Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Bild: Simon Pauly

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Bild: Simon Pauly

Karina Canellakis erste Gastdirigentin des RSB

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und sein Chefdirigent und Künstlerischer Leiter Vladimir Jurowski widmen sich in ihrer dritten gemeinsamen Saison dem Motto „grenzenlos".

Dabei möchten sie Grenzen oder behauptete Grenzenlosigkeit infrage stellen, an kühne Grenzüberschreitungen in der Welt- und in der Musikgeschichte erinnern und versuchen, gemeinsam mit dem Publikum die eigenen Grenzen um ein kleines Stück zu verschieben. Dabei werden Themenwelten zwischen Leben und Tod, Realität und Fantasie, Individuum und Gesellschaft eröffnet. In Kooperation mit der Stiftung Planetarium Berlin und mit dem Liquidrom werden ausgewählte Konzerte an besondere Orte übertragen und der Evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte und der NABU Berlin machen die Erkundung der Kunstwerke und der natürlichen Lebensräume von Tieren auf den Bergmann-Friedhöfen in Verbindung mit Pop-up-Konzerten von RSB-Mitgliedern möglich. Im Umfeld einiger Konzerte präsentiert das Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands ausgewählte Bürgerstiftungen, in denen sich Bürger mit Geld, Zeit und Ideen für ihren Stadtteil oder ihre Region einsetzen, u. a. in den Bereichen Vielfalt, Integration, Gleichberechtigung, Kultur und Natur. 

Neben Vladimir Jurowski nimmt die US-Amerikanerin Karina Canellakis eine längerfristige Position in der musikalischen Arbeit mit dem Orchester ein: Das RSB ernennt sie zu seiner Ersten Gastdirigentin, zunächst für drei Spielzeiten, und präsentiert sie in der ersten Saison gleichzeitig als Artist in Focus.

Karina Canellakis: „Mit größter Begeisterung trete ich die Reise mit den wunderbaren Musikerinnen und Musikern des RSB an, auf der wir viele neue und interessante Ecken des Repertoires erkunden möchten." Ihr Debüt als Erste Gastdirigentin gibt sie am 20. Oktober 2019 mit Richard Strauss' „Ein Heldenleben" und Ludwig van Beethovens Siebter Sinfonie. Am 30. und 31. Dezember dirigiert sie die beiden traditionellen Silvesterkonzerte des Orchesters mit dem Rundfunkchor Berlin und Beethovens Neunter Sinfonie. Für ihr drittes Programm am 5. April 2020 kombiniert sie bewegende Werke von Igor Strawinsky, Anton Webern und Alexander Skrjabin mit dem Violinkonzert von Karol Szymanowski, in dem Nicola Benedetti als Solistin zu hören ist. 

Als Composer in Residence für die Saison 2019/2020 hat das RSB den aus Serbien stammenden Wahl-Stuttgarter Marko Nikodijević eingeladen. Tief und nachhaltig vom Techno beeinflusst, spielen in seiner Musik geometrische Strukturen und digitale Technologien eine tragende Rolle. Im Januar 2020 werden zwei seiner Werke vom RSB uraufgeführt, eines im Festivalprogramm von „Ultraschall Berlin" und eines unter der Leitung von Vladimir Jurowski. „Seit ich 2014 zum ersten Mal mit Vladimir Jurowski in Brüssel und London gearbeitet habe, wollte ich unbedingt ein Werk für ihn schreiben und es mit ihm zur Uraufführung bringen. Diese Komposition hatte nun lange Zeit zu reifen und ich bin sehr glücklich, dass wir das Projekt mit dem RSB realisieren können", so Marko Nikodijević. Am 7. Mai 2020 dirigiert Vladimir Jurowski zudem Nikodijevićs Komposition „cvetić, kućica .../la lugubre gondola" (2009) nach Motiven von Franz Liszt. 

