Thomas Quasthoff ist eine der prägenden künstlerischen Persönlichkeiten des Heidelberger Frühlings. Bild: Bernd Brundert

Thomas Quasthoff ist eine der prägenden künstlerischen Persönlichkeiten des Heidelberger Frühlings. Bild: Bernd Brundert

In Heidelberg "In der Fremde"

Das explizit auch dem Kunstlied gewidmete Festival „Heidelberger Frühling“ steht 2017 unter dem Leitgedanken „In der Fremde“ - benannt nach einem Lied aus dem Eichendorff-Zyklus von Robert Schumann.

 

 

Baden-Württembergs größtes Klassikfestival folgt in seiner 21. Saison dem Leitgedanken „In der Fremde“. Es ist der erste Teil einer Trilogie, die sich in den Jahren 2017 bis 2019 mit Kerngedanken der Aufklärung auseinandersetzen wird. Ein zentraler Aspekt aufklärerischen Denkens ist der Kampf gegen Vorurteile und für (auch religiöse) Toleranz. Diesen Aspekt stellt das Musikfestival 2017 in den Vordergrund, indem es die Frage danach stellt, wie wir mit dem Fremden umgehen und dem Anderen begegnen. 128 Veranstaltungen stehen beim „Heidelberger Frühling“ vom 25. März bis zum 29. April 2017 auf dem Programm.
 
Mehrere Projekte des „Heidelberger Frühling“ nähern sich dem Leitgedanken mit künstlerischen Mitteln. So hat der Pianist Burkhard Kehring unter dem Titel „STATIONEN“ für Heidelberg einen „Divan of Song“ entwickelt: Sieben geographische Stationen vom Fernen Osten bis zum Nahen Osten, an denen deutsche Lieder auf Lieder aus Japan, China, Iran, Israel und Palästina, Arabien und Indien treffen; sieben Stationen, an denen von morgens um neun bis abends um neun die weltweite Zukunft des Liedes erprobt wird; sieben Stationen, an denen junge Sängerinnen aus sieben Ländern in acht Sprachen singen.
 
Ein Beitrag zum Leitgedanken und zum Reformationsjubiläum 2017 ist das illuminierte Wandelkonzert „Im Osten und im Westen“, das sich in der Heidelberger Heiliggeistkirche der Vielfalt christlicher Konfessionen widmet. Das britische Vokalensemble Voces8 singt bei diesem Gesamtkunstwerk aus Raum und Klang Gregorianischen Choral, evangelische Motetten, anglikanische Hymnen und orthodoxe Gesänge. Verbunden werden die Werke durch Interludien von Thierry Tidrow, der 2016 Kompositionsstipendiat der Heidelberger Festival Akademie war und inzwischen (u.a. mit einem Kompositionsauftrag der Deutschen Oper Berlin) weithin Beachtung findet.
 
Gemeinsam mit dem Pera Ensemble hat das Festival einen musikalisch-kulinarischen Abend unter dem Titel „Jerusalem“ konzipiert, bei dem die hebräische Sängerin Michal Elia Kamal, der türkische Sänger Ibrahim Suat Erbay (Jerusalem stand 400 Jahre unter osmanischer Herrschaft) sowie Instrumentalisten aus Spanien, Italien, Deutschland und der Türkei eine Hommage an diese multikulturelle Stadt darbieten. Und da Begnung mit dem Fremden oft auch über den Magen funktioniert, klingt der Abend mit echter Jerusalemer Küche in der „Stadthalle late“ aus.
 
Beim Konzert „Liebe, Exil, Dialog“ arbeitet der „Heidelberger Frühling“ erstmals mit Bernard Foccroulle zusammen, dem Organisten und Intendanten des Festivals von Aix-en-Provence. Dort gilt sein leidenschaftliches Engagement dem kulturellen Austausch der Mittelmeerländer mit ihrer zugleich gemeinsamen und doch so unterschiedlichen Geschichte. 2016 führte dieses Engagement in Aix zu der Premiere der arabischen Oper „Kalîla wa Dimna“ aus der Feder des palästinensischen Komponisten Moneim Adwan. Als Oud-Virtuose kommt Adwan nun mit Foccroulle nach Heidelberg, um gemeinsam mit der Sopranistin Alice Foccroulle den musikalischen Dialog zwischen Islam, Judentum und Christentum zu suchen.
 
