Dorantes und Garcia-Fons. Foto: Javi Caro

Dorantes und Garcia-Fons. Foto: Javi Caro

Leidenschaft im winterlichen Westfalen

Aktueller Jazz aus Europa prägt das Programm, es geht aber auch nach Übersee, Marokko und Israel. Jazz-Heroen wird gehuldigt und neue Kapitel im großen amerikanischen Songbook werden aufgeschlagen.

Der Jahresbeginn gehört dem Festival überraschender Klangerlebnisse: Vom 6. bis 8. Januar 2017 richtet das städtische Kulturamt das 26. Internationale Jazzfestival Münster im Theater aus. Der künstlerische Leiter Fritz Schmücker bleibt seiner Dramaturgie treu und folgt der festivaltypischen Maxime, das oft weniger Bekannte, das Unvorhersehbare zu zeigen, jenseits von Schubladen und Beliebigkeit. Er setzt auf eine Mischung aus vertrauten Namen und „dem ‚Who is Who’ des unbekannten Jazz“, wie er seine Entdeckungen nennt. Dem Festival eigen ist dabei das Spiel mit Kontrasten - und die Vielfalt an Klangfarben. 17 Konzerte mit fast 100 Musikerinnen und Musikern aus 15 Ländern sind zu hören, darüber hinaus erlebt Münster acht Deutschland-Premieren.

 

Beispielhaft für den Farbenreichtum: Der große französische Jazzpianist Jacky Terrasson, ein „alter Bekannter“ beim Festival, und sein Duo-Partner, der Trompeter Stéphane Belmondo, treffen auf den marokkanischen Musiker Majid Bekkas. Er singt, spielt Gitarre und beherrscht die Kurzhalslauten Oud und Gimbri. Zu dritt springen sie über alle Kontinente, schicken arabische, afrikanische, europäische und amerikanische Klänge auf ganz neue Wege.

Nicht alltäglich ist auch die musikalische Verbindung zwischen dem Spanier Dorantes und dem Franzosen Renaud Garcia-Fons, ein immer wieder gern gesehener Gast beim Festival. Sie spielen Flamenco - allerdings ohne Gitarre. Dorantes ist ein Flamenco-Star am Klavier, Altmeister Garcia-Fons ein Zauberer am Kontrabass, sowohl beim Zupfen als auch mit dem Bogen.

 

Ein Kapitel des Festivals ist den Jazz-Heroen gewidmet. Eine Hommage gibt es für den legendären US-amerikanischen Kontrabassisten Charles Mingus. Er wäre im April nächsten Jahres 95 Jahre alt geworden. Die deutsche Formation „I am three“, benannt nach dem ersten Satz von Mingus' Autobiografie, interpretiert seinen unverwechselbaren Sound sehr zeitgemäß, bleibt dabei aber der Seele seiner Musik treu.

Ein Geburtstagsgruß geht ebenfalls an Chris McGregor, den 1990 viel zu früh verstorbenen Gründer der südafrikanisch-europäischen Big Band „The Brotherhood of Breath“. In Erinnerung an den Komponisten, der Weihnachten 80 Jahre alt würde, kommt eine zehnköpfige Band zur „Brotherhood Heritage“ zusammen. Afrika meets Big-Band-Jazz!

Und noch ein Jubelfest ist zu feiern: 1967 gründeten Musiker und Komponisten mit dem Instant Composer Pool (ICP) ein Label, um Jazzplatten zu veröffentlichen, die niemand anderer veröffentlichen wollte. Ein Erfolgsrezept. 50 Jahre später steht das zehnköpfige ICP-Orchestra, nach einigen Personalwechseln, aber noch mit Mitbegründer Han Bennink in den Reihen, in Münster. Und improvisiert so frisch wie früher.

 

Der Schweizer Andreas Schaerer betörte beim Jazzfestival 2013 mit dem virtuos-anarchisch-humorvollen Gig „Hildegard lernt fliegen“. Im Januar zeigt er mit Luciano Biondini, Kalle Kalima und Lucas Niggli „A novel of Anomaly“. Schaerer, diesmal nicht als dominierender Frontmann, sondern auf Augenhöhe mit seinen kongenialen Partnern. Mitreißend sind auch Hélène Labarrière und Hasse Poulsen, die populäre Melodien ganz neu und abenteuerlich verpacken.

