Wichtige Adresse für den Jazz in NRW: Das Grillo-Theater in Essen. Foto: Bernadette Grimmenstein

Wichtige Adresse für den Jazz in NRW: Das Grillo-Theater in Essen. Foto: Bernadette Grimmenstein

"Im System Jazz ist zu wenig Geld"

Und noch eine Studie, die belegt, dass der Jazz sich einem breiten gesellschaftlichen Desinteresse gegenüber sieht. Ob Hinweise zu Selbstvermarktung und mangelnder Solidarität der Musiker weiterhelfen?

Das bevölkerungsreichste Bundesland NordrheinWestfalen ist auch in Sachen Jazz kein bisschen leise: Geschätzte 1000 Musikerinnen und Musiker spielen regelmäßig auf circa 200 Livebühnen. Etwa 3500 Jazzkonzerte locken übers Jahr mehr als eine halbe Million Besucher an. Über 30 Festivals tragen ebenso zum Imagefaktor der Region bei. Jazz ist daher prägend für die Kultur und ist Lebenselixier für eine funktionierende Kreativwirtschaft. Dieses noch sehr junge Etikett begreift Kultur als dynamischen Motor für Lebensqualität und wirtschaftliche Entwicklung. Der Jazz spielt hier durch seine Flexibilität und Vielfalt eine herausgehobene Rolle. Aus diesem Grund hat das Ministerium für Wirtschaft, Energie, Handwerk des Landes NordrheinWestfalen den nrwjazz e.V. bei einer Studie über die Situation der Jazzszene in NRW unterstützt. Diese wird am 22. April 2016 auf der Fachmesse jazzahead offiziell veröffentlicht.

Der nrwjazz e.V. dankt dem LandtagsVizepräsidenten Oliver Keymes, der zum Fürsprecher des Projekts wurde. Oliver Keymes gehört zu den maßgeblichen Initiatoren eines – bislang bundesweit einzigartigen Kulturfördergesetzes für das Land NordrheinWestfalen mit der Intention, Engagement für die Kultur „als zweckdienliche Grundlage für wirtschaftliche Entwicklungen“ gesetzlich zu verankern. Jetzt geht es darum, die hier formulierten Handlungsempfehlungen mit Inhalt zu füllen! Die Studie des nrwjazz e.V. will hierfür einen Baustein liefern.

Jazz steht für Integration, Flexibilität und Improvisation und ist dadurch Vorbild für gesellschaftliches und auch wirtschaftliches Handeln. Nicht umsonst werden Jazzmusiker heutzutage immer wieder zu ManagementSeminaren eingeladen. Die Jazzszene in NRW ist hier eine Ressource durch mehr Vernetzung, mehr eigenes Engagement und verbesserte Rahmenbedingungen deutlich erfolgreicher dastehen könnte.

So könnte man das Fazit der Studie auf den Punkt bringen, die eine Initialzündung für umfassende Verbesserungen, aber auch tieferes kritisches Hinterfragen bestehender Zustände sein will.

Zeitgleich zur Studie des nrwjazz e.V. hat die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) die Lebensund Arbeitsbedingungen der Jazzmusiker in Deutschland erforscht. Die heute veröffentlichte Studie des nrwjazz e.V. erforschte über die Gruppe der Jazzmusiker hinaus den Gesamtzusammenhang. In drei empirischen Erhebungen und vielen geführten qualifizierten Interviews ging es um Verwertungskreisläufe zwischen Anbietern (Musiker), Konsumenten (Publikum) und vor allem der entscheidenden Schnittstelle „dazwischen“, den Veranstaltern. 128 Musikerinnen und Musiker, 28 Veranstalter und 303 Jazzbegeisterte aus dem Publikum in NRW haben sich an den Umfragen beteiligt. Die Analyse der Ergebnisse belegt deren Repräsentativität setzt sich der Kreis der Antwortenden doch proportional aus den verschiedenen Regionen von NRW zusammen. Ähnliches trifft auf den unterschiedlichen Grad an künstlerischer Erfahrung, Ausbildungsstand oder Professionalisierung zu.

Die sehr umfangreichen Fragebögen thematisierten viele Aspekte wie künstlerische Tätigkeit, Kompetenzen zur Selbstvermarktung, herrschende Rahmenbedingungen, Erfahrung mit Medien und Publikum, Prioritäten bei der LivePerformance oder generelle Einschätzungen zur Präsenz des Jazz in der Öffentlichkeit. Bei der MusikerUmfrage ging es außerdem um Ausbildungsinhalte, Selbstvermarktung, Tonträgerproduktion, bei den Veranstaltern, die Gestaltung des Konzertbetriebes, organisatorische Fragen, aber auch um das Spannungsfeld zwischen Aufgabenbelastung und ehrenamtlicher „Manpower“ in den Vereinen. In jedem Fall wurde danach gefragt, welche Unterstützungen von außen wünschenswert wären und was in Eigenleistung verändert und verbessert werden könnte.

Das Gesamtresultat der Studie macht deutlich, dass bei aller vorhandenen Kreativität und ebensolchem Idealismus der Akteure an unterschiedlichen Stellen Hemmnisse im Verwertungskreislauf bestehen. Die finanzielle Situation vieler Musiker ist prekär, aber eben auch die der Veranstalter, weil sich die Durchführung von Konzerten in den seltensten Fällen gewinnbringend durchführen lässt.