Auch das 2016 eingeführte Kammermusikfest „Standpunkte“ erfährt eine Neukonzeption, die den Leitgedanken „In der Fremde“ aufgreift. In verschiedenen Formaten befassen sich die Konzerte mit Heimat und Fremde: indem Künstler von ihrer Kultur und deren Musik erzählen, indem Musik unterschiedlicher Kulturen sich begegnet und indem Expeditionen in ferne Länder unternommen werden, so etwa durch die aus vier Mittelmeerländern stammenden Musiker der Cairo Jazz Station. Neben Künstlern, die in mehreren Kulturen beheimatet sind, wie die Geigerin Lisa Batiashvili (Georgien/Deutschland), der Cellist Isang Enders (Korea/Deutschland), der Cembalist Mahan Esfahani (Iran/Großbritannien) und der Pianist Igor Levit (Deutschland/Russland) wirken u.a. der deutsche Cellist Daniel Müller-Schott und der US-amerikanische Pianist und Komponist Uri Caine und der britische Tenor Ian Bostridge mit. Zusätzlich zu einem Bezug zum Festivalleitgedanken warten die „Standpunkte“ mit einer weiteren Neuerung auf: Sie werden zu einem Kammermusikfest. Intimität und Intensität der Begegnung zwischen Musik, Musikern und Publikum sind die Kriterien; alles, was „in der Kammer“ gespielt werden kann, ist willkommen. Deshalb wird bei den „Standpunkten“ zukünftig die klassischromantische Kammermusik in Bezug gesetzt zu Alter und Neuer Musik sowie zu Jazz und Weltmusik.
 
Mit der Gründung des Internationalen Liedzentrums, unter dessen Dach im Februar 2017 Thomas Quasthoffs internationaler Gesangswettbewerb „Das Lied“ erstmals am Neckar stattfindet, hat der „Heidelberger Frühliung“ sein Profil als Advokat des Kunstliedes in der Liedstadt Heidelberg weiter geschärft. Eines der Preisträgerkonzerte findet beim Themenwochenende „Neuland.Lied“ statt, das gespickt ist mit großen Stimmen wie Annette Dasch und Piotr Beczała und Rising Stars wie Benjamin Appl, der in Heidelberg seine neue CD präsentiert. Erstmals bietet „Neuland.Lied“ mit „s t i l l“ auch eine Bühnenproduktion, eine intensive Meditation über das Wesen der Zeit mit Liedern des 17. Jahrhunderts.

Darüber hinaus feiert bei „Neuland.Lied“ ein neues Melodramen-Programm von Thomas Quasthoff Premiere, ebenso das Format „Brotzeitkonzert“, bei dem die Band The Erlkings Schuberts Lieder dahin bringt, wo sie hingehören: ins pralle Leben. Eröffnet wird „Neuland.Lied“ mit Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ mit Mezzosopranistin Michelle DeYoung und Tenor Toby Spence, zwei der weltweit führenden Interpreten dieses Werks, begleitet von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Leitung von Christian Reif. Den Bogen zum Leitgedanken „In der Fremde“ schlägt „Neuland.Lied“ schließlich mit der Zweitauflage des Mitmachprojekts „Heidelberg singt“, indem wieder von möglichst Vielen an möglichst vielen Stellen in der Stadt gesungen wird – dieses Mal im Austausch von Musikern mit hiesigen und auswärtigen Wurzeln.
 
