Musikjournalist Gerhard Bauer mit der Sängerin Cristiane Oelze in Genf. Foto: privat

Musikjournalist Gerhard Bauer mit der Sängerin Cristiane Oelze in Genf. Foto: privat

Huch, ein Kritiker!

Über dreieinhalb Jahrzehnte hat Gerhard Bauer als Musikkritiker die öffentliche Meinung in Köln mitgeprägt und sich dabei nicht immer beliebt gemacht. Über sein Leben zwischen den Fronten Publikum, Musiker, Chefredakteure und Herausgeber hat er nun eine lesenswerte Autobiografie geschrieben.

Der Niedergang der Tageszeitungskultur in Deutschland bleibt auch für das Musikleben nicht ohne Folgen. Diskutierte man früher im Foyer der Theater oder Konzertsäle die Besprechungen der örtlichen Tageszeitungen, so fällt diese Instanz heute meistens weg, da immer weniger Menschen auch in interessierten Kreisen sich eine Tageszeitung halten. Und da, angeblich durch den Druck der fallenden Auflagen, immer mehr Verlage und Chefredaktionen dazu übergehen, möglichst antielitär schreiben zu lassen - was allerdings die fallenden Auflagen auch nicht rettet - finden die gut informierten Kreise immer weniger Grund, die lokale Presse am Prozess der eigenen Meinungsbildung teilhaben zu lassen. 

Beim Kölner Stadt-Anzeiger, dessen Auflage ebenfalls von Jahr für Jahr weiter absackt, war Gerhard Bauer viele Jahre lang diese Instanz, an der sich die Musikfreunde rieben und orientierten und über die sich die Musiker ärgerten (bis hin zu Klagen vor Gericht) oder auch freuten, wenn es Lob gab.

Gerhard Bauer, Jahrgang 1940, hat nun eine Autobiografie vorgelegt, die teils sehr Persönliches mit den Zeitäufen des Musiklebens in Köln und darüber hinaus verbindet und die vor allem ein Plädoyer für den Berufsstand des Kritikers ist, wenn man ihn denn ernst nimmt und auf der Basis eines profunden Wissens mit der Fähigkeit zur Selbstkritik bekleidet.

Das Buch beginnt nicht zufällig mit biografisch begründeten Überlegungen zur Sprache. Bauer wuchs in Wien auf und kam dort zu Kriegszeiten als Kind erstmals mit dem nicht wienerisch erweichten Gebrauch des Hochdeutschen in Berührung. Nach den Schilderungen der unvollendeten praktischen Studien der Musik und der theoretischen der Musikwissenschaften stellt er rückblickend fest, dass er nun auch zu den gescheiterten Existenzen gehört habe, also weder ausübender Musiker, noch Wissenschaftler geworden sei.

Dieses natürlich leicht selbstironisch eingefärbte Bild ist insofern mehr als pure Selbstbetrachtung, da es das Wesen des Kritikers konstituiert, der notwendigerweise immer dazwischen hängt. In dieser Rolle begann Bauer sich in den 60er Jahren einzurichten. Im Gegensatz zu den Wiener Kollegen fand der junge Schreiber die deutschen Vorbilder viel spannender: Karl Schumann und Joachim Kaiser inspirierten ihn.

Grundlegende Erkenntnisse über das eigene Tun bildeten sich aus. "Jeder Musikfreund, der sich über eine Kritik grün und blau geärgert hat und dann dem Rezensenten grimmig bedeutet, er müsse wohl in einem anderen Konzert gewesen sein, hat recht", schreibt Bauer. Wie recht, das sollte er zwei Jahrzehnte später bei der Eröffnung der Kölner Philharmonie in spezieller Weise erneut bestätigt bekommen. Die schwierige und sehr uneinheitliche Akustik des unterirdischen Konzertsaales hat er immer wieder kritisiert - und sich dafür die Gegenwehr auch des damaligen Intendanten Franz Xaver Ohnesorg zugezogen.

Da war Bauer bereits die langsam ergrauende musikalische Eminenz der Domstadt, in die er 1969 gekommen war. Der Kölner Stadt-Anzeiger war damals die Macht am Rhein und Verleger-Patriarch Alfred Neven-Dumont regierte noch lange einem Sonnenkönig gleich über die Meinung in der Stadt, eitler liberaler Habitus inklusive. Die Blasiertheit solcher Leute beschreibt Bauer sehr treffend als "meinungsfroh auf allen Gebieten, nach eigener Einschätzung auch in der Kultur ein großer Wissender". Auch die meisten Chefredakteure haben dazu beigetragen, dass Bauer das Zeitungswesen so auf den Punkt bringt: "... eine Einsicht dämmerte mir dabei umso stärker: dass nämlich die Hierarchie hoch über dem Sachverstand steht und dass es die Obrigkeit liebt, ihre Wissenslücken zum Maß aller Dinge zu machen."

Vor allem die fehlende Loylität der meisten Chefredakteure bemängelt Bauer im Rückblick. Deren Position als Lakaien der Verlegerfamilie und als Opfer der eigenen Eitelkeit, die darauf beruht, über den Kollegen zu stehen, arbeitet er gut und exemplarisch heraus. Es sind solche Passagen, die das Buch besonders wertvoll machen, weil sie jenseits zweifellos stark ausgeprägter Eigenheiten des Autors allgemeingültige Konstanten des Tageszeitungsbetriebes beschreiben. Ganz wunderbar auch das Zitat des Verlegers Alfred Neven-Dumont aus der Mitte der 90er Jahre im Kreis von Journalisten: "Zehn Jahre müssen wir noch glaubwürdig sein" - und keiner der Anwesenden habe sich getraut zu fragen, was dann kommen solle. Und fast noch besser ist ein Ausspruch, den Bauer dem sich bald als unfähig erweisenden Verlegersohn, Konstantin Neven-Dumont, zuschreibt, anlässlich des Umzuges der Redaktion in ein Großraumbüro: "Hier wird nicht gedacht, sondern gearbeitet."

Bauer macht die Sonderrolle, man möchte fast sagen Sonderlingsrolle, begreifbar, in der sich der Kulturjournalismus oft wiederfindet. Im Sportteil wird auch nicht die Abseitsregel erklärt, warum also soll ein Kulturjournalist sich ständig dafür rechtfertigen, dass er ein gewisses Wissensquantum als Einstiegsvoraussetzung für die Lektüre seiner Artikel ansetzt?

Gerhard Bauer ist ein lesenwertes und unterhaltsames Stück Zeitgeschichte gelungen, erfahren durch die Augen und Ohren eines Liebhabers der Musik vielleicht mehr als der Menschen, aber in dieser Liebe zu seinem Gegenstand umso konsequenter auf der Suche nach den Kriterien, mit denen diese Liebe zu fassen und ihr jeweils konkreter Vollzug in der Interpretation zu bewerten sei.

Das Medium dieser Erkenntnisarbeit ist die Sprache. Von ihr nicht lassen zu können, zeichnet den Journalisten Gerhard Bauer auch gegen Ende seines nunmehr achten Lebensjahrzehntes aus.          Johannes Schmitz 

Gerhard Bauer: Huch, ein Kritiker! erschienen im August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt, 2018