Classix Kempten Foto: Christine Tröger

Classix Kempten Foto: Christine Tröger

Komponistinnen besser hörbar machen

Das Kammermusikfestival in Kempten im Allgäu richtet in diesem Jahr den Fokus auf Komponistinnen und geht dabei der Frage nach, was deren Durchsetzung so lange blockiert hat.

In seiner zwölften Auflage verlässt das Internationale Festival der Kammermusik »CLASSIX Kempten«, das im Theater in Kempten (Allgäu) stattfindet, thematisch bewährte Pfade und wendet sich, anders als in den Vorjahren, statt einer geografischen Region der größten Bevölkerungsgruppe der Welt zu: den Frauen. Nicht allen, versteht sich, sondern den Komponistinnen unter ihnen.

Komponierende Frauen gab es in allen Epochen der Musikgeschichte, allerdings in zahlenmäßig weitaus geringerem Umfang als ihre männlichen Kollegen. Ein gesellschaftliches Umfeld mit starren Geschlechterrollen, das eine fundierte Ausbildung für Frauen – gerade auch im Fach Komposition – nur in Ausnahmefällen zuließ, schränkte bis ins 20. Jahrhundert hinein die Entfaltungsmöglichkeiten der Komponistinnen, insbesondere ihre Etablierung im öffentlichen Konzertbetrieb, stark ein. Das hat sich, als eine der Errungenschaften der Frauenrechtsbewegung, glücklicherweise geändert. Am Ende der 1990er Jahre setzte dann auch eine systematische Erforschung der Biografien und Werke komponierender Frauen ein.

Zwar waren auch in den CLASSIX-Programmen der Vorjahre immer auch Werke von Komponistinnen vertreten, 2010 war zudem Elena Firsova Composerin in Residence, dennoch macht die intensive Recherche für die diesjährige Festivalausgabe umso deutlicher, wie unglaublich viele Komponistinnen es gibt, von denen nur die wenigsten bisher Notiz genommen haben. So eröffnet sich ein weites Feld neu zu entdeckender, großartiger Musik.

Aus dieser kaum überschaubaren Vielzahl interessanter Werke von Komponistinnen hat der Künstlerische Leiter des Festivals, Oliver Triendl, ein Programm zusammengestellt, das in frei zugänglichen öffentlichen Proben erarbeitet und in sechs Konzerten vorgestellt wird. Seinem musikalischen Spürsinn und seiner ansteckenden Begeisterung ist es zu verdanken, dass sich auch in diesem Jahr wieder mehr als zwanzig Spitzeninstrumentalistinnen und Iinstrumentalisten aus aller Welt in Kempten zusammenfinden, um das meist unbekannte Repertoire in den unterschiedlichsten Besetzungen einzustudieren und dem interessierten Publikum zu präsentieren. Mitwirken werden u. a. Stephanie Winker (Flöte), Céline Moinet (Oboe), Mihaela Martin (Violine), Lise Berthaud (Viola) und Amy Norrington (Violoncello).

Composer in Residence 2017 ist die in Berlin lebende russische Komponistin Katia Tchemberdji (*1960), die zu den renommierten Vertreterinnen ihrer Zunft mit vergleichsweise guter Präsenz im Konzertbetrieb zählt. Im Samstagskonzert wird ihr Horntrio zur Uraufführung gebracht, zudem wird sie während des Festivals auch als Pianistin in Erscheinung treten.

Im Komponistinnengespräch mit Stefan Lang, Redakteur des Deutschland/ funk Kultur, wird sie über ihr kompositorisches Schaffen Auskunft geben. Darüber hinaus kann sie die besondere Rolle von Komponistinnen in der Gesellschaft, die Herausforderungen und Schwierigkeiten, nicht nur aus ihrer eigenen heutigen Perspektive beleuchten, sondern – sozusagen aus erster Hand – auch einen Einblick geben in das Komponistin-Sein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Denn ihre Großmutter Zara Levina (die mit zwei Stücken ebenfalls im Festivalprogramm vertreten ist) war ebenfalls eine anerkannte Komponistin, deren Werke von berühmten Interpreten wie David Oistrach aufgeführt wurden.

Ein Festival mit dem Thema »Komponistinnen« muss zwangsläufig der Frage nachgehen, warum sich die schlechte Präsenz weiblicher Komponisten in den Konzertrepertoires, wenngleich mit Besserungstendenz, bis heute fortgesetzt hat. Nachdem sich weder hinsichtlich der Tonsprache noch der kompositorischen Qualität grundsätzliche Unterschiede zwischen »weiblicher« und »männlicher« Musik ausmachen lassen, sind es offensichtlich außermusikalische Gründe, die lange Zeit das Potential weiblichen Komponierens unterdrückt haben.

»Wir wollen keinen feministischen Aktionismus entfalten«, betont Festivalorganisator Franz Tröger, »sondern etwas von der unerhörten Vielfalt präsentieren, die von weiblichen Komponisten geschaffen wurde«.

Auch in diesem Jahr werden BR-Klassik und Deutschlandfunk Kultur das Festival begleiten.

www.classix-kempten.de.