Auch die Vaudeville-Revue DIY or DIE der Komponistin Jagoda Szmytka ist in Stuttgart zu erleben. Foto: Martin Sigmund

Auch die Vaudeville-Revue DIY or DIE der Komponistin Jagoda Szmytka ist in Stuttgart zu erleben. Foto: Martin Sigmund

Im finsteren Herzen des Deep Web

Das Stuttgarter Festival ECLAT hinterfragt den Einfluss der Mediennutzung auf unser Zusammenleben und die veränderte Wahrnehmung und Erwartungshaltung der Generation "Y".

ECLAT 2017 konzentriert sich in den vier Festivaltagen vom 2. bis 5. Februar 2017 vor allem auf die junge Komponistengeneration, geboren in den 1980er Jahren. Diese sogenannte Generation „Y“ beschäftigt sich in unterschiedlichsten Disziplinen mit Hilfe der gesamten Bandbreite moderner Medien mit einem umfangreichen Themenkreis: Selbstoptimierung und –Inszenierung, Kreativitäts-Hype, Grenzüberschreitungen, die Auflösung und Neudefinierung von Privatheit. Zentral dabei ist für alle die Frage, wie sehr Social Media in unser Leben eingreifen.

Diesen Inszenierungen von Musik mit Theater, mit Licht-Design, mit elektronischen Experimenten, mit Alltags-Objekten, mit Raum-Konzepten und Installationen werden bewusst Inseln des konzentrierten Hörens gegenüber gestellt. Das Festival, in dem 33 Werke, darunter 25 Uraufführungen, zu hören sind, lebt von der Spannung zwischen diesen unterschiedlichen Energien. Der Eröffnungsabend ist exemplarisch für die Anlage von ECLAT 2017: Im ersten Konzert werden subtile Licht- und Objektinszenierungen von Clara Iannotta und Sarah Nemtsov (Neue Vocalsolisten) mit einem puren Akkordeonwerk von Elena Mendoza (Stefan Hussong, Akkordeon) kombiniert. Dann geht es weiter mit der Vaudeville-Revue DIY or DIE der Komponistin Jagoda Szmytka. Sie beschreibt hier die Sehnsüchte und Abgründe, die mit der scheinbar unendlichen Freiheit und der Grenzenlosigkeit verbunden sind, in denen sich die Millenial-Generation bewegt.

Danach schickt die Schriftstellerin Gerhild Steinbuch „ein zur Soldatin mutiertes Riot-Grrl auf die Reise ins finstere Herz des Deep Web“. Beide Künstlerinnen haben ihre Werke im Rahmen des erstmals ausgelobten Hannsmann-Poethen Stipendiums der Landeshauptstadt Stuttgart geschrieben. 

Hanna Hartman bringt ihre installative Performance DEFROST zur Uraufführung, inspiriert von einem Gedicht der dänischen Lyrikerin Inger Christensen. Dem gegenüber steht die audio-visuelle Installation Lostery von Clara Maida. Der Titel fasst die englischen Wörter „lost“ und „lottery“ zusammen und bezeichnet eine pessimistische Grundhaltung mit Verweis auf die ökonomische und soziale Krise der Gegenwart. Im elektronischen Teil der Klanginstallation benutzt die Komponistin die Aufnahme von Maschinenklängen aus Spielhöllen oder Kasinos. Der instrumentale Teil (Theo Nabicht, Klarinette) imitiert die Morphologie dieser Maschinenklänge.

Das Musiktheater iScreen, YouScream! von Brigitta Muntendorf beschreibt die Neuformation des Individuums im von Social Media geprägten Zeitalter. Ausgegangen ist die Komponistin von einer Reihe Fragen: „Was sind das eigentlich für Gemeinschaften, die wir als voneinander isolierte Individuen anhand unserer digitalen Abbilder und Stellvertreter bauen? Was überlebt, was geht unter? Wer gewinnt und wer verliert? Und wie stillen wir unsere Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit, Liebe, Anerkennung?“

Den geschilderten Aufführungen folgen viele weitere gedankenaufgeladene Konzept-Konzerte. ECLAT Festival Neue Musik Stuttgart ist eine Veranstaltung von Musik der Jahrhunderte in Zusammenarbeit mit dem SWR.

www.eclat.org