hr-Sinfonieorchester. Bild: Ben Knabe

hr-Sinfonieorchester. Bild: Ben Knabe

Nachklang und Late Night Kammermusik

Es gibt Trend in der Konzertgestaltung, der die Gattungen zusammenbringt: In Essen spielen Mitglieder des Concertgebouw Orchestra nach dem Philharmonischen Konzert noch Kammermusik, in Frankfurt gibt es solistische Nachklänge.

Man meint es aus alten Filmen zu kennen, bei denen ein Tenor im Mittelpunkt steht: Nach der Aufführung singt er vom Hotelbalkon noch für seine Fans. Oder man kennt es von Klassikkünstlern, die nach dem Konzert noch im Jazzclub aufspielen. In Essen gehört dieses "zweite" Konzert nun zum Programm.

Am Samstag, 20. Februar, treten das Royal Concwertgebouw Orchestra und der Pianist Jean-Yves Thibaudet zunächst gemeinsam unter der Leitung von Andris Nelons im Alfred-Krupp-Saal der Philharmonie Essen auf. Die Niederländer spielen u. a. Schostakowitschs 6. Sinfonie und begleiten den Franzosen beim Concerto in F von George Gershwin.

Ob Andris Nelsons nach dem Konzert unmittelbar das Hotelbett ansteuern wird, ist nicht bekannt. Thibaudet und einige Musiker des Orchesters jedenfalls betreten danach wieder das Podium und machen Late Night Kammermusik, u. a. spielen sie das Sextett für Klavier und Bläser von Francis Poulenc. Wer weiß, was die Musiker noch alles vorhaben. Wer für das Orchesterkonzert ein Ticket gelöst hat, kann einfach sitzen bleiben. Wer - etwa nach dem Diner - nur die Kammermusik goutieren möchte, kann für ein vergleichsweise schmales Entgelt auch nur dazu kommen.

Ist das der neue Trend im Konzertleben? Beim hr-Sinfonieorchester gehört der Nachklang ebenfalls zum guten Ton. Am Donnerstag und Freitag dieser Woche führt das Orchester im Abo-Konzert je zwei Beethoven-Sinfonien auf. Dazwischen spielt Pierre-Laurent Aimard je ein Klavierwerk von Karl-Heinz Stockhausen. Und die Konzerte klingen nicht etwa mit einer Sinfonie aus, sondern mit einem ausgewachsenen Klaviersolo aus Beethovens Feder (Eroica-Variationen bzw. Appassionata). Im April gibt es das Ganze dann mit anderen Werken und einem anderen Pianisten: Stewart Goodyear.

So originell und die Aufmerksamkeit durch Abwechslung animierend dieser Trend auch ist: Neu ist er natürlich nicht, wenn man an die bunt gemixten Konzertprogramme des 19. Jahrhunderts denkt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Rundfunk-Quoten-Manager nicht auch derlei noch für die Verargumentierung ihrer Häppchenkultur missbrauchen ... Auf jeden Fall sind diese Programme eine Bereicherung für das Konzertleben, weil sie das Hören neu Herausfordern.