Früher langsamer Satz Bruckners

Als Bruckner 1862 mit dem Theaterkapellmeister Otto Kitzler studierte, komponierte er verschiedene Übungen, die in seinem berühmten ›Kitzler-Studienbuch‹ erhalten sind, das kürzlich von der Österreichischen Nationalbibliothek erworben und anschließend in einer Faksimile-Ausgabe veröffentlicht wurde.

Unter diesen Studien finden sich vier bisher unbekannte Sätze für Steichquartett – ein fantasieähnlicher Satz in d-moll, dessen Struktur nicht ganz eindeutig klar ist, ein unvollständiger Satz von Variationen über ein Originalthema in Es-Dur, ein Menuett mit Trio in B-Dur und ein bemerkenswertes Scherzo in g-moll. Das letztere - ein dunkler, rascher Satz mit einem sonnigen, an Schumann gemahnenden Trio in G-Dur - wurde 2015 von Benjamin-Gunnar Cohrs für Streichorchester bearbeitet.

Cohrs hat in dem Arrangement eine Kontrabass-Stimme und alle Spielanweisungen hinzugefügt. Um eine bessere Wirkung zu erzielen, wurde leicht in die Struktur der Skizze eingegriffen, indem die Wiederholungen im Hauptteil im da Capo nach dem Trio herausgenommen wurden; außerdem wurde die im Original am Ende des Hauptsatzes direkt vor dem Trio stehende, wirkungsvolle Coda für das da Capo aufgehoben, um die Schlußwirkung zu verstärken.  

Die Weltpremiere dieses etwa 7 Minuten langen Satzes ist nun im Rahmen eines Projektes vom Göttinger Barockorchester zu hören, das von Benjamin-Gunnar Cohrs am Samstag, 28. Mai 2016 um 19.30 im Sendesaal Bremen sowie am Sonntag, 29. Mai 2016 um 17 Uhr in der St. Jakobi Kirche zu Peine (bei Hannover) dirigiert wird.

Das Programm enthält auch die Erstaufführung einer weiteren Bruckner-Bearbeitung des Dirigenten – das ›Perger Präludium‹ für Orgel in C-Dur. Außerdem erklingen Werke von Ottorino Respighi (Antiche Danze ed Arie per Liuto, Suite III), Edward Grieg (Lieder op. 33/3, 2 & 12), Maurice Ravel (Berceuse sur le nom de Faurè; Menuet sur le nom d' Haydn, beide bearbeitet von B.-G. Cohrs), Edward Elgar (Serenade e-moll op. 20), Frederick Delius (To be sung of a summer night on the water, neu arrangiert von Cohrs) und Gustav Holst (St. Paul's Suite op. 29/2). Das 22-köpfige Orchester musiziert in historisch informierter Aufführungspraxis auf Darmseiten mit a = 435. Die Konzerte werden mitgeschnitten und sollen später auf Tonträgern veröffentlicht werden.