Foto: Staatsoper Berlin/David Baltzer

Foto: Staatsoper Berlin/David Baltzer

Musiktheater nach Ulrike Meinhof

Während ihrer Isolationshaft schrieb die Terroristin den Text »Brief aus dem Toten Trakt«, der als Basis für ein Musiktheaterstück über Raum- und Zeitgefühl genutzt wird. Zu erleben ist es jetzt in Berlin in der Reihe Infektion.

Am 23. Juni eröffnet Matthias Hermanns Musiktheaterstück »Die Luft hier: Scharfgeschliffen« die sechste Ausgabe von INFEKTION! Festival für Neues Musiktheater, das in diesem Jahr bis zum 16. Juli in der Werkstatt und auf der großen Bühne des Schiller Theaters stattfindet.

Inszeniert wird der Abend von Hans-Werner Kroesinger, der zu den wichtigsten Vertretern des zeitgenössischen Dokumentartheaters zählt und u. a. in Berlin durch Produktionen am Deutschen Theater, Berliner Ensemble, HAU Hebbel am Ufer, Maxim Gorki Theater, in den Sophiensaelen, im Radialsystem sowie im Theater an der Parkaue bekannt ist. Zuletzt war er mit »STOLPERSTEINE STAATSTHEATER« vom Staatstheater Karlsruhe (2015)  beim diesjährigen Theatertreffen zu Gast. Nun erarbeitet Hans-Werner Kroesinger, gemeinsam mit der Dramaturgin Regine Dura, erstmals eine Inszenierung für die Berliner Staatsoper. Der 1960 geborene Komponist Matthias Hermann, ehemaliger Schüler Helmut Lachenmanns, begleitet den Probenprozess in der Werkstatt.

Basierend auf Ulrike Meinhofs Text »Brief aus dem Toten Trakt«, der während ihrer Isolationshaft 1972/73 in der Justizvollzugsanstalt Köln entstand und ihre Wahrnehmungen während der Gefangenschaft und dem damit einhergehenden Verlust jeglichen Zeit- und Raumgefühls beschreibt, reflektiert das 1993/94 entstandene Werk für Sänger, einen Schauspieler, Instrumentalisten und Live-Elektronik, historische Situationen politisch begründeten Gefangenseins. Die hochkomplexe Partitur befasst sich dabei in sieben Szenen fragmentarisch und überkreuzend mit einer Gefangenen in Isolationshaft und der Figur des russischen Dichters Ossip Mandelstam. Die musikalischen Strukturen reflektieren und rekurrieren auf Zwangssituationen – Repression und Unfreiheit werden hier nicht »vertont« sondern werden zum Thema der Musik selbst. Während die historischen, geographischen und politischen Zusammenhänge sich äußerlich unterscheiden, werden dabei die im Kern ähnlichen Mechanismen freigelegt.

Unter der musikalischen Leitung von Max Renne sind Olivia Stahn als »Gefangene«, Martin Gerke als »Dschinn«, die Sängerinnen Stelina Apostolopoulou, Jelena Banković, Ivi Karnezi und der Schauspieler Thomas Wittmann als der »Dichter« sowie fünf Mitglieder der Staatskapelle Berlin zu erleben.

Außerdem werden "Luci mie traditrici" von Salvatore Sciarrino, "Gesang der Jünglinge" von Karl-Heinz Stockhausen und von Irini Amargianaki das Stück "ANS" aufgeführt. Das komplette Programm gibt es unter

www.staatsoper-berlin.de