Nat Hentoff ist tot

In Zeiten, da der Jazz selbst im öffentlich-rechtlichen Kulturradio in die Nische verbannt wird, schmerzt der Verlust des großen Musikschriftstellers und Jazzkenners Nat Hentoff besonders. Ein Grund mehr, die Ohren aufzumachen!

Im Sommer 2015 widmete FONO FORUM Autor Karl Lippegaus ihm noch eine ausgiebige Hommage zum 90. Geburtstag im WDR-Hörfunk. Jetzt ist Nat Hentoff, der König der Jazzkritik, gestorben. Hentoff wurde in Boston geboren und schrieb für die wichtigsten Zeitungen der USA. Er war nicht nur Kunstkritiker, sondern zugleich ein sehr politischer Mensch, der z. B. gegen die Todesstrafe Stellung bezog - und eigentlich immer für das Leben. Den Jazz und die Verfassung bezeichnete der überzeugte Abtreibungsgegner als seine Leidenschaften. "Für Hentoff ist Jazz eine Lebenskraft", stellte Lippegaus in seiner Radio-Hommage im Sommer 2015 fest und zitierte dessen ironisches, zutiefst musikalisches und gleichermaßen psychologisches Lebensmotto, das auf den Saxofonisten Ben Webster zurückgeht: „Wenn die Rhythmusgruppe es nicht hinkriegt, musst du alleine losziehen!“ Aleine ist Hentoff, der traditionsbewusste atheistische Jude, der sich gegen die Rassentrennung in den USA einsetzte, oft losgezogen und setzte dabei - um der wahrhaftigen Kritik willen - auch seine Freundschaft zu einem Miles Davis aufs Spiel. Zeitweise hatte Hentoff auch die Seiten gewechselt und als Produzent u. a. mit dem Pianisten Cecil Taylor Platten gemacht. Für Hentoff, wie für die Musiker, die dieser bewunderte und denen er selber immer wieder begegnete, war Musik keine andere Sphäre, sondern unbedingter Teil des Lebens, die immer wieder neue Chance, sich neu zu entdecken.