Standbild aus einem Novoflot-Video

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Nationaloper, neu hinterfragt

Nationaloper. Ein Wort wie drei Ausrufezeichen. Doch was genau bezeichnet es? Ein Gebäude? Eine Komposition? Ein Kulturerbe? Nichts von alledem...? Die Kompagnie NOVOFLOT fragt in ihrem neuesten Opernprojekt nach dem Verhältnis von Kunst und Nationalbewusstsein.

Macht das Vorhandensein von Nationalopern eine Bevölkerung zu einer nationalistischeren Bevölkerung? Und wenn ja, warum? Weil nationaler Kulturbesitz Identifikation stiftet und Stolz und Abgrenzungsfreude? Mag sein. Genauso möglich wäre aber, dass die Bedeutung nationaler Musikkulturgüter propagandistischen Ursprungs ist, abgekoppelt vom Kunstwerk, allein dazu dienend, Nationalbewusstsein zu schüren und dieses politisch zu verwenden. Sicher ist: Die Antworten sind nicht leicht zu haben. 

Umso weniger zu einer Zeit, in der sich Nationalempfinden in Europa auf zutiefst verschiedene Weise zeigt oder versteckt. Nicht zuletzt aus diesem Grund initiiert NOVOFLOT ein ungewöhnliches Experiment und verbindet erstmalig an einem Abend gleich drei Inszenierungen von drei Ensembles aus drei verschiedenen europäischen Ländern zu einem Nationalopernzyklus von bisher unbestimmter Spieldauer. 

Während NOVOFLOT sich dem »Freischütz« von Carl Maria von Weber zuwendet, erkundet der ungarische Regisseur Arpad Schilling von der Krétakör Foundation (gemeinsam mit jungen ungarischen Aktivisten) die Dimensionen der berühmtesten ungarischen Oper »Bánk Bán« von Nationalkomponist Ferenc Erkel. Überschattet werden diese Ereignisse von einer Nationaloper der besonderen Art: die Zürcher Gruppe kraut_produktion verdichtet (mangels Existenz eines nationalen Musiktheaterwerks) die Wirren um die anstehende Neugestaltung der Schweizer Nationalhymne zur ersten eidgenössischen Nationaloper(ette). Alle drei Inszenierungen werden an einem Abend zu sehen sein. Sie werden Auskunft darüber geben, wie nationale Theaterensembles auf nationales Kulturgut blicken, und was es heißt, wenn diese sehr verschiedenen Sichtweisen unmittelbar aufeinandertreffen. 

NATIONALOPER wurde Ende September mit einer von NOVOFLOT inszenierten Ouvertüre eingeläutet. Beginnend mit diesem Auftakt (NATIONALOPER #1) machten sich ab Herbst 2015 drei frei produzierende europäische Gruppen bereit zur Nationalopernsichtung. Sie taten es zunächst in Berlin, Budapest und Zürich, um schließlich im Juni/Juli 2016 im Berliner Radialsystem V und der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zusammenzukommen (NATIONALOPER #2 & #3). Ob diese Begegnung reibungslos verläuft, wird sich zeigen. Vieles hängt wohl davon ab, wer zu welchem Zeitpunkt seine bei der gemeinsamen Projektverabschiedung gegossenen Freikugeln verschießt.  

Vorstellungen Juni, Juli 2016:

NATIONALOPER #2: Freischütz (Novoflot) – Eurovision Hungary (Kretakör) - Der Schweizerpsalm (kraut_produktion)
RADIALSYSTEM V (24. & 25. Juni um 19 Uhr, 26. Juni 2016 um 18 Uhr)

NATIONALOPER #3: Die lange Nacht der Nationaloper
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (3. Juli 2016 um 20 Uhr)


http://www.nationaloper.de