Gute Unterhaltung mit Operette, hier "Die Blume von Hawaii" in Dortmumd. Foto: Björn Hickmann

Gute Unterhaltung mit Operette, hier "Die Blume von Hawaii" in Dortmumd. Foto: Björn Hickmann

Gute Operette statt schlechter Karneval

Karnevalsflucht: Auf der Suche nach gut gelaunter Unterhaltung, die Geschmack und Kultiviertheit nicht beleidigt, wurde unser Kölner Autor Johannes Schmitz in Düsseldorf und Dortmund fündig.

Natürlich gibt es auch öffentliche Veranstaltungen unter dem Oberbegriff des Karnevals, die man nüchtern überstehen kann: Der Ur-Kölner Burkard Sondermeier etwa hat mit seinem "Karneval einmal klassisch" so ein Format geschaffen. Aber ansonsten: Das handelsübliche und reichlich mit öffentlich-rechtlichen Mitteln geförderte Brauchtums-Niedergangs-Programm wird in seiner Breite immer unerträglicher (auch hier mag es Ausnahmen geben). Was ist die Alternative?

Nach einem Selbstversuch lautet eine Antwort: die Operette! Greifen wir zwei Angebote heraus: "Die Blume von Hawaii" in Dortmund und "Der Graf von Luxemburg" in Düsseldorf. Empfehlen kann man, dies sei vorausgeschickt, beide Aufführungen. Sie taugen aber auch als Studienobjekt für die unterschiedlichen Möglichkeiten und Wege, die man mit der Operette gehen kann.

In Dortmund haben die Verantwortlichen eine Grundsatzentscheidung getroffen, die dem Freund des klassischen Gesangs (und Theaterspiels) missfallen kann: Die Sänger-Schauspieler sind mit auf den Wangen angeklebten schmalen Mikrofonen unterwegs, wie man sie vom Musical kennt. Das senkt den vokalen Schwierigkeitsgrad für die Darsteller erheblich. Die große Herausforderung für Operettendarsteller, mit guter Diktion dynamisch höchst flexibel auszusingen, klingend zu sprechen, dabei vital zu agieren, und dies alles immer wieder in unterschiedlichen Reihenfolgen, wird mit der elektronischen Verstärkung des Singens und Sprechens aufgegeben. Konsequenterweise wird die Rolle der Bessie sogar mit einer beltenden Musicalsängerin besetzt (Karen Müller, die das im Übrigen sehr gut und überschäumend temperamentvoll macht). Lyrisch schön gesungen wird an diesem Abend leider kaum, auch nicht von den Hauptdarstellern, allenfalls die Soubrettenrolle der Raka liegt bei Verena Barth-Jurca in gesanglich fachkundiger Kehle.

Und diese Aufführung ist dennoch zu empfehlen? Ja! Das ist sie. Denn es wird wunderbar gespielt und in herrlichen Choreografien viel getanzt - und in den meisten Fällen immerhin textverständlich gesungen. Die Aufführung ist eine Werbung für den Unterhaltungswert von Musiktheater. Es hat große Freude gemacht, das mitzuerleben.

Und sie schafft es darüber hinaus, die verworrene Handlung dieser Operette um Amerikas Machtstreben und das hawaiianische Flair höchst intelligent zu umrahmen und dabei als Ergänzung zum Original auch noch die Geschichte des Komponisten Paul Abraham zu erzählen, der vor den Nazis in die USA weichen musste, wo er aber kein Comeback erlebte. Diese Rahmenhandlung (bis zum Ende im Hamburger Sanatorium nach dem Krieg) dehnt den Abend zwar auf satte drei Stunden, aber man bereut keine Minute davon. 

Völlig anders geht man an der Deutschen Oper am Rhein das Thema Operette an, hat mit Lehárs Graf von Luxemburg aber auch eine Geschichte, die mehr Psychologie enthält und die Personen ernster nimmt, ansatzweise zumindest. Der Grundsatzentscheidung von Dortmund, die Natürlichkeit der Stimmen im Raum dem (höchst unterhaltsam realisierten) Konzept zu opfern, steht in Düsseldorf das Urvertrauen in die rein menschlichen Dimensionen des Theaterspielens und Singens gegenüber.

Auch hier mit den entsprechenden Konsequenzen: Die Textverständlichkeit der Sänger variiert, die Darstellung inklusive (kaum vorhandener) tänzerischer Elemente ordnet sich den Notwendigkeiten des Singens unter. Die Darsteller beweisen allesamt, dass es keiner künstlichen Verstärkung bedarf und singen auf einem völlig anderen Niveau als in Dortmund, wobei in der in Düsseldorf besuchten Vorstellung gerade die Titelpartie gesanglich leider sehr abfällt. Romana Noack hingegen als Verkörperung der Theaterdiva mit Herz, Bruce Rankin als mafioser russischer Fürst oder Cornel Frey als Maler singen, spielen und sprechen großartig. Die Regie und das Bühnenbild schaffen um sie herum eine Vielzahl an Typen (etwa das herrliche Verbrecher-Trio, das den Fürsten umgibt) sowie an Bildern und Situationen, die der Handlung dienen, komisch sind, aber dabei nie überdrehen. Auch in Düsseldorf - unter völlig anderen theaterpraktischen Vorzeichen - gebührt dem gesamten Ensemble auf der Bühne und dem ganzen Team über, unter, neben und hinter der Bühne ein großer Dank für einen höchst unterhaltsamen Abend.

Beide Aufführungen können auch für andere Häuser Ermutigung sein, aus dem reichen Schatz des Operettenrepertoires das jeweils Passende für sich herauszugreifen und mit einem klaren Konzept umzusetzen. Und sich dabei nicht zu scheuen, die Stücke klug und unterhaltsam in unsere Zeit zu holen. Dann ist Operette das pralle Leben des Musiktheaters.