Minetti Quartett. Foto: Oliver Jiszda

Minetti Quartett. Foto: Oliver Jiszda

Feine Nuancen bei der Musik im Riesen

Die große Vielfalt des Streichquartetts und die Musik von Franz Schubert sind die bestimmenden Programmlinien des Festivals Musik im Riesen, das vom 19. bis 27. Mai 2017 in den Tiroler Ortschaften Wattens und Fritzens stattfindet.

Im Rahmen der vierzehnten Auflage gastieren das Minetti Quartett, das Quatuor Diotima, das Jerusalem Quartet mit der Klarinettistin Sharon Kam, das Belcea Quartet und das Kitgut Quartet. Der erweiterten Kammermusik widmen sich das berühmte English Chamber Orchestra, das mit dem Cellisten Nicolas Altstaedt auftritt, und das Berliner Scharoun Ensemble. Letzteres unterrichtet auch beim Masterclass-Programm „Impuls“ und verweist so auf einen weiteren Höhepunkt des Festivals: ein Konzert zum 50-jährigen Bestehen der Musikschule Wattens.

„Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“ Mit diesem Satz beschrieb Johann Wolfgang von Goethe die Quintessenz des Streichquartetts, jener kammermusikalischen Gattung, die Komponisten zu Experiment und technischer Verfeinerung, zu wagemutigen Neuerungen und essenziellen Entwicklungen anregt.

Anhand des Streichquartetts lässt sich ein Teil der Geschichte der Musik  erzählen, und so zeichnen im Programm von „Musik im Riesen“ 2017 gleich fünf international renommierte Streichquartette den Weg von den Anfängen im Barock bis in die Jetztzeit anhand exemplarischer Werke nach. Zu den Ursprüngen der Gattung im 17. Jahrhundert führt eines der wenigen Streichquartette, die sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben haben: das französische Kitgut Quartet rund um Amandine Beyer, einer Spezialistin der Alten Musik.

Verbindungen zwischen dem klassischen und romantischen Repertoire und den Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts zeigen vier der führenden Ensembles dieser Gattung auf: das Minetti Quartett, eines der herausragenden jungen österreichischen Quartette, sowie das französische Quatuor Diotima, das israelische Jerusalem Quartet, das mit der Klarinettistin Sharon Kam auftritt, und das britische Belcea Quartet, die alle Mitte der 1990er Jahre gegründet wurden und ihr (Zusammen-)Spiel und ihre Klangsprache über die Jahre geschärft haben.

Diese Stimmenvielfalt auf vier mal vier Saiten wird besonders augenfällig anhand der Werke von Franz Schubert, dem 2017 einer der Schwerpunkte von „Musik im Riesen“ gewidmet ist. Kompositionen aus allen Schaffensphasen – vom 1813 entstandenen Quartett D-Dur des 16-Jährigen bis zu seinem 1826 fertiggestellten letzten Werk für diese Besetzung, dem Streichquartett G-Dur D 887 – treffen dabei auf späte Quartette von Béla Bartók sowie auf Kompositionen aus dem 21. Jahrhundert. Neben einem Werk des britischen Komponisten Brian Elias sind es das 3. und 4. Streichquartett des künstlerischen Leiters Thomas Larcher sowie ein neues Werk des jungen deutschen Komponisten Gregor A. Mayrhofer, die das zeitgenössische Schaffen repräsentieren.

Mit der Musik Franz Schuberts führt der Weg nicht nur durch die Geschichte, sondern auch zur Kammermusik in größerer Besetzung. Sein Oktett D 803 steht im Konzert des Scharoun Ensembles, das von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker gegründet wurde, im Kontext zweier zeitgenössischer Werke, dem Oktett des jungen deutschen Komponisten Gregor A. Mayrhofer, das bei „Musik im Riesen“ seine österreichische Erstaufführung erlebt, und jenem des Tiroler Komponisten Haimo Wisser, in dem dieser einen neuen, erzählerischen Ansatz verfolgte.

Ein Höhepunkt der erweiterten Kammermusik ist am zweiten Festivaltag in ungewöhnlicher Umgebung zu hören. Mit dem English Chamber Orchestra gastiert eines der ganz großen, richtungweisenden Kammerorchester in der Reithalle am Schindlhof in Fritzens und spannt dort den Bogen von Joseph Haydn (neben Franz Schubert und Thomas Larcher der dritte Hauptkomponist des Festivals) zur Musik Ungarns im 20. Jahrhundert. Solist und Dirigent des Abends ist ein junger Star am Violoncello, der französisch-deutsche Virtuose Nicolas Altstaedt.

Begegnungen von Interpreten des Festivals und jungen Musikern ermöglicht „Musik im Riesen“ auch 2017 wieder im Rahmen des Masterclass-Programms „Impuls“. Am Tiroler Landeskonservatorium geben diesmal die Mitglieder des Scharoun Ensembles ihr Wissen an Bläser und Streicher weiter. Die Musikschule Wattens, die mit „Impuls“ ebenfalls seit Jahren eng verbunden ist, bestreitet anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens das Eröffnungskonzert von „Musik im Riesen“ 2017.