Das Gürzenich-Orchester Köln in der Philharmonie. Bild: Holger Talinski

Das Gürzenich-Orchester Köln in der Philharmonie. Bild: Holger Talinski

Köln intensiviert Verhältnis zu Berlioz

François-Xavier Roth, Gürzenich-Kapellmeister und Generalmusikdirektor der Stadt Köln, hat in seiner fünften Kölner Spielzeit ein Programm mit insgesamt 59 Konzerten zusammengestellt.

 »Wir erfinden neue Konzertformate, kombinieren Altes mit Neuem, machen Ungehörtes erfahrbar und doch wird es immer Aspekte geben, die gleich bleiben. Zum Beispiel, dass ein Konzert und die Gemeinschaft, in der man es erlebt, nicht wiederholbar sind. Ich suche nicht nach Eindrücken, die ich schon hatte. Ich bin sicher: Die Zukunft wird noch unglaublicher als die Vergangenheit!«  

Gürzenich-Kapellmeister und Generalmusikdirektor der Stadt Köln François-Xavier Roth hat in seiner fünften Spielzeit mit insgesamt 59 Konzerten ein Programm zusammengestellt, das die romantischen Wurzeln des traditionsreichen Orchesters aufleben lässt und dessen Geschichte mit neuen Auftragswerken weiter schreibt.   

Roth und die 131 Musikerinnen und Musiker begreifen sich als Orchester für die Stadt und zeigen, dass es möglich ist, auch jene Menschen zu erreichen, die bisher keine Berührungspunkte mit klassischer Musik hatten. Das »Ohrenauf!«-Programm begeistert rund 20.000 Kinder, Jugendliche und Senioren pro Saison und setzt damit ein deutliches Zeichen für Begegnung und Öffnung. Fünf ausgewählte Konzertprogramme werden über GO PLUS als Livestream übertragen und im Januar 2020 startet das Gürzenich-Orchester eine neue Initiative: Das Kölner Bürgerorchester.  

Zum 150. Todesjahr von Hector Berlioz widmet das Gürzenich-Orchester dem französischen Komponisten einen Saisonschwerpunkt. Nach Schwerpunkten zu Brahms, Mendelssohn und Schumann folgt mit Berlioz ein weiterer enger Freund von Gürzenich-Kapellmeister Ferdinand Hiller. Erst spät ist es Hiller gelungen, Berlioz als Dirigenten zum Gürzenich-Orchester einzuladen. Im Februar 1867 dirigierte er in Köln »Harold en Italie«. Es war sein letztes Konzert in Deutschland, bevor er 1869 starb.   

»Die Musik von Hector Berlioz ist ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit. Er überrascht uns noch heute und es wird Zeit, ihn besser kennen zu lernen!« François-Xavier Roth wählt wegweisende Stücke des Klangpioniers für die Saison 2019/20 aus, darunter »L’enfance du Christ« im Domkonzert, die Konzertouvertüre »Le corsaire« mit der jungen Dirigentin Elim Chan, die Ouvertüre »Les FrancsJuges« und »Harold en Italie« mit den Berlioz-Spezialisten Sylvain Cambreling und Antoine Tamestit an der Viola sowie die »Symphonie fantastique« zum Saisonauftakt.

Die Saison 2019/20 lenkt den Blick auf das rätselhafte Verhältnis von Musik und Leben und stellt Komponisten in den Fokus, die Musik als vielstimmige Erzählkunst auffassen. In den Werken von Hector Berlioz, allen voran der »Symphonie fantastique«, scheinen sich Biografie und Komposition auf faszinierende Weise zu durchdringen. Richard Strauss entwarf mit seiner »Symphonia domestica« ein sinfonisches Selbst- und Familienportrait. Gustav Mahler interessierten keine eindeutigen Zuschreibungen seiner Musik, es ging ihm vielmehr um die Spannungen und Widersprüche im Leben und Werk, so auch in seiner 1. Sinfonie, die mit dem selten zu hörenden Blumine-Satz erklingen wird.   

