Bl. 15 der neu erworbenen Musikhandschrift mit dem Beginn einer Vertonung von Psalm 82 „Deus quis similis erit tibi“ des schlesischen Komponisten Virgil Haug/Hauck (um 1540); Ratsschulbibliothek Zwickau

Bl. 15 der neu erworbenen Musikhandschrift mit dem Beginn einer Vertonung von Psalm 82 „Deus quis similis erit tibi“ des schlesischen Komponisten Virgil Haug/Hauck (um 1540); Ratsschulbibliothek Zwickau

Festkonzert zur Noten-Neuerwerbung

Die Ratsschulbibliothek Zwickau erwirbt das „Manuskript Utrecht“, eine Musikhandschrift, die der vermögende Tuchhändler und humanistisch gebildete Zwickauer Bürger Jodocus Schalreuter (ca. 1487-1550) zwischen ca. 1540 und 1550 anlegte.

Zu den besonderen Schätzen der international vor allem für ihren umfangreichen Fundus an schriftlichen Quellen aus der Zeit der Reformation bekannten Ratsschulbibliothek Zwickau zählt die Sammlung von etwa 1.200 Musikhandschriften und -drucken des 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Nun gelang es der Bibliothek, diese Sammlung mit einem für die nachreformatorische Musikgeschichte Mitteldeutschlands wichtigen Zeugnis zu ergänzen.

Aus Privatbesitz erwarb die Ratsschulbibliothek das nach seinem bisherigen Aufbewahrungsort benannte „Manuskript Utrecht“, eine Musikhandschrift, die der vermögende Tuchhändler und humanistisch gebildete Zwickauer Bürger Jodocus Schalreuter (ca. 1487-1550) zwischen ca. 1540 und 1550 anlegte. Die offizielle Präsentation der Neuerwerbung erfolgt im Festkonzert am Samstag, dem 18 März um 17 Uhr. In den KUNSTSAMMLUNGEN ZWICKAU tritt dann das Sächsische Vocalensemble aus Dresden auf.

Das Manuskript stellt das Diskant-Stimmbuch (höchste Stimme) eines ursprünglich aus fünf oder sechs Stimmbüchern bestehenden Konvoluts dar, dessen übrige Teile aber leider verloren sind. Jodocus Schalreuter, dessen Schreiberhand als kalligraphisch schönste mitteldeutsche Musikerhandschrift des 16. Jahrhunderts gilt, zählt als Sammler von mehrstimmiger Musik zu den wichtigsten Persönlichkeiten der nachreformatorischen Musikpflege in Mitteldeutschland. Seine Notenhandschriften überliefern Werke berühmter europäischer Meister und regionaler Komponisten seiner Zeit, die in Kirche, Schule und protestantischem Bürgerhaus in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert erklangen.

Das von der Ratsschulbibliothek Zwickau neu erworbene Manuskript enthält die Diskantstimme zu 64, teilweise nur hier überlieferten Kompositionen. Es überwiegen lateinische und deutschsprachige Psalmvertonungen für vier bis sechs Stimmen, u.a. von Ludwig Senfl, Thomas Stoltzer, Ulrich Brätel sowie zahlreicher Komponisten des mittel- und oberdeutschen Raumes. Alle drei der Musikforschung bekannten Notenhandschriften Jodocus Schalreuters befinden sich damit im Besitz der Ratsschulbibliothek Zwickau.

Der Ankauf erfolgte mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, dem Kulturraum Vogtland-Zwickau sowie des Fördervereins Freunde der Ratsschulbibliothek Zwickau e.V. Die Handschrift ist derzeit als Exponat in der Ausstellung „Erneuerung & Eigensinn. Zwickaus Weg durch die Reformation“ noch bis zum 28. Mai 2017 in den KUNSTSAMMLUNGEN ZWICKAU Max-Pechstein-Museum.

Psalmvertonungen aus den Notenhandschriften Jodocus Schalreuters, ergänzt um Motetten von Heinrich Schütz bietet das Sächsische Vocalensemble unter der Leitung von Matthias Jung in dem Festkonzert am 18. März. Im Jahre 1996 von Matthias Jung in Dresden gegründet, avancierte das Ensemble in kürzester Zeit zu einem in Deutschland und international geschätzten Klangkörper. Maßstabsetzende Aufführungen Alter Musik, stilistische Sicherheit, artikulatorische Präzision, intonatorische Souveränität, Virtuosität und emotionale Tiefe sind zum Markenzeichen des Ensembles geworden. Seit seiner Gründung wird das Ensemble von Rundfunkanstalten verpflichtet und gastiert auf renommierten Festivals. Konzerttourneen führten das Ensemble nach Frankreich, Tschechien, Polen, Italien, Österreich und 2009 und 2011 nach Japan. International erregte das Ensemble insbesondere durch seine Interpretation der Werke Johann Sebastians Bachs Aufmerksamkeit. Die Einspielung seiner Motetten wurde im Jahre 2002 mit dem bedeutendsten internationalen Preis für klassische Musik, dem „Cannes Classical Award“ ausgezeichnet. 2004 erhielt die Weltersteinspielung von Ernst Peppings Chorzyklus „Heut und Ewig“ nach Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe den Preis der Deutschen Schallplattenkritik.

Matthias Jung wurde 1964 in Magdeburg geboren und begann seine musikalische Ausbildung an der Spezialschule für Musik und im Rundfunkjugendchor in Wernigerode. Es folgten Studien im Fach Chor- und Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Dort gründete er das erfolgreiche Vocal Consort Weimar. Er wurde an zwei renommierte deutsche Knabenchöre verpflichtet: zunächst an den Tölzer Knabenchor, danach an den Dresdner Kreuzchor. Zahlreiche Werke der mitteldeutschen Musiklandschaft, insbesondere der Dresdner Hofkirchenmusik sowie Kompositionen aus den Beständen der Fürsten- und Landesschule St. Augustin Grimma, wurden durch ihn erschlossen und neu aufgeführt. Mit gleichem Engagement setzt sich Matthias Jung für die Pflege zeitgenössischer Vokalmusik ein. Renommierte Ensembles verpflichteten ihn, so die Rundfunkchöre in Berlin, Hamburg, Köln und das Biwako Hall Vocal Ensemble (Japan). Er gastierte erfolgreich in Europa, den USA und Japan. Seine zahlreichen CD-Produktionen wurden u.a. mit dem Cannes Classical Award und dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Matthias Jung erhielt den Förderpreis für Kunst und Kultur der Landeshauptstadt Dresden.