Die Capella Augustina unter Andreas Spering im Treppenhaus von Schloss Augustusburg. Foto: Brühler Schlosskonzerte

Die Capella Augustina unter Andreas Spering im Treppenhaus von Schloss Augustusburg. Foto: Brühler Schlosskonzerte

Haydn vor den Toren Kölns

Die Brühler Schlosskonzerte machen das hallige Treppenhaus von Schloss Augustburg wieder zum Podium für die Elite deutscher und internationaler Barock-Ensembles. Darunter eines, das vielleicht vor seinem Auftritt bei Köln noch den Namen ändern muss, der dem olympischen Komitee zu olympisch ist. Die Pflege des Werks von Joseph Haydn bildet wieder einen Schwerpunkt.

„Haydns Werk ist so bedeutend und umfangreich, dass wir ihn 25 Jahre spielen könnten, ohne uns zu wiederholen“, prognostizierte Andreas Spering bereits vor einem knappen Jahrzehnt. Seit seinem Amtsantritt als Künstlerischer Leiter der Brühler Schlosskonzerte 1996 hat er durch die Gründung des in Deutschland einzigen Haydn-Festivals und die dabei eingegangene wissenschaftliche Kooperation mit dem Joseph Haydn-Institut Köln das dortige Konzertangebot konsequent auf diesen Übervater der Wiener Klassik ausgerichtet.

So ist Brühl mittlerweile zu dem Zentrum deutscher Haydn-Pflege avanciert, wo mit Schloss Augustusburg auch ein adäquat hochherrschaftlicher, zum UNESCO- Welterbe erklärter Spielort zur Verfügung steht. Für den Sommer 2016 weisen die Brühler Schlosskonzerte insgesamt 27 Veranstaltungen von Anfang Mai bis Ende August aus – mit dem programmatischen Höhepunkt des Haydn-Festivals vom 19. bis 28. August. Dem vorgeschaltet ist ein am 7. Mai beginnender Block von Schlosskonzerten mit Spezialisten der Historischen Aufführungspraxis wie dem Cölner Barockorchester, dem Ensemble Aux Pieds Du Roi oder der Capella Augustina, dem 2002 von Andreas Spering gegründeten Orchester der Brühler Schlosskonzerte.

In einem gemeinsam mit dem WDR veranstalteten Sonderkonzert wird zudem Ars Antiqua Austria unter Gunar Letzbor zu erleben sein. Und traditionsgemäß schließen sich dem Haydn-Festival auch 2016 wieder die beliebten Feuerwerkskonzerte am letzten August-Wochenende an – inklusive eines speziellen Paket-Angebots mit vorausgehendem „Konzert-Menü“.

Die Aufführung aller sechs „Pariser Sinfonien“ Joseph Haydns innerhalb dreier Abende durch die Capella Augustina unter Andreas Sperings Leitung bildet sozusagen die dramaturgische Lebensader des diesjährigen Haydn-Festivals (19. bis 28. August). „Ganz besonders freue ich mich dabei auf den letzten, mit ‚Paris, mon Amour‘ überschriebenen Teil, wenn neben den Haydn-Sinfonien Nr. 83 und 84 auch das Melodrama ‚Pygmalion‘ von Georg Anton Benda auf dem Programm steht. Denn gerade dieser Mythos hat das damalige Zeitalter sehr beschäftigt“, so Spering (27. & 28.8.). Im mittleren Konzert dieser Trias (23.8.) darf sich das Publikum auf die Sinfonien Nr. 82 und 87 freuen, und daneben auf einen Divertimento-Geniestreich des erst 13-jährigen Mozart: die Cassation G-Dur KV 63, im Jahre 1769 für lauschige Salzburger Sommernächte komponiert.