Mit der zweifachen konzertanten Aufführung von Richard Strauss' Oper „Die Frau ohne Schatten" beim Musikfest Berlin und beim George-Enescu-Festival in Bukarest eröffnet Vladimir Jurowski die RSB-Saison am 1. und 4. September 2019. Dafür hat er Solisten wie Torsten Kerl, Anne Schwanewilms, Ildikó Komlósi, Ricarda Merbeth und Christoph Späth eingeladen, zudem den Rundfunkchor Berlin und den Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden (1. September) sowie den Rumänischen Rundfunkkinderchor (4. September). Die selten aufgeführte Dritte Sinfonie von George Enescu präsentiert Vladimir Jurowski am 5. September bei einem zweiten Gastkonzert in Bukarest, in dem Julia Fischer das Violinkonzert von Johannes Brahms spielt, sowie am 22. September in der Philharmonie Berlin, wo Arabella Steinbacher mit Benjamin Brittens Violinkonzert zu hören ist.

Gleich zwei große Totenmessen stehen auf dem Saisonprogramm, zunächst „Ein deutsches Requiem" von Johannes Brahms am 3. November 2019 mit Maria Bengtsson und Matthias Goerne, dem Cantus Domus und dem Chor des Jungen Ensembles Berlin sowie als Saisonfinale am 20. Juni 2020 die „Messa da Requiem" von Giuseppe Verdi, u. a. mit Anja Harteros, Ildar Abdrazakov und dem Rundfunkchor Berlin.

Am 8. Dezember 2019 stellt Vladimir Jurowski Anton Bruckners Sinfonie Nr. 3 der Sinfonia concertante von Joseph Haydn mit vier RSB-Solisten gegenüber und am 7. und 8. März 2020 kombiniert er Bruckners Sinfonie Nr. 5 mit dem Klavierkonzert KV 595 von Mozart, das vom US-Amerikaner Richard Goode gespielt wird.

In der Vorweihnachtszeit wird es märchenhaft, wenn Vladimir Jurowski und das RSB zunächst bei zwei Gastkonzerten in Wiesbaden und München Ausschnitte aus Tschaikowskys Ballettmusik zu „Dornröschen" spielen, um am 23. Dezember die vollständige Ballettmusik in der Berliner Philharmonie aufzuführen. Die Beschäftigung mit den Werken von Gustav Mahler aus den letzten Spielzeiten wird mit der Aufführung der Sinfonie Nr. 4 mit der Sopranistin Katharina Konradi am 17. Januar 2020 fortgesetzt sowie mit der Neunten Sinfonie am 16. Mai.

Bei einem Abend mit Werken von Tschaikowsky, Britten, Verdi und Elgar, die den Themenwelten aus Shakespeares Dramen entsprungen sind, ist am 24. April der Tenor Ian Bostridge zu Gast. Zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges am 7. Mai erinnern Vladimir Jurowski und das RSB an das unermessliche Leid der Kriegsopfer. Mit Nikodijevićs „cvetić, kućica .../la lugubre gondola" leiten sie auf das Violinkonzert von Karl Amadeus Hartmann hin, das Alina Ibragimova interpretiert, bevor Dmitri Schostakowitschs erschütternde Achte Sinfonie erklingt. 

Zwei Weltpremieren bilden den Auftakt für die Konzerte mit den internationalen Gastdirigenten, von denen die meisten zum wiederholten Male mit dem RSB arbeiten. Zunächst dirigiert Frank Strobel am 14. September im Konzerthaus Berlin in einem insgesamt neun Stunden dauernden Konzert im Rahmen vom Musikfest Berlin die rekonstruierte Filmmusik zum restaurierten Stummfilmklassiker „La Roue" von Abel Gance, eine große Familiensaga, die Motive des antiken Ödipus- und Sisyphos-Stoffes verarbeitet und 1923 mit neuen technischen Raffinessen beeindruckte. Das Projekt birgt eine der aufregendsten Wiederentdeckungen historischer Filmmusik: die Premierenmusik, die Arthur Honegger zusammen mit Paul Fosse aus 117 Musikstücken von 56 Komponisten für die Uraufführung des Films in Paris zusammengestellt hat und die seit der Stummfilmzeit nicht mehr zu hören war. Bernd Thewes hat sie im Auftrag von ZDF/ARTE in jahrelanger Arbeit rekonstruiert.

