptziele dieses Panels sind, einerseits eine grundlegende kritische Basis für die Diskussion zu liefern, bei der die Obertöne, die zu jeder schwingenden Saite, jedem politischen Strang gehören, einer genauen Betrachtung unterzogen werden im Hinblick auf ihre „pressure nodes“ und andererseits potentielle Aktionsspielräume der Musikgemeinschaft zu reflektieren. Entsprechend werden AktivistInnen und MusikerInnen mit aktivistischem Hintergrund die Fragen aus der Perspektive ihres vergangenen und aktuellen politischen Handelns darstellen.

Der türkische Komponist und Klangforscher Turgut Erçetin rückt ganz bewusst akustische Aspekte des Klangs in den Fokus seines Schaffens. Klang einerseits in der differenzierten Schichtung und komplexen Wechselwirkung einzelner Frequenzen, andererseits aber auch in der Dynamik eines sich in der Zeit verändernden Phänomens. 1983 in Istanbul geboren, wuchs Turgut Erçetin in dieser Metropole zwischen Orient und Okzident auf. Prägend wurde für ihn aber nicht nur der interkulturelle Transferraum, sondern im Besonderen auch die spezifische Klanglandschaft der Stadt: „I grew up in Istanbul, and it’s soundscape basically infects my music“"

Also, wer noch nichts vor hat:

Offene Diskussion mit Pavlos Antoniadis, Turgut Erçetin (Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD 2016, http://bit.ly/1TKmf5C), Antye Greie, Mathias Spahlinger, Turgay Ulu
Moderation: Andrew R. Noble

Donnerstag 9.6.2016, 19:00 Uhr
exrotaprint, Gottschedstr. 4, 13357 Berlin