Der Chor des Bayerischen Rundfunks wird 70 und tritt in Baden-Baden auf. Foto: Johannes Rodach/BR

Der Chor des Bayerischen Rundfunks wird 70 und tritt in Baden-Baden auf. Foto: Johannes Rodach/BR

"Kraft einer göttlichen Offenbarung"

Im Opulenz gewöhnten Festspielhaus Baden-Baden gibt der Chor des Bayerischen Rundfunks im Jubiläumsjahr seines 70-jährigen Bestehens ein Konzert mit der eher askteischen h-Moll Messe von J. S. Bach.

Bachs letztes großes Vokalwerk, die h-Moll-Messe, ist mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und seinem Künstlerischen Leiter Peter Dijkstra im Baden-Badener Festspielhaus am Samstag, 23. April 2016, um 20 Uhr zu erleben – begleitet vom Concerto Köln, das seit 30 Jahren zu den führenden Ensembles im Bereich der historischen Aufführungspraxis zählt.

Das hochkarätige Solisten-Ensemble wird von der gebürtigen Münchnerin Christina Landshamer angeführt, die mit ihrem leichten Sopran im Sommer 2011 bei den Salzburger Festspielen debütierte. Die Alt-Partie wird Anke Vondung übernehmen, die 2003 bis 2006 fest mit der Sächsischen Staatsoper Dresden verbunden war und seitdem u. a. auch an den Opernhäusern von Paris, Genf, Amsterdam, Berlin, Hamburg und New York gastiert. Mit Kenneth Tarver konnte zudem ein lyrischer Tenor und Belcanto-Spezialist gewonnen werden, der mit hellem Timbre international begeistert. Die Bass-Partie wird der Thomas-Quasthoff-Schüler Andreas Wolf singen, der heute an international renommierten Häusern in Wien, Mailand, New York und London ein und ausgeht.

Mit seiner Messe h-Moll komponierte Johann Sebastian Bach ein musikalisches Vermächtnis für seine Nachfahren: ein Werk, das in faszinierender Weise zwischen der Tonsprache Palestrinas und Pergolesis vermittelt und mit dieser Verbindung von „stile antico“ und „stile moderno“ seinerzeit weit in die Zukunft wies – nicht umsonst gehört das 99-seitige Manuskript von 1748/1749 heute zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Dabei war in der „großen catholischen Messe“, wie Carl Philipp Emanuel Bach das Werk seines Vaters  bezeichnete, die inhaltlich angemessene Vertonung des althergebrachten Messtextes im christlichen Sinne zentrales Anliegen, wenngleich Bach seine auf maximale Vielfalt angelegte hohe Kunst nie aus den Augen verlor.

Die lange und verwickelte Entstehungsgeschichte ist der Musik nicht anzumerken: Eine zweisätzige Urfassung ließ Bach 1733 dem sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. zukommen, wohl in der Hoffnung, den Titel eines Hofkomponisten verliehen zu bekommen. Erst gegen Ende seines Lebens nahm er sich das Stück wieder vor, um es unter Rückgriff auf eigene Werke zu einer vollständigen Vertonung des Messordinariums umzuarbeiten. Warum er dies tat, ist bis heute unklar.

Im Gegensatz zu anderen Vokalwerken Bachs, den Kantaten, Oratorien und Passionen, die nach seinem Tod für fast 100 Jahre weitgehend in Vergessenheit gerieten, hatte die h-Moll-Messe schon bald nach Bachs Tod einen legendären Ruf. Hans Georg Nägeli rühmte sie als „größtes musikalisches Kunstwerk aller Zeiten und Völker“. Und der Bach-Biograf Philipp Spitta urteilte: „Von Bachs Compositionen könnte alles verloren gehen, die H moll-Messe allein würde bis in unabsehbare Zeit von diesem Künstler zeugen, wie mit der Kraft einer göttlichen Offenbarung.“