Beethovens Pathétique mit individuellen Notizen in der neuen Henle-App.

Beethovens Pathétique mit individuellen Notizen in der neuen Henle-App.

Musik, serviert auf dem Tablet

Henle Urtext, eine der wichtigen Noteneditionen klassischer Musik, wird digital. Die App soll Musikern beim Üben, Proben und Spielen als wertvolles Werkzeug dienen, heißt es aus dem Verlagshaus.

Für den Henle Verlag sei von Anfang an klar gewesen, dass es nicht damit getan sei, die Urtextausgaben einfach als digitale Dateien anzubieten, etwa als Pdf. Da ohnehin schon viele Musiker Noten per Download erwerben, hätte dies keinen Zusatznutzen gehabt. Genau um den ging es Henle aber. Das Ziel war es nach Verlagsangaben eine App zu entwickeln, die Eigenschaften hat, die eine Druckausgabe nicht und nur das digitale Medium bieten kann und die außerdem hochwertig und schön sei. Nach über zweijähriger Entwicklung mit vielen „Aufs“ und „Abs“ und einem in der Verlagsgeschichte bisher einmaligen Investitionsvolumen gibt es nun die „Henle Library“-App. Sie bietet den Referenztext der Urtextausgaben.

Den können Musiker (und Hörer) mit Hilfe der App in beliebig vielen Fassungen an individuelle Bedürfnisse anpassen: Man kann die Anzahl und Größe der Notenzeilen pro Bildschirmseite verändern, in der Klavierpartitur von Kammermusik die überlegten Solostimmen weg- und wieder hinzuschalten. Und besonders wichtig: Was früher der gute alte Bleistift samt Radiergummi war, übernimmt nun ebenfalls die App – und das sogar mehrfarbig – der Markierfreude sind keine Grenzen gesetzt, ohne dass das Papier reißt.

Für den Gebrauch beim Üben soll sich die App auch deshalb eignen, weil sich alle Fingersatz- und Bogenstrichangaben per Klick ein- und ausschalten lassen. Zudem erhalten Käufer der „Henle Library“-App bereits zum Launch beispielsweise bei den Solosonaten und -Partiten Bachs den „nackten“ Urtext und zusätzlich frei wählbare Einrichtungen von Igor Ozim, Midori Seiler und Christian Tetzlaff; die Beethoven-Klaviersonaten kann man mit Fingersätzen von Eugen d’Albert, Conrad Hansen oder Murray Perahia nutzen; die Violinsonaten von Brahms mit Fingersätzen und Bogenstrichen von Leopold Auer, Igor Ozim, Ossip Schnirlin, Christian Tetzlaff und im Klavierpart neben Hans-Martin Theopold auch alternativ von Lars Vogt.

Es gebe so viele großartige Künstler der Vergangenheit, die in heute vergriffenen Ausgaben Fingersatzeinrichtungen veröffentlichten und die zu Unrecht in Bibliotheken schlummerten, findet man bei Henle. Per App sind sie in Sekundenschnelle entstaubt, wenn man den Ankündigungen des Verlags folgen mag.

Sollte die App in die Konzertsäle einziehen – was wird dann aus den netten jungen Damen und Herren neben den Klavierbegleitern, die die Seiten wenden? Per antippen auf dem Tablet-Computer bei Wiederholungszeichen springt die Darstellung auf der Seite zurück zum Beginn der Wiederholung und A-Teile (z. B. im Scherzo oder Menuett) werden nach dem B-Teil einfach nochmals angezeigt. So berichtet der Verlag. Was dran ist an der App können Musiker und Musikfreunde ab Mittwoch, 3. Februar nach dem Besuch des App-Stores erfahren. Wer Android unterwegs ist, muss sich bis Mai gedulden.

Touchpress, die in London ansässige Entwicklungsfirma der App, und Henle garantieren übrigens, dass alle einmal erworbenen App-Noten für alle Zeit und überall dank „Cloud“-Technologie zur Verfügung stehen und nie verloren gehen werden. Nutzer können natürlich zwischen verschiedenen Systemen (iOS und Android) wechseln und die erworbenen Noten immer und überall und auf jedem Tablet-Computer verlustfrei nutzen.

Sollte man als Musikfreund künftig in einer Kritik die Bemerkung über einen Künstler lesen, dass dessen Akku leer gewesen sei, dann muss das keineswegs mehr ein Sprachbild für eine müde wirkende Interpretation bedeuten. Es kann schlicht eine technische Tatsachenbeschreibung sein. Zudem muss künftig natürlich auch die Verbindung zum Internet, genauer zur Cloud stimmen. Die wunderbare Textzeile aus der Agathe-Arie aus dem Freischütz „Und ob die Wolke sie verhülle ...“ könnte sonst zum geflügelten Wort werden. Immerhin aber heißt es auch jetzt schon: Applaus!