Im ersten Konzert des Zyklus (19.8.) mit den Haydn-Sinfonien Nr. 85 und 86 wird Ronald Brautigam zudem am Hammerklavier Mozarts Klavierkonzert Nr. 14 Es-Dur KV 449 interpretieren: „Ein ganz feiner Musiker ohne jegliche Starallüren, der es als einer von nur wenigen versteht, in kürzester Zeit von modernem auf historisches Instrumentarium umzustellen“, betont Spering.

Davon können sich die Festival-Besucher vor Ort selbst überzeugen, wenn der niederländische Tastenvirtuose am Folgetag (20.8.) in seinem Solo-Recital „Mozarts Geist aus Haydns Händen“ dann einen modernen Flügel spielt. Von besonderem Reiz dürfte beim diesjährigen Festival auch das zeitnahe Erleben gleich vier weiterer außergewöhnlicher Pianisten sein: So präsentiert sich Jean Rondeau, der neue fran- zösische Shootingstar unter den Cembalisten, an der Seite des Kammerorchester Basel mit drei Bachschen Konzerten (22.8.).

Der Belgier Lucas Blondeel, Stipendiat der Deutschen Stiftung Musikleben und der Studienstiftung des Deutschen Volkes, zeigt seine besonderen Fertigkeiten auf dem Hammerklavier bei Mozarts Klavierkonzert Nr. 15 B-Dur KV 450, begleitet von Le Concert d’Anvers unter Bart Van Reyn (27. & 28.8.).

Zudem hat Andreas Spering auch einen Klavierduo-Abend ins diesjährige Festival integriert: „Programmatisch besonders spannend erscheint mir das Konzert "Zwei Flügel, vier Hände" mit dem GrauSchumacher Piano Duo mit einer Busoni-Bearbeitung der ‚Zauberflöten‘-Ouvertüre zu Beginn sowie einem Busoni-Werk nach der Pause, ergänzt durch Haydns Il Maestro e lo Scolare sowie die Brahmsschen Haydn-Variationen.“

Dass sich das Haydn-Festival ebenfalls als eine Plattform für den hochbegabten Nachwuchs der internationalen Alte-Musik-Szene versteht, wird auch durch die Einladung des erst 2015 gegründeten Orchesters Le Concert de la Loge Olympique mit seinem Leiter Julien Chauvin deutlich, das in Brühl sein Deutschland-Debüt geben wird.

Der Name des französischen Ensembles geht auf jenes Orchester zurück, für das Haydn seinerzeit die „Pariser Sinfonien“ schrieb. Ungeachtet dieser musikhistorischen Bezugnahme verwahrt sich aktuell das Olympische Komitee gegen diese Namensgebung bzw. -führung.

Und so könnten die Brühler Festivalbesucher zu den Ersten und Letzten gehören, die hierzulande ein Konzert von Le Concert de la Loge Olympique erleben – zumindest unter dieser Firmierung. Weitere außergewöhnliche Klangerlebnisse versprechen im Rahmen des Haydns-Festivals 2016 das Signum Saxophone Quartet mit raffinierten Bläserbearbeitungen u.a. von Bachs „Italienischem Konzert“ BWV 971 und Haydns Streichquartett op. 20 Nr. 5 (26.8.) sowie die Hamburger Ratsmusik um die Gambistin Simone Eckert, die u.a. drei Haydn-Werke für Baryton spielen wird – jenes Streichinstrument, das 6 bis 7 Griffsaiten sowie sage und schreibe 9 bis 27 weitere Saiten unter dem Griffbrett aufweist (27. & 28.8.).

Das Cölner Barockorchester, eine der vielversprechendsten neuen Formationen aus Deutschlands Alte-Musik-Hauptstadt Köln, eröffnet die Schlosskonzerte-Saison und damit auch den diesjährigen Abo-Zyklus mit dem Programm „Con Amore – Liebe auf Italienisch“ (7. & 8.5.). Den Konzertbesucher erwartet manch amouröse Repertoireüberraschung: Neben Vivaldi und Telemann stehen etwa auch die Sinfonia zur Oper „Pallade e Marte“ der Komponistin Maria Margherita Grimani oder die Sonate Nr. 8 aus den „Quatorze Sonates à cinq“ von Carl Rosier auf dem Programm.

