Festival Alte Musik Knechtsteden

Das Festival für Alte Musik in Kloster Knechtsteden bei Neuss unter Leitung von Hermann Max steht 2018 unter der Überschrift "Überleben".

Zur Mitteilung des Programms des Festivals für Alte Musik in Kloster Knechtsteden bei Neuss hat Dirigent Hermann Max sehr persönliche Gedanken zum zentralen Werk der kleinen Aufführungsreihe, die Markuspassion von Telemann, verfasst, die hier im Wortlaut wiedergegeben seien:

"Als Telemann 1721 als Lehrer und Kantor nach Hamburg wechselt, werden Musiker nicht mehr als Gaukler, Vagabund, Spielmann oder Seiltänzer schief angesehen, sondern gelten mehr und mehr als ehrenwerte Leute und Gelehrte. Einer der Gründe dafür mag das weltoffene und tolerante Hamburg sein, wo Fremde und Einwanderer aus aller Herren Länder mit dem Gefühl heimisch sind, Stadtluft mache frei; man habe als freier Citoyen allerdings auch Verantwortung im gesellschaftlichen Ganzen zu tragen.

In dieser weltoffenen Atmosphäre boomt die Wirtschaft. Ein europäisches Handelszentrum entsteht. Unberührt bleibt Hamburg vom Dreißigjährigen Krieg. Die Stadtväter unterstützen die schwedische Kriegsfinanzierung und schaffen ein Zentrum des Rüstungsmarktes. Eine internationale Nachrichtenbörse entsteht durch Zeitungen. Fri­scher Wind weht hier durch viele aufklärerische Köpfe. Für Men­schen mit le­bens­na­her Welt­sicht wird Re­li­gi­on auf All­tags­mo­ral re­du­ziert. Gerade Künst­ler, Dich­ter und Mu­si­ker haben über­all in Eu­ro­pa Sympathie für solche Zeit­strö­mungen. Te­le­mann mit­ten­drin.

1759 ist er 78 Jahre alt und zukunftsweisend. Da hat er gerade eine neue Markuspassion fertig, in der er unüberhörbar sagt: Zahllosen Menschen widerfährt seit eh und je ein Schicksal, das wir nur bei Jesus und seiner Aufopferung im Blick haben. Und dabei laufen die Jesus-Verräter-Charaktere nicht nur zu seiner Zeit herum. Auch heute. Ein paar Beispiele zeigen, wie er sie alle durch allegorische Figuren anklagt: Die Betrachtung fragt: Was klagen wir der schlafenden Jünger Schwachheit an? Wir tun doch selbst, was sie getan durch unser träges Herz.

Die Andacht klagt: Sind wir so tapfer, unsre Freuden zu verschmähn, um seinen Kampf mit auszustehn? Wir schlafen! Oft ist die stärkste Tugend schwach! Die Treue will wachrütteln: Ihr glaubet, euer Herz zu kennen und kennt es nicht. Es warnt Vernunft und Schrift. Umsonst. Ihr werdet einem Petro gleich. Mit solchen Einschüben in die Passion zeigt er: Judas als Verräter, Petrus als Verleugner, fliehende Freunde – es gibt sie zuhauf, nur mit anderen Namen. Trotz genialer technischer Fortschritte hat die Evolution dem Guten und Trüben im menschlichen Herzen keinen glücklichen Fortschritt beschert. Was Telemann 1759 beklagt erleben wir heute 1:1. Viele stimmen Benjamin Britten zu, wenn er schreibt: Ich glaube nicht an die Göttlichkeit Christi, aber daran, dass man seinem Beispiel folgen soll. Und das haben zahllose Menschen jeglicher Weltanschauung immer getan. Ihnen gilt jener Dank, der am Ende der Telemann-Passion Jesus zugesprochen wird. Sichtbar macht das alles Valerij Lisac auf seinem Vorhang, der mal Projektionsfläche für jene, die Jesu Beispiel folgen, und mal durchscheinend für ihn selbst ist.

Verleumdet, verraten, mit Lügen angeklagt, Opfer falscher Zeugen, willkürlich verurteilt und bei unvorstellbarer Qual hingerichtet – das hat nicht nur Jesus erfahren. Zahllos sind aus unserer Geschichte jene Biographien, in deren langer Reihe sein Fall voll unsagbaren Leids nur einer von vielen ist. Während im Konzert Telemanns Musik die Leidensgeschichte Jesu erzählt, zeigt Valerij Lisac auf transparentem Projektionstüll die Geschicke von verfolgten Menschenrechtlern, von Freisler-Opfern im Holocaust und das Elend von Mutigen während der Inquisition, das Leid von Indianern und Schwarzen bis hin zu Martin Luther King."

Programm: Georg Philipp Telemann Markuspassion, 1759, das Leid Jesu und Parallelfälle mit Veronika Winter (Sopran), Anne Bierwirth (Alt), Georg Poplutz (Tenor(, Markus Flaig (Bass), Ekkehard Abele Bass), Rheinische Kantorei, Das Kleine Konzert, Hermann Max,
 Valerij Lisac (Konzertinszenierung)

Das Festivalprogramm:

Samstag, 22.9.2018, 20 Uhr, Klosterbasilika Knechtsteden; Eybler: Oratorium Die vier letzten Dinge Beethoven: 5. Sinfonie c-Moll Solisten, Rheinische Kantorei, ensemble reflektor, Thomas Klug & Hermann Max

Sonntag 23.9.2018, 15 Uhr, Bullenstall Knechtsteden (Kulturhof); halbszenische Aufführung mit Musik aus dem 30jährigen Krieg, Ensemble all’improvviso

Sonntag, 23.9.2018, 20 Uhr, Klosterbasilika Knechtsteden; Motetten von Bach, Sandström, Schönberg, Brahms, Mendelssohn u.a. Kammerchor VOX BONA, Karin Freist-Wissing

Montag, 24.9.2018, 19 Uhr, Stadtbibliothek Dormagen; Vortrag mit Dr. Stefan Fischer

Dienstag, 25.9.2018, 20 Uhr, Kreismuseum Zons; musikalisch-literarische Soiree Midori Seiler (Geige), Kristian Bezuidenhout (Hammerflügel), Rainer Iwersen (Lesung)

Mittwoch, 26.9.2018, 20 Uhr, Klosterbasilika Knechtsteden; Telemann: Markuspassion 1759 - Das Leid Jesu und Parallelfälle Solisten, Rheinische Kantorei, Das Kleine Konzert, Hermann Max Valerij Lisa (Visuals)

Donnerstag, 27.9.2018, 19:30 Uhr, Christuskirche Dormagen; Orgelkonzert mit Werken von J.S. Bach (ab 18 Uhr After-Work-Empfang) Beate Rux-Voss (Orgel), Prof. Karl-Heinz Göttert (Gesprächspartner)

Freitag, 28.9.2018, 20 Uhr, Klosterbasilika Knechtsteden; Mittelalterliche Messen, Runenlieder und Volkslieder aus Estland Ensemble Heinavanker Estland

Samstag, 29.9.2018, 20 Uhr, Klosterbasilika Knechtsteden; Buxtehude: Oratorium Wacht! Euch zum Streit gefasst macht! (Das jüngste Gericht) Solistenensemble der Rheinischen Kantorei, Das Kleine Konzert, Hermann Max