Daniel Behle. Foto: Marco Borggreve

Daniel Behle. Foto: Marco Borggreve

Musikfest Frankfurt knüpft an Schubert an

Die Winterreise und die weltweiten Flüchtlingsströme: Das Musikfest in Frankfurt nimmt die Fremdheit, einen der Urantriebe für künstlerische Äußerungen, zum Ausgangspunkt der Programmatik.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“, lauten die ersten Zeilen von Franz Schuberts „Winterreise“: ein verdichtetes Motto über dem gesamten Liedzyklus, der radikal und schonungslos von Ausgrenzung und Außenseiterschaft, von Flucht und Exil – und damit von höchst aktuellen Themen – erzählt.

Die Alte Oper Frankfurt nimmt die „Winterreise“ und ihre Botschaft zum Ausgangspunkt für das gesamte Musikfest 2017: Zwischen dem 15. und dem 30. September 2017 wird in zahlreichen klassischen Konzerten, in Weltmusik und Jazz, in Film, Literatur, Performance und Gespräch dem musikalischen, poetischen, politischen und gesellschaftlichen Gehalt der „Winterreise“ nachgegangen.

In mehreren Konzerten erklingt dabei die „Winterreise“ im Original: Mit Daniel Behle (15. September), Ian Bostridge (17. September), Julian Prégardien (23. September) und Günther Groissböck (25. September) interpretieren vier führende Liedsänger unserer Zeit die 24 Lieder über eine Wanderschaft durch romantische wie auch gegenwärtige Seelenlandschaften.

Gleich drei dieser vier Termine zeigen aber bereits auf verschiedene Weise die „Winterreise“ in einem anderen Kontext: Daniel Behle lässt auf den Zyklus in seiner Originalgestalt für Singstimme und Klavier gleich eine eigene Bearbeitung des Werks für Tenor und Klaviertrio folgen, die die Dramatik der Lieder in ihren aufgefächerten Klangfarben noch zuspitzt. Ian Bostridge begibt sich für seine „Winterreise“ an einen Ort, an dem das Unterwegssein, die Unwägbarkeiten einer Reise und die Nüchternheit des Alltags sicht- und hörbar werden: den VGF Betriebshof Gutleut, der sich bereits beim Projekt „One Day in Life“ als außergewöhnlicher Konzertort erwiesen hat. Und Julian Prégardien erweitert die „Winterreise“ nach historischem Vorbild zur Soiree mit Werken weiterer Komponisten und Improvisationen seines Klavierpartners Michael Gees.

Zu den weiteren außergewöhnlichen Terminen des Musikfests zählen ein Abend mit der Musicbanda Franui und dem Puppenspieler Nikolaus Habjan, der sich dem Thema Wanderschaft auf poetische Weise annähert (16. September), eine Performance des Künstlers Daniel Cremer, der das Format des Liederabends auf den Kopf stellt (16.-18. September, Mousonturm), eine Theaterproduktion, die Schuberts „Winterreise“ (in der Zender-Fassung) mit Bildern aus einem Flüchtlingslager in Ungarn koppelt (19.+20. September, Frankfurt LAB), sowie eine „Winterreise im Wirtshaus“: Am 22. September stellen Nataša Mirković und Matthias Loibner ihre Fassung des Zyklus für Gesang und Drehleier (dem Instrument der Wanderer, das bei Schubert zum Symbol für den Zwischenbereich von Leben und Tod wird) im Apfelweinlokal „Daheim im Lorsbacher Thal“ vor.

Eine „Winterreise“, die in Jazz- und Poplandschaften führt, unternimmt am 27. September der Pianist Michael Wollny gemeinsam mit dem Sänger und Multi-Instrumentalisten Konstantin Gropper. Ganz andere Facetten des Themas „Fremde“ fasst am 29. September ein dreiteiliger Abend zusammen: Das Publikum begegnet Musik aus Mali, die von einer besonderen Gesangstradition kündet, einem „Salon“ in Gestalt eines szenischen Konzerts mit Musikern aus verschiedenen Kulturkreisen und schließlich Karlheinz Stockhausens „Hymnen“ als auskomponierte Vision einer Einheit von Völkern und Nationen.

Daneben beteiligen sich auch am diesjährigen Musikfest wieder viele Künstler von Rang und Namen mit eigenen Beiträgen, darunter Sir András Schiff mit einem Klavierabend (21. September) und sein jüngerer Kollege Francesco Tristano, welcher am 24. September Bearbeitungen einzelner Lieder der „Winterreise“ mit Werken von Debussy, Ravel, Takemitsu und ihm selbst kombiniert. Am selben Abend folgt auch das Philharmonia Orchestra London der Einladung zum Musikfest, um im Großen Saal Wanderungen durch die Weite nordischer Klanglandschaften zu unternehmen.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester (24./25. September) ist ebenso wieder mit von der Partie wie das hr-Sinfonieorchester (29. September) oder das Ensemble Modern (30. September). Auch der Mousonturm beteiligt sich wieder am Musikfest – diesmal mit einer Performance von Daniel Cremer (16.-18. September) und einer Theaterproduktion des Proton Theatre (19.+20. September). Das Schauspiel Frankfurt schließlich gibt am 26. September Einblicke in eine neue Produktion, in der die Romantik auf ihre politische Sprengkraft befragt wird.