Die musikalischen Lachmuskeln möchte die Capella Augustina unter Andreas Spering mit einem reinen Mozart-Programm strapazieren: Bei „Ein Musikalischer Spaß“ (21. & 22.5.) gibt der Künstlerische Leiter der Schlosskonzerte mit dem von ihm gegründeten Orchester die „Lodronische Nachtmusik“ KV 247, das „Dorfmusikanten-Sextett“ KV 522 und das „Nannerl-Septett“ KV 251 zum Besten. Sein außergewöhnliches Talent an der Klaviatur zeigt „Ein neuer Stern am Pianisten-Himmel“, der 2015 als Nachwuchskünstler mit dem Gramophone Classical Music Award ausgezeichnete Joseph Moog, in einem epochenübergreifenden Solo-Recital (4. & 5.6.), in dem Beethovensche und Regersche Variationenwerke neben Debussy und J.S. Bach in einer Busoni-Bearbeitung erklingen.

In einem weiteren Programm der Capella Augustina unter dem Titel „Vier Jahreszeiten – Quattro Stagioni“ (18. & 19.6.) wird dann erstmals in der Geschichte des Orchesters nicht Andreas Spering am Dirigentenpult stehen, sondern seiner Konzertmeisterin Chouchane Siranossian die Leitung des dann solistisch besetzten Orchesters überlassen. Neben dem Vivaldi-Klassiker steht ein weiteres Werk auf dem Programm, in dem die Reinhard-Goebel-Schülerin auch als Solistin brillieren kann: Bachs c-Moll-Konzert BWV 1060, das man gemeinhin als Doppelkonzert für zwei Klaviere kennt, im Original aber wohl Violine und Oboe (Solistin: Clara Geuchen) vorsieht.

Im letzten Abo-Programm präsentiert das Duo Aux Pieds Du Roi (Michael Form, Blockflöte und Dirk Börner, Cembalo) sozusagen „Cover- Versionen“ von und nach Johann Sebastian Bach: „Bach remixed“ (2. & 3.7.). Feuerwerke zu Livemusik und andere Sonderkonzerte 2016 sind die Brühler Schlosskonzerte bereits zum neunten Mal in Folge Gastgeber für ein Konzert der Reihe „WDR 3 Alte Musik in NRW“ (3.6.). Im Prunktreppenhaus von Schloss Augustusburg ist diesmal das von Gunar Letzbor gegründete Originalklang-Ensemble Ars Antiqua Austria mit seinem Programm „Vom Völlern, vom Tanzen und vom Beten“ zu erleben. Für den Rundfunk-Mitschnitt haben die österreichischen Musiker mit Entdecker-Gen Geistliches wie Weltliches, Werke sowohl zur frommen Andacht als auch zum beschwingten Tanzen oder maßlosen kulinarischen Genuss herausgesucht... und dabei zuverlässig weitgehend unbekannte Komponistennamen im Gepäck. Überraschungen sind also garantiert.

Das letzte August-Wochenende (27. & 28.8.) steht in Brühl dann ganz im Zeichen des musikalischen Feuerwerks. Im Park des Schlosses Augustusburg sind an beiden Abenden nach Einbruch der Dunkelheit rund 30-minütige Boden-, Terrassen- und Höhenfeuerwerke zu erleben, während das Neue Rheinische Kammerorchester unter Gerhard Peters Händels „Feuerwerksmusik“ live musiziert. Wer das Ganze mit einem erlesenen Konzert-Menü kombinieren möchte, bei dem Sören Leupold (Laute) und Wouter Mijnders (Violoncello) für die musikalische Kulinarik verantwortlich zeichnen, hat dazu am Sonntag (28.8) um 18 Uhr im „Restaurant 1875“ im Brühler Kaiserbahnhof die Möglichkeit.