Bei der zweiten Weltpremiere handelt es sich um ein Konzert mit George Enescus Oratorium „Strigoii" (Geister) von 1916 unter der Leitung von Gabriel Bebeşelea, der das Werk im vergangenen Jahr bereits mit dem RSB bei Capriccio auf CD vorgelegt hat und nun am 26. September sein RSB-Konzertdebüt gibt. Als Solisten sind auf der CD und im Konzertsaal Rodica Vica, Tiberius Simu, Bogdan Baciu und Alin Anca zu hören. Das Oratorium galt lange als im Ersten Weltkrieg verschollen, wurde erst in den 1970er-Jahren aus den Archiven gehoben und über lange Zeit rekonstruiert. Zu den weiteren Gastdirigenten der Saison zählt Mario Venzago, der nach vielen Jahren zum RSB zurückkehrt und ein geistlich geprägtes Programm mit Werken von Messiaen, Honegger und Bach leitet, in dessen Mitte Jean-Yves Thibaudet ein Klavierkonzert von Saint-Saëns spielt. Jakub Hrůša bringt aus seiner Heimat Josef Suks Sinfonisches Poem „Pohádka léta" mit und dirigiert zudem Antonín Dvořáks Violinkonzert mit seinem Landmann Josef Špaček.

Eine intensive Zusammenarbeit verbindet das RSB inzwischen mit John Storgårds, die nun mit der Aufführung der „Szenen aus Goethes ‚Faust'" von Robert Schumann fortgesetzt wird, bei der Solisten wie Markus Eiche, Christina Gansch und Hans-Peter König sowie der RIAS Kammerchor Berlin und der Kinderchor des Händel-Gymnasiums beteiligt sind. Auch Alain Altinoglu ist seit vielen Jahren ein wichtiger Partner des RSB und kehrt nun mit zwei Werken von Debussy, dem Trompetenkonzert von Henri Tomasi mit Håkan Hardenberger sowie César Francks Sinfonie d-Moll zum Orchester zurück. Omer Meir Wellber kombiniert drei Sinfonien von Joseph Haydn mit Alfred Schnittkes Concerto grosso Nr. 1, in dem der Dirigent selbst Cembalo und präpariertes Klavier spielt und die RSB-Mitglieder Erez Ofer und Nadine Contini als Violinsolisten zu hören sind. Michael Francis bringt mit „Die Planeten" von Gustav Holst eines der britischen Nationalwerke mit nach Berlin, Anna Vinnitskaya leitet darauf hin mit dem Ersten Klavierkonzert von Johannes Brahms. Andrey Boreyko dirigiert in seinem Programm u. a. die Sinfonie Nr. 3 von Henryk Górecki und die „Orgelsinfonie" von Camille Saint-Saëns. Unter der Leitung von Peter Rundel tritt das RSB am 30. November und am 1. Dezember im Rahmen einer „Xenakis-Residenz" erstmals in der Elbphilharmonie in Hamburg auf. Gijs Leenars dirigiert das Orchester in zwei Projekten des Rundfunkchores Berlin, einmal zum 30. Jubiläum des Mauerfalls in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und einmal beim Fest der Chorkulturen in der Philharmonie. Ralf Sochaczewski leitet ein Sonderkonzert mit Mendelssohns „Paulus" mit dem Cantus Domus und dem Jungen Chor Zürich. Zudem dirigiert er im Konzert mit dem Brahms-Requiem den Cantus Domus und den Chor des Jungen Ensembles Berlin in Werken von Heinrich Schütz.