Neuer Chefdirigent des RIAS Kammerchores in Berlin ist Justin Doyle. Bild: Matthias Heyde

Neuer Chefdirigent des RIAS Kammerchores in Berlin ist Justin Doyle. Bild: Matthias Heyde

In Museum, Landgericht und Krematorium

Mit seinem neuen Chefdirigenten steuert der RIAS Kammerchor auf seinen 70. Geburtstag zu. Zu den Saisonhöhepunkten dürften Konzerte mit Monteverdis Marienvesper und mit Werken von Tomás Luis de Victoria zählen.

Mitte September 2017 tritt Justin Doyle als siebter Chefdirigent des RIAS Kammerchors sein Amt an. Gegründet wurde der Kammerchor vor 69 Jahren, am 15. Oktober 1948, als Chor des Rundfunks im amerikanischen Sektor, kurz RIAS genannt. Justin Doyle, im britischen Lancaster geboren, gestaltete mit dem RIAS Kammerchor bereits das Neujahrskonzert 2017. Für sein Debüt in der voll besetzten Berliner Philharmonie wählte Doyle das selten aufgeführte Oratorium Theodora von Georg Friedrich Händel.
 
Doyles Antrittskonzerte am 15. und 16. September 2017 im Rahmen des Musikfestes Berlin versprechen außergewöhnliche Konzerterlebnisse zu werden. Neben dem Pierre Boulez Saal wird die benachbarte St. Hedwigs-Kathedrale als Aufführungsort hinzugezogen: Die Marienvesper von Claudio Monteverdi erklingt im intimen Oval des neuen Pierre Boulez Saals, während die vom Komponisten selbst vorangestellte, knapp 30-minütige Missa In illo tempore im sakralen Rund der St. Hedwigs-Kathedrale zu hören sein wird.
 
In den elf Konzerten, die Justin Doyle als Chefdirigent des RIAS Kammerchors in seiner ersten Konzertsaison 2017–18 dirigieren wird, präsentiert er herausragende musikalische Raritäten, unter anderem aus seiner britischen Heimat, kombiniert Unbekanntes mit Vertrautem und spannt dabei einen Repertoirebogen von nicht weniger als 400 Jahren.
 
Die Antrittskonzerte von Justin Doyle im Rahmen des Musikfest Berlin stellen gleichzeitig den Saisonauftakt des RIAS Kammerchors dar. In seinem ersten Abonnementkonzert am 15. September 2017 feiert der RIAS Kammerchor zusammen mit der Capella de la Torre den 450. Geburtstag Claudio Monteverdis. Auf der Schwelle zwischen Spätrenaissance und Frühbarock erfand Monteverdi 1610 die Marienvesper, die revolutionär Neues zum Ausdruck brachte und damit bisherige Maßstäbe sprengte.
 
Im November 2017 widmet sich der RIAS Kammerchor der A-cappella Musik von Benjamin Britten und Francis Poulenc mit dem Titel „Brüder im Geiste". Beide Künstler trafen das erste Mal 1945 in London aufeinander, als Solisten in Poulencs Doppelkonzert für zwei Klaviere und Orchester. Es entstand eine langjährige, lebendige Künstlerfreundschaft. Die ausgewählten Kompositionen bezeugen diese seltene Art des Gleichklangs im künstlerischen Denken und Fühlen: Beide verabscheuten jede Form von Gewalt und waren von einem tief verwurzelten Pazifismus durchdrungen, der letztlich auch in ihrer Musik seinen Widerhall fand.
 
Die Konzertbesucher des traditionellen Neujahrskonzerts in der Berliner Philharmonie erwartet 2018 eines der ergreifendsten Chororatorien: Die Schöpfung von Joseph Haydn. Gemeinsam mit René Jacobs feiert der RIAS Kammerchor mit diesem außergewöhnlichen Werk an zwei aufeinander folgenden Abenden die langjährige Zusammenarbeit mit dem Freiburger Barockorchester. Vor 30 Jahren standen die beiden Ensembles zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne.
 
Am 2. März 2018 kommt es zu einem Wiedersehen mit dem Hamburger Ensemble Resonanz: Vokalpolyphonie der Renaissance trifft dabei auf zeitgenössisches Repertoire. Die meisterlich gearbeiteten, tief emotionalen Tenebrae Responsorien von Tomás Luis de Victoria, dem genialen Solitär der spanischen Spätrenaissance, treten bei diesem Konzert in Dialog mit dem zutiefst bewegenden Meisterwerk Seven Last Words from the Cross von 1994 des schottischen Komponisten James McMillan.
 
Am 18. Mai 2018 lädt der RIAS Kammerchor mit dem Konzert „Geniale Meister der Heimat so fern" zu einer Begegnung mit spektakulärer Vokalkunst ein. Im Fokus stehen die Werke zweier Komponisten, die einige der mitreißendsten Werke der englischen Spätrenaissance schrieben: Peter Philips und Richard Dering. Obwohl in England geboren, verbrachten sie den größten Teil ihres schöpferischen Lebens auf dem Kontinent: in Venedig, Rom, Brüssel oder Antwerpen. Das Konzertprogramm erzählt von den unendlichen Farbnuancen und Zwischentönen, die dem Phänomen des künstlerischen Wirkens fern der Heimat zu verdanken sind.
 
Nach Doyles Berlin Debüt beim Neujahrskonzert 2017 wird der neue Chefdirigent des RIAS Kammerchors am 26. Juni 2018 zum zweiten Mal auf die Akademie für Alte Musik Berlin treffen. Die Aufführung der Cäcilienmesse von Joseph Haydn im Konzerthaus Berlin wird dabei den Auftakt zu einer Haydn-Reihe bilden. Das vermutlich 1773 vollendete, rund siebzigminütige Werk beeindruckt nicht zuletzt aufgrund seiner stilistischen Diversität: Feudale Fugensätze, virtuose Arien von operntauglicher Statur und ein dramatischer Impetus, der viel von den späten Messen Haydns vorwegnimmt, machen es zu einem musikalischen Juwel der ausgefallenen Art.
 
Seit dreizehn Jahren veranstaltet der RIAS Kammerchor gemeinsam mit seinen Freunden und Förderern die beim Publikum beliebte Reihe der ForumKonzerte. Ein Format, das Architektur und Musik zusammenführt, um hierbei neue Aufführungsorte für das Konzertpublikum in Berlin zu erschließen. Insgesamt 54 Konzerte an ebenso vielen verschiedenen Orten in Berlin sind auf diese Weise bis heute realisiert worden.
 
In der Saison 2017–18 kehrt die Konzertreihe an drei bereits in der Vergangenheit bespielte Orte zurück. In der St. Elisabeth-Kirche in der Invalidenstraße und dem Krematorium Baumschulenweg werden zudem zwei der erfolgreichsten Produktionen wieder aufgelegt: Die musikalische Untermalung des Stummfilmklassikers La Passion de Jeanne d'Arc und die Verknüpfung eines Meisterwerks der Renaissance mit Jazz-Improvisationen und Projektionen visueller Kunst.
 
Was die vier ForumKonzerte verbindet, ist der Verweis auf andere Kunstformen: Film, Komödie, Poesie, Tanz und Visual Arts werden mit Musik verwoben. Weitere Spielorte sind in der kommenden Saison das Landgericht Berlin sowie zum ersten Mal das Märkische Museum.