Übernahme von der Münchner Biennale in Berlin: Ein Porträt des Künstlers als Toter. Foto: Smailovic/Biennale München

Übernahme von der Münchner Biennale in Berlin: Ein Porträt des Künstlers als Toter. Foto: Smailovic/Biennale München

Festival für Neues Musiktheater INFEKTION!

Davide Carnevalis und Franco Bridarollis "Ein Porträt des Künstlers als Toter", eine Koproduktion mit der Münchener Biennale, eröffnet in der Neuen Werkstatt das Festival für Neues Musiktheater INFEKTION! 2018 in Berlin.

 

Am 28. Juni eröffnet das neue Stück des italienischen Dramatikers Davide Carnevali "Ein Porträt des Künstlers als Toter" mit Musik des argentinischen Komponisten Franco Bridarolli die diesjährige Ausgabe des Festivals für Neues Musiktheater INFEKTION!, das in diesem Jahr zum letzten Mal stattfindet. Wie es mit der Neuen Musik an der Staatsoper weitergeht, berichtet Staatsopern-Dramaturg Roman Reeger am Montag, 25. Juni, ab 21:04 auf rbb Kulturradio in der Sendung "Musik der Gegenwart". Denn es geht weiter!

Das als Koproduktion entstandene Werk "Ein Porträt des Künstlers als Toter" wurde am 3. Juni 2018 bei der Münchener Biennale uraufgeführt. Der Autor Davide Carnevali übernimmt auch die Regie, das Bühnenbild und die Kostüme stammen von Charlotte Pistorius, als Schauspieler und Pianist ist Daniele Pintaudi zu erleben. Die persönliche Geschichte des Schauspielers Daniele Pintaudi beginnt mit einem Gerichtsverfahren wegen einer Wohnung in Argentinien, die ein Verwandter von ihm 1978 während der Militärdiktatur erworben hatte und einst dem Komponisten Franco Bridarolli gehörte, dessen Familie die Wohnung nun zurückfordert. Zusammen mit dem Autor Davide Carnevali reist Pintaudi 2015 nach Argentinien und erfährt hier die Geschichte Bridarollis, der zum Zeitpunkt seines Verschwindens an den Kompositionen eines zur Zeit der NS-Diktatur in Deutschland verschwundenen jüdischen Komponisten arbeitete.

Das Projekt kreist um die Abwesenheit des Körpers des desaparecido, des verschwundenen Menschen, dessen Schicksal – Deportation, Gefangenschaft und Tod – ungewiss bleibt. Wie kann man dem, der zum Schweigen gebracht wurde, die Stimme wiedergeben? Wie kann man die Kunst dem Künstler, dessen künstlerischer Ausdruck verboten wurde, zurückgeben? Und vor allem: Wie kann man seinen verschwundenen Körper wieder ans Licht bringen?

Davide Carnevalis Inszenierung vermischt reale Fakten und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart und thematisiert das Gefühl der Unsicherheit und Ungewissheit, welches das Verschwinden von Personen begleitet, deren Schicksale ungewiss bleiben. Die Kompositionen von Franco Bridarolli verbinden unterschiedliche Zeitebenen miteinander und werden somit zum Zeugnis eines Gedenkens an historische Ereignisse und geschichtliche Katastrophen.

Davide Carnevali, 1981 in Mailand geboren, wurde mit zahlreichen Hörspielpreisen ausgezeichnet, u. a. beim Berliner Stückemarkt des Theatertreffens (2009), beim »Premio Riccione per il Teatro« (2009), »Borrello alla nuova drammaturgia« (2011), »Journée des Auteurs de Lyon« (2012) und beim »Premio Platea« 2016. Der erste Teil seines »Diptych of Europe – Sweet Home Europa« wurde 2012 am Schauspielhaus Bochum und als Hörspiel von Deutschlandradio Kultur uraufgeführt. Nach einem Studium an der Freien Universität Berlin promovierte Carnevali an der Autonomen Universität Barcelona im Fach Theaterwissenschaft. Er unterrichtet Theaterwissenschaft an der Theaterakademie Paolo Grassi in Mailand. Seine Theaterstücke wurden bei verschiedenen internationalen Festivals aufgeführt und in 12 Sprachen übersetzt.

Daniele Pintaudi ist in der Schweiz geboren, italienischer Herkunft. Er studierte Klavier in La Chaux-de-Fonds, Zürich, Paris und Basel und danach Schauspiel in Genf sowie experimentelles Musiktheater in Bern. In den letzten Jahren arbeitete er als Schauspieler und Musiker an verschiedenen Theatern, u. a. am Theater Basel, am Deutschen Theater Berlin, am Théâtre Vidy Lausanne, in der Gessnerallee Zürich, am Schauspielhaus Zürich, am Konzert Theater Bern, am Hebbel am Ufer (HAU) und am Radialsystem Berlin, am Théâtre Le Poche Genf, am Théâtre Le Public Brüssel, am Théâtre Populaire Romand und am Théâtre ABC La Chaux-de-Fonds. Mit dem Schweizer Regisseur Thom Luz verbindet ihn eine kontinuierliche Zusammenarbeit, mit dessen Stücken gastierte er in Frankreich, Deutschland, Island, Finnland, Israel, Polen, Holland und in der Schweiz. Darüber hinaus war er in den letzten Jahren bei zwei Produktionen von Ruedi Häusermann zu sehen.