Zugleich wird der Arbeitsmarkt für Jazzmusiker immer enger, da trotz immer mehr Hochschulabsolventen die Zahl der Auftrittsmöglichkeiten allenfalls stagniert. Das typische Jazzpublikum wird im Durchschnitt immer älter. Es mangelt augenscheinlich an Nachwuchs in den Konzerten und Jazzclubs. Ansätze zu einer Generierung neuen Publikums greifen allenfalls am Rande – vor allem mangelt es an Geld und vielfach an Kreativität für ein nachhaltiges Audience Developement. Hinzu kommt, dass die öffentliche Präsenz des Jazz in den Medien schlecht bis verbesserungswürdig ist. Dies bekundeten alle in der Studie befragten Personengruppen übereinstimmend. Ein solcher Mangel an öffentlicher Wahrnehmung und Unterstützung geht einher mit einer gewissen Hilflosigkeit in den eigenen Reihen. Kompetenzen für ein Selbstmarketing der Musiker werden bislang nur am Rande vermittelt, wenngleich die Hochschulen diese Notwendigkeit zögerlich anerkennen und ihre Potenziale langsam ausbauen. Die öffentlichen Kulturverwaltungen und

Marketingabteilungen verpassen ebenso viele Chancen, im öffentlichen Bild der eigenen Stadt für die lokale Kultur und explizit für den Jazz zu werben.

Im „System Jazz“ ist zu wenig Geld. Die Schieflage zwischen der geförderten Hochkultur und den äußerst punktuellen Fördermitteln, die noch beim Jazz ankommen, ist extrem. Aber auch wenn es um die Generierung von Förderung geht, mangelt es an praktischen Informationen, wie und wo diese beantragt werden können und welche Kriterien ausschlaggebend sind.

Viele Verbesserungen setzen bei der Bewusstseinsbildung der Akteure an. Das beginnt bei dem Vertrauen in die Wirksamkeit eigenen Handelns jenseits der Abhängigkeit durch öffentliche Fördermittel jazz we can! Selbstbewusstsein ist bei den künstlerischen Produkte selbst und bei deren Präsentation dringend angezeigt. Um mit Jazz ein Publikum zu erreichen, braucht es die Vermittlung eines neuen Lebensgefühl und keine inflationäre W iederholung von bereits Vorhandenem. Das bedingungslose Streben nach Publikumserfolg steckt im Jazz noch weitgehend in den Kinderschuhen.

Jazz in NRW ist lobbylos. Ein großes Problem der Jazzszene ist ein weit verbreitetes Einzelkämpfertum sowohl unter Musikern wie auch unter Veranstaltern. Würden hier mehr Akteure an einem Strang ziehen, sich solidarisch organisieren, Interessengemeinschaften und Kollektive bilden, erschiene die Szene in NRW nicht so fragmentiert und wenig sichtbar, wie es aktuell der Fall ist.

Jazz in NRW ist in mehrfacher Hinsicht von Ungleichheit betroffen: Den hoch ausgebildeten Musikern stehen weitgehend ehrenamtlich agierende Veranstalter gegenüber, bei denen es an Professionalität und finanziellen Mittel für eine verantwortungsvolle Musikvermittlung nicht selten mangelt. Professionalisierungsoffensiven in diesem Bereich sind daher genauso erforderlich, wie eine dringend zu verbessernde Spielstättenförderung. Letzteres teilen auch nahezu sämtliche an der Umfrage teilnehmenden Musiker.

Jazz veranstalten ist oft ein Verlustgeschäft: Zu hoch sind die Kosten für Gagen und sonstige Abgaben, viel zu gering die Einnahmen durch den Ticketverkauf. Das berührt eine generelle Wertedebatte über das künstlerische Tun an sich. Musiker können kaum von ihrer Kunst leben, weil Konzerte durchweg zu „billig“ angeboten werden. Das Publikum ist aber durchaus bereit, höhere Preise zu zahlen, was die Erhebung im Rahmen der Studie zeigt. In dieser Hinsicht muss die Debatte um Mindestgagen für Musiker um einen Wertediskurs beim Publikum über angemessene Eintrittspreise dringend erweitert werden. Das Fazit mutet paradox an, aber liegt auf der Hand: Mehr Publikum gewinnen, das bereit ist, höhere Eintrittspreisen zu bezahlen würde den Jazz nicht nur kreativ, sondern auch wirtschaftlich machen.

Ein Thema, dem sich vor allem die öffentlichen Kulturverwaltungen stellen müssen. Die Ungleichbehandlung zwischen öffentlich geförderten, ehrenamtlich getragenen Spielstätten und den privatwirtschaftlich agierenden Veranstaltern. Die einen genießen viele Vergünstigungen, die nicht zuletzt

auch billigere Ticketpreise ermöglichen, während die anderen Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen müssen. Dies deckt sich mit der Einschätzung des Kreativreports NRW des Wirtschaftsministeriums, welche übergreifend die Bedingungen in diesem Bundesland, welches durch seinen Strukturwandel eine ganz neue Bewertung von Kultur vornimmt, hinterfragt.