Musik ist nicht unabhängig von Politik

Ein Jahr nach Beauftragung des Bielefelder Historikers Hans-Walter Schmuhl mit einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Rolle des langjährigen Direktors der Hochschule für Musik Detmold, Prof. Martin Stephani, liegen der Hochschule nun erste Zwischenergebnisse vor.

Vermutungen und Spekulationen zur Vergangenheit Stephanis im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Musikreferent im SS-Führungshauptamt können nun durch Forschungsergebnisse ersetzt werden. Hierzu wurde dem Senat als höchstem politischen Entscheidungsgremium der Hochschule in der Sitzung am 13. Dezember 2016 ein vorläufiger Bericht über die Recherchen Schmuhls vorgelegt.

Aus diesem geht hervor, dass die Versetzung Stephanis von der Wehrmacht zur Leibstandarte Adolf Hitler der Waffen-SS im Mai 1941 auf Initiative des Kommandeurs der Leibstandarte, SS-Obergruppenführer Sepp Dietrich, erfolgte. Stephani fügte sich dem nur widerstrebend. Willkommen war ihm dagegen die Möglichkeit eines Wechsels in das Musikreferat im SS-Führungshauptamt. Er verzichtete auf den schließlich doch noch möglich gewordenen Arbeitsurlaub in Olmütz, wo man ihm die Stelle eines Städtischen Musikdirektors in Aussicht gestellt hatte.

Stephani war bis zum Ende des Krieges, zuletzt im Rang eines SS-Obersturmführers, als Musikreferent der Waffen-SS im SS-Führungshauptamt tätig. Der privaten Korrespondenz aus dieser Zeit ist zu entnehmen, dass Stephani sich mit den Herrschaftszielen des nationalsozialistischen Deutschlands identifizierte und seine künstlerische Tätigkeit mit dem Symphonieorchester der Waffen-SS als Beitrag zur Erziehung zu einer „wahrhaft nationalsozialistischen Weltanschauung" verstand.

Im Senat besteht Konsens darüber, dass erste offene Fragen und damit verbundene Spekulationen nun durch Fakten ersetzt worden sind. „Der Senat erkennt die großen Verdienste Prof. Stephanis für die Hochschule und die bis heute andauernde Bedeutung seines Wirkens an. Der Senat sieht jedoch kritisch, wie Ideologien und Weltanschauungen – auch und gerade im Hinblick auf kulturelles Denken und Handeln – auf Lebensentwürfe Einfluss nehmen können. Die Causa Martin Stephani zeigt erneut, dass Musik nicht unabhängig von Gesellschaft und Politik besteht", so ein Auszug aus der offiziellen Stellungnahme. Die komplette Aufarbeitung Schmuhls soll nun im Frühjahr 2017 im Rahmen der von Prof. Dr. Rebecca Grotjahn herausgegebenen Schriftenreihe „Beiträge zur Kulturgeschichte" im Allitera-Verlag in Form einer Monographie vorgelegt werden. Hier soll im Detail die Biographie Stephanis vor und nach 1945, insbesondere auch seine Berufung als Direktor an die heutige Hochschule für Musik Detmold, dargestellt werden. 
Schmuhl, der in Fachkreisen als ausgewiesener Kenner für die Zeit des Nationalsozialismus gilt, war nach Beauftragung ein Jahr mit dem Studium von Quellen u. a. aus dem Bundesarchiv in Berlin und Koblenz, den Archiven der Universität der Künste Berlin, dem Hessischen Staatsarchiv, dem Stadt- und Universitätsarchiv Marburg, weiteren Dokumenten aus Privatbesitz sowie dem Auswerten von Zeitzeugeninterviews beschäftigt. Vor dem Hintergrund des 100. Geburtstages des mit 23 Jahren am längsten gedienten Rektors in der Geschichte der Hochschule für Musik Detmold im November 2015 hatte die Hochschule entschieden, die Biographie Stephanis aufarbeiten zu lassen.