An das große amerikanische Songbook wagen sich gleich zwei junge Formationen. Die Jazz-Klassiker der 1930er bis 1960er Jahre, oft durch populäre Broadway-Musicals oder Filme im Ohr, sind mit dem britischen Pianisten Alexander Hawkins und der Sängerin Elaine Mitchener ins 21. Jahrhundert gereist und rütteln kräftig an den gewohnten Hörerfahrungen. Und auch die Sängerin Lucia Cadotsch mit ihrem Programm „Speak low“ schöpft aus dem reichen Schatz der alten Songs und interpretiert sie im Zusammenspiel mit Kontrabass und Saxofon mit bezaubernder Stimme.

Das Festival ist auch immer ein Ort für Experimente. Drei junge Improvisierer treffen sich in Münster, die noch kein Konzert zusammen gespielt haben: Die junge slowenische Pianistin Kaja Draksler, der Bassist Petter Eldh und der Drummer Christian Lillinger.

Aus New York eingeflogen kommt Schlagzeugerin Allison Miller mit ihren fünf Bandkollegen. Von ihrem energievollen Programmtitel „Boom Tic Boom“ sollte man sich nicht täuschen lassen: Sie beherrscht auch die leisen, aparten Töne. Das Konzert ist nicht nur eine Deutschland-, sondern eine Europa-Premiere.

Zehn Jahre jünger und ebenfalls am Schlagzeug sitzend präsentiert sich Anne Paceo. Mit ihren frechen Kompositionen hat sie die französische Jazzlandschaft bereits nachhaltig beeindruckt. Das gleiche gilt für die Band Empirical und die britische Jazzszene. Mit ihrem dynamischen, energievollen Sound startet das Festival am Freitag. Und mit jungen Tönen endet das Festival auch: Daniel Zamir, in Israel eine angesagte Jazz-Größe, bringt mit seinem Quartett Klezmer, Folk und Bebop zum Grande Finale zusammen, der junge João Barradas aus Portugal zeigt zuvor, wie modern ein Akkordeon klingen kann.

 

Wer von den Konzerten im Großen und Kleinen Haus noch nicht satt genug ist, sollte im Anschluss den Theatertreff ansteuern. Hier lassen die Musiker traditionell die Nächte mit spontanen Jam-Sessions lang werden. Beliebt ist auch die Familien-Matinee am Sonntag. Kinder ab fünf Jahren gehen diesmal mit Ritter Rost auf Schurkenjagd. Das Jugendjazzorchester NRW um Leiter Stephan Schulze bringt ein ganzes Musical im Jazzorchester-Sound auf die Bühne: „Ritter Rost und der Schrottkönig“.

Und nicht zu vergessen: Der Westfalen-Jazz-Preis wird auf dem Festival verliehen. Mit ihm werden Künstler der Region mit einer Konzertreihe in der Region prämiert.

 

Dass Münsters Jazzfestival in dieser Kontinuität und Qualität zu den Top-Veranstaltungen in Deutschland zählt, ist für Kulturdezernentin Cornelia Wilkens nicht zuletzt dem großen Kreis von Sponsoren zu verdanken. „Es ist eine Fördererfamilie gewachsen, die das Festival seit Jahren stützt. Der Dreiklang aus Sponsoring, kommunaler Zuwendung und Eintrittsgeldern ist vorbildlich für lebendiges Kulturengagement in Münster.“

Es werden auch immer wieder gerne neue Sponsoren im Kreis begrüßt. In diesem Jahr ist es die Firmengruppe Hermann Brück. Der WDR ist ein Partner, der von Beginn an dabei ist. Er übernimmt die Konzertmitschnitte und geht am Festival-Freitag ab 20.05 Uhr live auf Sendung: Bis Mitternacht sind die Konzerte auf WDR 3 zu hören. Weitere langjährige Partner sind: das Theater Münster, das offizielle Festivalhotel Parkhotel Schloss Hohenfeld, die LVM-Versicherungen, die Jugendhilfeorganisation Andante, die Münstersche Zeitung, das Pianohaus Micke, die M4-Media Werbeagentur, das Audizentrum Münster und - auch für die aufwändige Reiselogistik - das ReiseArt Lufthansa City Center. Die Imorde Projekt- und Kulturberatung GmbH stiftet den Preis Westfalen-Jazz.