In bocca al lupo? Oder pure Technik? Bild: FONO FORUM

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His Master's Voice - oder his Voice's Master?

Klang Carusos Stimme auf Schellack besser als in Natura? Auf jeden Fall hat die Aufnahme und Wiedergabe der menschlichen Singstimme Einfluss auf Stil und Geschmack der Sänger und damit auch darauf, wie die Sänger singen. Ein musikwissenschaftliches Forschungsprojekt widmet sich nun diesem Themenkomplex.

Ein neues Forschungsprojekt will den Zusammenhang zwischen Körper-, Gesangs- und Mediengeschichte erhellen. Dabei werden historische Tonaufnahmen von Stimmen unter klanglich-akustischen Aspekten neu bewertet. „In der Vergangenheit bildeten historische Aufnahmen von Stimmen die Basis für eine bestimmte Vokalpraxis, was Auswirkungen auf den Marktwert des Interpreten hatte“, schildert Projektleiterin Karin Martensen. „Der große Tenor Enrico Caruso hat sein Engagement an die Metropolitan Opera ausschließlich seinen Tonträgeraufnahmen zu verdanken.“

Diese Erkenntnis wird nun zusätzlich um den Aspekt der Klangübertragung ergänzt. „Durch die Entwicklung von technischen Möglichkeiten der akustischen Klangaufnahme und -wiedergabe, angefangen mit Phonograph und Grammophon, blieb auch die technische Einflussnahme auf die Klangqualität der Stimme nicht aus“, führt Malte Kob aus, Professor für Theorie der Musikübertragung. „Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Übertragung des Stimmschalls über den Schalltrichter und die Nadel eines Gerätes sich unweigerlich auf den Klang der Stimme auswirkten. Somit liegt die Vermutung nahe, dass die Konstitution des Gerätes einen direkten Einfluss auf das Klangerlebnis ausübt und neben störenden Artefakten möglicherweise sogar eine Klangverbesserung erzielen konnte.“

Historische Gesangsaufnahmen sind damit auch Quellen für eine durch die Bedingungen des Mediums geprägte Ästhetik. „Mit der Annahme, dass der Mediendiskurs eng mit dem Körperdiskurs verwoben ist, untersuchen wir, inwiefern das neue Medium ,Tonaufnahmeʻ Auswirkung auf Gesangskarrieren, auf Gesangsunterricht und auf Gesangsästhetik hatte“, erklärt Rebecca Grotjahn, Professorin für Musikwissenschaft. „All das kann uns helfen, zu klären, welchen Einfluss die Tonaufnahme auf das Singen und damit auch auf den Körper hatte“, so sind sich alle Beteiligten einig.

Das Team erhält personelle Unterstützung durch drei neue Doktorandenstellen in der Musikwissenschaft sowie eine weitere in der Musikalischen Akustik. Weitere Stellen des Projektes werden in Kürze auf den Karriereseiten der jeweiligen Institutionen ausgeschrieben. Innerhalb von Symposien sollen bald erste Ergebnisse zusammengetragen und diskutiert werden. Münden soll das Vorhaben in einer Buchpublikation, Fachartikeln sowie Software zur Modellierung des Klangs von Stimmaufnahmen, die dann der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

„Technologien des Singens“ heißt das neue Forschungsvorhaben, in dem das gemeinsame Musikwissenschaftliche Seminar der Universität Paderborn und der Hochschule für Musik Detmold und das Erich-Thienhaus-Institut der Hochschule für Musik Detmold künftig eng zusammenarbeiten werden. Die beiden Institute haben einen gemeinsam gestellten Antrag von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt bekommen. Ihnen stehen nun eine Million Euro für insgesamt 36 Monate zur Verfügung. Beteiligt an dem Projekt ist eine Arbeitsgruppe  um drei Hauptakteure: Prof. Dr. Rebecca Grotjahn, Professorin für Musikwissenschaft und geschäftsführende Leiterin des Musikwissenschaftlichen Seminars, Prof. Dr.-Ing. Malte Kob, Professor für Theorie der Musikübertragung am Erich-Thienhaus-Institut und Leiter von Studiengängen zur Musikalischen Akustik sowie die Musikwissenschaftlerin Dr. Karin Martensen, die als Projektleiterin für die Koordination, wissenschaftliche Kommunikation und Organisation verantwortlich ist.