Elisabeth Schwarzkopf. Foto: Angus McBean/Warner Classics

Elisabeth Schwarzkopf. Foto: Angus McBean/Warner Classics

Ihr Vermächtnis lebt

Ihr Gesicht zierte das Cover der 60-Jahre-Jubiläumsausgabe des FONO FORUM im Januar dieses Jahres. Denn am 9. Dezember 2015 wäre Elisabeth Schwarzkopf 100 Jahre alt geworden. Am 3. August 2006 ist sie gestorben - heute vor zehn Jahren. Eine Würdigung aus dem Archiv.

"Die glücklichste Zeit meines Lebens habe ich im Studio zugebracht", zitiert das FONO FORUM 1/2016 Elisabeth Schwarzkopf. Und sie hat viel Zeit dort zugebracht. Glücklich hat sie außerhalb des Studios viele andere Menschen gemacht. So schreibt Hans Unnewehr im FONO FORUM 12/1958: "Der Augenblick, in dem Elisabeth Schwarzkopf die Bühne oder ein Konzertpodium betritt, ist ein Erlebnis besonderer Art. Hier begegnet uns eine künstlerische Persönlichkeit, die an Erscheinung, Auftreten und Besonderheit ihres Wesens nur wenige ihresgleichen unter den Sängerinnen der Gegenwart finden dürfte."

Und Unnewehr führt weiter aus: "Es ist merkwürdig genug, dass Frau Schwarzkopf im Ausland bekannter ist als in Deutschland, wo sie zwar eine in größter Verehrung ergebene Gemeinde besitzt, dennoch aber nicht jene Popularität erreichte, die heute mit dem Begriff 'berühmt" verbunden scheint." 

Und dann empfiehlt er dem geneigten Leser des Jahres 1958 die Cosí fan tutte unter Karajan, Mozart-Lieder mit Giesking und Schubert-Lieder mit Edwin Fischer und manches mehr. Hoheitsvoll singe sie die Gräfin im Figaro, an umschatteter Depression lasse sie teilhaben, so der Autor. Die in allen Plattenläden so nahe liegende und doch unnahbare Elisabeth Schwarzkopf, sie schien schon damals, wiewohl in ihrer aktiven Schaffensphase, ein wenig entrückt.

Zwischen 1958 und der großen Würdigung von Jürgen Kesting im Heft 1/2016 hat die Schwarzkopf immer wieder die Rezensenten des FONO FORUM beschäftigt und zu immer neuen - auch wo kritisch distanziert - Respektbekundungen animiert. Kurz vor ihrem 90. Geburtstag, etwa ein Dreivierteljahr vor ihrem Tode, gewährte die Sängerin dem FONO FORUM ein exklusives Gespräch in ihrem Haus in den Montafoner Alpen (12/2005).

"Die Klangzauberin". Darin bekennt sie, es nach dem Ende ihrer Karriere geradezu als Erlösung empfunden zu haben endlich "wie ein normaler Mensch lautstark sprechen zu dürfen" - und nicht immer die Stimme schonen zu müssen. Das größte Opfer, das sie ihrer Karriere gebracht habe, habe jedoch darin bestanden, keine Zeit zu haben.

In dem Text zitiert die Schwarzkopf eines ihrer Erweckungserlebnisse. Immerhin, nachdem sie gerade eine Zerbinetta an der Städtischen Oper in Berlin gesungen hatte, sagte der arrivierte Bariton Karl Schmitt-Walter zu ihr: "Wir hören ja alle mit Staunen zu, was Sie hier alles lernen. Aber wissen Sie, dass Sie nicht singen können?"

Wir blenden aus, dass boshafte Kritiker der Schwarzkopf ob ihrer Manierismen und Verfärbungen das auch später noch unterstellten. Wir bewundern hier einfach den Mut und die Kraft, sich selber in Frage zu stellen und den Entschluss, neu zu lernen - bei Maria Ivogün. "Niemals forcieren, immer in die Maske singen, eine sichere Kopfstimme lernen - dies gehörte zu den Grundpfeilern der Technik. Ein Bild von Maria Ivogün entdeckte der FONO FORUM-Autor noch im Jahr 2005 im Musikzimmer der Schwarzkopf.

Und eine weitere wichtige Lehre übermittelte Schwarzkopf in dem Gespräch: Nicht die Aussprache, sondern der Klang sei es, mit dem man das Publikum erreiche. "Die Seele der Zuhörer erreicht allein der Klang". Wie sie später diesen Klang unter der Anleitung von Walter Legge zum artifiziellen Produkt entwickelte, beschreibt sie ebenfalls. "Farbe ist Teil des Klanges ... die Farbe kommt alleine vom Sänger".

Und so endet denn dieser wunderbare Text mit einem pädagogischen Vermächtnis, wenn Elisabeth Schwarzkopf sagt, das Wichtigste, was sie versuche ihren Schülern beizubringen, sei "den Klang ihrer Stimme zu finden."

Alle hier zitierten Texte können über das Archiv des FONO FORUM abgerufen und gelesen werden.