Carolina Eyck. Foto: Morgenland Festival Osnabrück

Carolina Eyck. Foto: Morgenland Festival Osnabrück

Modell für ein respektvolles Miteinander

Den vielen Klischeebildern vom Orient, positiv wie negativ besetzten, möchte das Morgenland Festival möglichst authentische Erfahrungen entgegensetzen.

Das Morgenland Festival Osnabrück widmet sich seit 2005 der Musikkultur des Vorderen Orients, von traditioneller Musik bis zu Avantgarde, Jazz und Rock. Eine umfangreiche Presseresonanz sowie jährliche Auslastungszahlen von knapp 100% dokumentieren den besonderen Stellenwert dieses Festivals.

Das musikalische Programm wird 2016 verschiedene Schwerpunkte setzen: Das Festival bietet ein Forum für Musiker, die ihre Heimat verlassen mussten, insbesondere aus Syrien. Für die Musiker ist es essentiell, sich neu zu verorten und zu vernetzen, eine neue Heimat zu finden, musikalisch wie menschlich.

Lange bevor Syrien aufgrund des grausamen Bürgerkrieges und den damit einhergehenden Flüchtlingsströmen zu einem vorherrschenden Thema unserer Zeit wurde, präsentierte das Morgenland Festival Osnabrück die vielfältige Musikkultur des Landes und ihre zahlreichen Akteure. Mittlerweile mussten unzählige Musiker aus Syrien ihre Heimat verlassen. Sie alle stehen nun vor der großen und schwierigen Herausforderung, sich neu zu verorten und zu vernetzen, eine neue Heimat zu finden, musikalisch wie menschlich – eine Aufgabe, die nur durch Begegnung und Austausch bewältigt werden kann.

Das Morgenland Festival Osnabrück bietet hierfür einen Ort. So wird das Morgenland Chamber Orchestra das Eröffnungskonzert gemeinsam mit Musikerkollegen des Syrian Expat Philharmonic Orchestra unter der Leitung des türkischen Dirigenten Naci Özgüc gestalten. Nicht nur syrische Solisten wie der Geiger Maias Alyamani, die Sängerin Dima Orsho und der Oudspieler Aktham Abou Fakher werden an diesem Abend zu erleben sein, sondern auch Gäste wie die spektakuläre Theremin-Virtuosin Carolina Eyck, der Countertenor Kai Wessel und die Geigerin Lenka Zupkova.

Heimat und kulturelle Identität spielen auch eine wichtige Rolle bei dem Zyklus "Beethoven im Felix-Nussbaum-Haus". Der palästinensische Pianist Saleem Ashkar spielt an acht Abenden alle Klaviersonaten Beethovens in Ost- und West-Jerusalem, in Prag, Berlin und im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück. Musikalische Rezeptionen im sozialen und kulturellen Kontext - in der arabischen Welt, in Israel, in Europa. Musik und Religion, Musik und Gesellschaft, Musik und Politik - universelle Fragen, denen in diesem Zyklus musikalisch und in Gesprächen nachgegangen wird. Mit "Warum Beethoven? Die Musik eines Revolutionärs" ist der erste Abend des Beethoven-Zyklus betitelt. Gesprächspartner ist Michael Wolpe. Der Komponist, Dirigent und Professor an der Jerusalem Academy of Music and Dance wuchs mit den Werken von Felix Nussbaum auf, die sein Großvater, ein Holocaust-Überlebender, vor den Nazis rettete.

Die Reihe "The Art of Duo" bringt einige international herausragende Musikerpersönlichkeiten in dem kleinsten und intimsten musikalischen Format zusammen - dem musikalischen Dialog. Hier zeigt sich das Festival wiederum als Labor, als Spielstätte für musikalisch Neues, Ungehörtes, Unerhörtes. So trifft der iranische Kniegeigen-Virtuose Kayhan Kalhor den malischen Koraspieler Toumani Diabaté, den französischen Tuba- und Serpent-Spezialisten Michel Godard erleben wir im Zusammenspiel mit dem aserbaidschanischen Sänger Alim Qasimov. Der chinesische Mundorgelspieler Wu Wei trifft auf den aserbaidschanischen Pianisten Salman Gambarov.

Der schillernden iranischen Stadt Isfahan ist eine literarisch-musikalische Zeit-Reise gewidmet, den die Hamburger Ratsmusik gemeinsam mit den Schauspielern Mario Freivogel und Neda Rahmanian sowie dem jungen iranischen Musiker Houman Esmailian gestalten wird. Natürlich darf die Morgenland All Star Band nicht fehlen. Nach einer sechswöchigen Tournee durch China und einem gefeierten Auftritt in Izmir kehrt die Band zu ihren Wurzeln in die Friedensstadt zurück. Open Air auf dem Marktplatz wird sie mit einer fantastischen Vorband zu erleben sein: Die 20-köpfige 'Banda Internationale' entstand aus der Dresdner 'Banda Communale'.

Die dachten sich: "Wir gründen gemeinsam mit geflüchteten Menschen in unserer Stadt eine Heimat-Kapelle und spielen zünftige Volksmusik … Der Sound unserer Heimat wird sich verändern und wir sind sicher, das wird gut." An die ausgelassene Tanzgelegenheit auf dem Markt schließt sich nahtlos die lange Nacht mit DJ Ipek an, die auch in diesem Jahr ihre Sounds und Beats nach Osnabrück bringen wird. Neu ist der 'Morgenland Campus' in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musik der Hochschule Osnabrück. Musiker des Festivals werden mit Studenten der Hochschule eine Woche lang zusammenarbeiten und gemeinsam das Festival am 11.9. im Blue Note beschließen.

Mit Kinan Azmeh und Dima Orsho aus Syrien und Rony Barrak aus dem Libanon sind drei Weltklasse-Musiker als Gastdozenten dabei. Ebenso illuster ist die Riege der deutschen Kollegen mit Florian Weber, Frederik Köster und Christoph Hillmann und Lectures von Michel Godard sowie einer Aufnahme-Session mit dem legendären Tonmeister Walter Quintus.

Der Osnabrücker Oberbürgermeister Wolfgang Griesert betonte: "Die Friedensstadt Osnabrück unterstützt in besonderer Weise friedenspolitische Aktivitäten. Das Morgenland Festival Osnabrück ist dabei ein wichtiger Baustein der Friedenskulturarbeit der Stadt. Ich freue mich, dass dieses außergewöhnliche Festival, das weit über die Grenzen ausstrahlt, seine Heimat in Osnabrück gefunden hat."

Festivalleiter Michael Dreyer erinnert sich an die Gastspiele im Irak und Syrien - bevor der IS dort seinen infernalischen Terror startete: "Drei Jahre ist es her, dass wir in Nordirak gastiert haben, vor sechs Jahren waren wir in Damaskus - die Orte sind uns vertraut geworden. Wir können kaum fassen, was dort passiert, aber wie ist es für unsere Freunde und alle anderen Menschen, deren Heimat kein sicherer Ort mehr ist, die ihre Heimat verloren haben? Wir werden Heimat neu gründen - neu ergründen - müssen. Für einen kurzen Moment möge das Morgenland Festival allen eine Heimat und ein sicherer, beglückender Ort sein, ein Modell für ein respektvolles und reiches Zusammenleben."