Kreativer Freiraum und bereichsübergreifender Austausch sind die Kerncharakteristika der Heidelberg Festival Akademie. Das gilt für den Jahrgang 2017 umso mehr, denn erstmals verbringen die Stipendiaten aller Festival Akademien – Lied, Kammermusik, Komposition, Musikjournalismus – Zeit gemeinsam: in den Räumen des Internationalen Wissenschaftsforums Heidelberg, wo sie drei Tage lang wohnen, arbeiten und diskutieren. Aus der völligen Freiheit und dem Austausch der Disziplinen mag etwas Neues entstehen, eine Option auf die Zukunft. Hier kann frei gedacht und womöglich entwickelt werden. Darüber hinaus bindet der „Heidelberger Frühling“ die Stipendiatinnen und Stipendiaten auf gewohnte Weise ins Festivalgeschehen ein: Die Akademien Lied und Kammermusik laden zu öffentlichen Meisterkursen und Workshops ein, Instrumentalisten wirken beim Kammermusikfest „Standpunkte“ mit, die zwei Komponistinnen und ein Komponist der Akademie verfassen Lieder für den „Divan of Song“, und die Akademie für Musikjournalismus begleitet den „Heidelberger Frühling“ durch kritische Beobachtung im tagesaktuellen Festivaljournal und einem eigenen Blog. Leiter der Festival Akademie sind erneut Thomas Hampson (Lied), Igor Levit (Kammermusik) und Eleonore Büning (Musikjournalismus), denen eine hochkarätige Riege von weiteren Mentoren zur Seite steht.
 
Die fünfte Ausgabe der Heidelberg Music Conference läutet ihre Weiterentwicklung ein hin zu einem Branchentreffpunkt, bei dem Schwerpunktthemen mit Experten gemeinsam entwickelt werden. Ein Ansatz, der aktuelle Fragen und Herausforderungen individuell fasst und eine Plattform zum Austausch bietet. Dabei werden jährlich wechselnde Kuratoren für die Erarbeitung des Themenspektrums und die Zusammenstellung der Expertenrunden verantwortlich zeichnen. Den Auftakt macht 2017 Benedikt Stampa, Intendant des  Konzerthauses Dortmund. Als Kooperationspartner begleitet erstmals Deutschlandradio Kultur die Heidelberg Music Conference.
 
Zeitgleich mit dem Programm des „Heidelberger Frühling“ ist auch das Programm für das Heidelberger Streichquartettfest erschienen, dessen 13. Auflage vom 26. bis zum 29. Januar 2017 stattfindet. Der programmatische Fokus der insgesamt 13 Konzerte, Workshops und Gesprächskonzerte liegt diesmal auf mittelosteuropäischer Literatur von Komponisten wie Leoš Janáček, Bedřich Smetana, Béla Bartók, Bohuslav Martinů und Antonín Dvořák. Wie es schöne Tradition beim Streichquartettfest ist, steht sowohl die Begegnung zwischen Künstlern und Publikum als auch zwischen etablierten und aufstrebenden Ensembles im Zentrum. Zu Gast sind das Arod Quartett (ARD-Preisträger), das Doric String Quartet, das Pavel Haas und das Kuss Quartett. Die Workshops leiten die Geiger Günter Pichler (ehem. Alban Berg Quartett) und Oliver Wille (Kuss Quartett). Das Eröffnungsgespräch wird vom Hörfunk-Musikmagazin „SWR2 Cluster“ präsentiert und aufgezeichnet.
 
Neben Stammgästen wie dem Pianisten Sir András Schiff und dem Perkussionisten Martin Grubinger mit dem BBC Philharmonic sind auch zahlreiche bedeutende Künstler erstmals beim „Heidelberger Frühling“ zu hören. Dazu gehören u.a. der Pianist Daniil Trivonov, der mit dem Mahler Chamber Orchestra beim Festivalfinale auftritt, der Geiger Nikolaj Znaider, der einen Duoabend mit dem Pianisten Piotr Anderszewski gibt und der Countertenor Valer Sabadus, der sein „Frühlingsdebüt“ gemeinsam mit der Cappella Gabetta gibt.  
 
www.heidelberger-fruehling.de.