Eine bedeutende Rolle spielt die persönliche Realität in Peter Tschaikowskys Werk. In der 6. Sinfonie »Pathétique« scheint er seinen eigenen mysteriösen Tod vorweggenommen zu haben. Die Reflexion über die eigene Identität spiegelt sich auch in Matthias Pintschers Cellokonzert »un despertar« wider, das Alisa Weilerstein erstmals in Deutschland spielt und damit ihr Debüt beim Gürzenich-Orchester geben wird.  

Insgesamt werden 22 Solistinnen und Solisten ihr Debüt beim Gürzenich-Orchester feiern. Allein fünf Violinistinnen und Violinisten der jüngeren Generation sind in der Saison 2019/20 zu Gast in Köln: Emmanuel Tjeknavorian mit dem Violinkonzert Nr. 3 von Camille Saint-Saëns, Alena Baeva mit Alban Bergs Violinkonzert, Simone Lamsma mit Sofia Gubaidulinas »In tempus praesens« sowie Benjamin Beilman und Noa Wildschut mit Violinkonzerten von Wolfgang Amadeus Mozart. Darüber hinaus debütieren Yulianna Avdeeva mit Peter Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1, Pianist Cédric Tiberghien mit Karol Szymanowskis Sinfonie Nr. 4 für Klavier und Orchester und viele mehr.    

Den Startschuss für seinen Bruckner-Zyklus mit dem Gürzenich-Orchester Köln setzte François-Xavier Roth mit seinem Antrittskonzert 2015: »Als ich das erste Mal mit dem Gürzenich-Orchester Bruckner gespielt habe, war mir sofort klar, dass wir alle Sinfonien aufführen müssen. Der Klang des Orchesters passt fabelhaft zu dem romantischen Repertoire. In Kombination mit Werken der Moderne ergänzen wir unsere Lesart durch eine neue Perspektive, die deutlich macht, wie weit Bruckner seiner Zeit voraus war.« Im Dezember 2019 erklingt Bruckners 7. Sinfonie vor dem fernen Spiegel einer zerbrechlichen und komplexen Welt, die Graciane Finzi in »Soleil vert« hörbar macht. Die in Casablanca geborene Französin hat ihr Stück für 97 Musiker 1984 geschrieben, 100 Jahre nach Bruckners erstem wirklichen Erfolg.  

Bruckners 1. Sinfonie »Linzer Fassung« wird im Abschlusskonzert der Saison zusammen mit einer Premiere gegeben. Der tschechische Komponist Miroslav Srnka schreibt ein Cembalokonzert für Mahan Esfahani, der damit sein Debüt beim Gürzenich-Orchester feiern wird. Es sei ein Versuch, »das Leise über das Laute herrschen zu lassen«, so der Komponist.  

Nach der Einspielung der 2. Sinfonie von Jean Sibelius setzt das Gürzenich-Orchester die langjährige Zusammenarbeit mit Dmitrij Kitajenko fort: Bei Oehms Classics wird in der kommenden Saison eine Einspielung von Alexander Skrjabins »Poème de l’extase« und seiner Sinfonie Nr. 2 erscheinen.   

François-Xavier Roth widmet sich nach Mahlers 3. und 5. Sinfonie zwei weiteren Werken, die vom Gürzenich-Orchester uraufgeführt wurden: »Don Quixote« und »Till Eulenspiegels lustige Streiche« von Richard Strauss. Die Einspielung erscheint bei harmonia mundi.   

Zur Strahlkraft des Gürzenich-Orchesters tragen auch künstlerische Positionen gegenwärtiger Komponistinnen und Komponisten bei, die sich selbst und die Gesellschaft reflektieren. Seit seiner Gründung legt das Gürzenich-Orchester großen Wert darauf, das Repertoire für Orchester zu erweitern. Zahlreiche Ur- und Erstaufführungen sowie eigene Auftragswerke dokumentieren dieses Engagement.  

In der Saison 2019/20 erklingen Uraufführungen von Francesco Filidei und Isabel Mundry, »Evil Elves: Level Eleven« für Saxophonquartett und Orchester von Bernhard Gander sowie ein Cembalokonzert für Mahan Esfahani von Miroslav Srnka. Deutsche Erstaufführungen werden das Cellokonzert »un despertar« von Matthias Pintscher, »Soleil vert« für 97 Musiker von Graciane Finzi sowie die Erstaufführung der Sinfonischen Dichtung »Festklänge« von Franz Liszt sein.