Pier Paolo Pasolini/Johan Simons Accattone. Bild: Ruhrtriennale

Pier Paolo Pasolini/Johan Simons Accattone. Bild: Ruhrtriennale

Musiktheaterkreation mit einem Schuss Bach

Auf der Basis von Pier Paolo Pasolinis Sozialdrama Accattone hat der Ruhrtriennalen-Intendant Johan Simons ein Stück Musiktheater konstruiert. Am Sonntag (nach dem EM-Spiel der Deutschen) ist es auf Arte zu sehen.

Diesen Sonntag, den 26. Juni, zeigt Arte um 23:05 Uhr die Aufzeichnung von „Accattone“, der gefeierten Eröffnungsproduktion der Ruhrtriennale 2015. Im ersten Jahr seiner Intendanz inszenierte Johan Simons „Accattone” als Musiktheaterkreation nach Pier Paolo Pasolinis gleichnamigem Leinwanddebüt aus dem Jahre 1961.

Eines der besten Ensembles für Alte Musik, Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe, vervollständigte die Kreation mit Musik von Johann Sebastian Bach. Uraufgeführt wurde „Accattone” am 14. August 2015 in der Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg in Dinslaken, die zum ersten Mal zum Spielort der Ruhrtriennale wurde.

Die Musiktheaterkreation setzt Pasolinis Text und die Musik Bachs in ein neues Verhältnis. Erzählt wird die Geschichte von „Accattone“ in der Form einer Passion. Er lügt und stiehlt, zwingt Frauen in die Prostitution und predigt Zwietracht. Arbeit gilt dem Anti-Messias Accattone (Bettler) als Laster, er und seine Gefährten definieren sich nicht durch Besitz, Status oder gesellschaftliche Funktion.

Verdrängt an die wüstenartigen Randgebiete der kapitalistischen Welt, die einer Danteschen Hölle gleichen, kämpfen Pasolinis Helden des Subproletariats ums Überleben. Statt bürgerlichen Wert- und Moralvorstellungen zu gehorchen, folgen sie ihrem Instinkt und huldigen der Intensität des Augenblicks. Steckt in ihnen das Potenzial für eine gesellschaftliche und politische Neuordnung?

Das Spiel des Ensemble NT Gent und die Interpretation der Kantaten Bachs durch das Collegium Vocale Gent erzeugen ein Spannungsfeld zwischen irdischer Realität und himmlischem Erlösungsversprechen, die in den riesigen Dimensionen der 210 Meter langen Kohlenmischhalle auch visuell gewaltigen Ausdruck findet.