Auch das Ensemble Recherche spielt beim Ultraschall Festival. Foto: M. Korbel

Auch das Ensemble Recherche spielt beim Ultraschall Festival. Foto: M. Korbel

Neue Musik entdeckt das Persönliche

In der kommenden Woche findet der 19. Jahrgang von "Ultraschall Berlin – Festival für neue Musik" statt. Das von Deutschlandradio Kultur und Kulturradio rbb veranstaltete Festival präsentiert vom 18. bis zum 22. Januar insgesamt 14 Konzerte mit rund einem Dutzend Ur- und Erstaufführungen.

Im Eröffnungskonzert am Mittwoch, 18. Januar um 20 Uhr im Großen Sendesaal des rbb steht Johannes Kalitzke am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Er dirigiert unter anderem die Uraufführung seines Cellokonzertes "story teller", das er als Kompositionsauftrag des rbb für Johannes Moser, den Solisten des Abends, geschrieben hat. In Mauricio Kagels "Interview avec D." für Sprecher und Orchester ist der Schauspieler Udo Samel in einer kritischen musikalischen Auseinandersetzung mit der journalistischen Form des Interviews zu erleben.

Das Programm von Ultraschall Berlin 2017 lotet die unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten der Stimme aus. Die Bandbreite reicht vom Solo-Recital bis hin zum Vokalensemble, von einer Lecture-Performance und Werken mit Sprech-Stimme bis zur experimentellen vokalen Kammermusik, wie die beiden Festivalleiter Rainer Pöllmann (Deutschlandradio Kultur) und Andreas Göbel (Kulturradio vom rbb) im Rahmen eines Pressetermins erläuterten. Rainer Pöllmann: "Die Stimme hat in den letzten Jahren in der zeitgenössischen Musik immer mehr an Bedeutung gewonnen – als persönlichstes aller ‚Instrumente', aber auch als Bedeutungsträger. ‚Seine Stimme zu erheben' ist ja ein weit über die Musik hinausreichender Akt. Das Festival macht deutlich, welch ungeheure Ausdrucksvielfalt die Stimme haben kann, vom klassischen Liederabend bis zur multimedialen Power-Performance."

Neben den zahlreichen Ur- und Erstaufführungen macht Ultraschall Berlin Werke der jüngeren Vergangenheit in neuem Kontext erlebbar. Mit Exkursionen in nahezu völlig unbekannte musikgeschichtliche Territorien, wie beispielsweise nordeuropäische oder alpenländische Vokaltraditionen, öffnet das Festival ein weiteres Themenfeld dieses Jahrgangs.

Andreas Göbel: "Jede Lautäußerung eines Menschen ist auch weit über die Sprache hinaus spürbar geprägt von seiner Herkunft. Insofern ist die internationale programmliche Ausrichtung von Ultraschall Berlin durch die Fokussierung auf die Stimme in diesem Jahr besonders deutlich wahrnehmbar in einer Zeit, die nicht zuletzt durch Migration, Exil und Vertreibung von Menschen geprägt ist, die ihre kulturellen Traditionen mitbringen."

Einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Musik, wenn es um den Umgang mit der menschlichen Stimme geht, ist der Komponist Dieter Schnebel. Der Schauspieler Gerd Wameling, selbst ein Meister der Sprache, trägt dessen Essay "Sprech- und Gesangsschule (Neue Vokalpraktiken)" vor (22.01., 14 Uhr). Gerd Wameling: "Die Bildung von Lauten und der Umgang mit der Stimme, den Dieter Schnebel in seinem Text beschreibt, gehörte für mich als Schauspieler und Sprecher immer schon zu meiner Arbeit, beispielsweise in meiner Theaterarbeit mit Meredith Monk oder Robert Wilson."

Eine "Balkanroute" besonderer Art unternimmt das Solistenensemble PHØNIX16 (20.01., 19:30 Uhr), eine Expedition auf musikalisch weitgehend unbekanntes Terrain. Der künstlerische Leiter des Ensembles, Timo Kreuser: "Wir wollen keinen aktuellen Kommentar aus dem 21. Jahrhundert abgeben, sondern zeigen, dass die Geschichte von Tod, Vertreibung und Exil schon im 20. Jahrhundert eine große Rolle gespielt hat. Die Vokalwerke von Malec oder Sakač sind seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeführt worden. Und dann gräbt man diese Stücke aus und stellt fest, dass sie in ihrer Klangsprache unglaublich aktuell sind."

Das Deutsche Symphonie-Orchester gestaltet nicht nur die Festivaleröffnung, sondern unter der Leitung von Dennis Russell Davies auch das Abschlusskonzert von Ultraschall Berlin 2017 (22.01., 20 Uhr). Solistin ist Marisol Montalvo (Sopran). Zu den weiteren Interpreten des Festivals gehören unter anderen Mojca Erdmann (Sopran) und das Kuss Quartett (20.01., 17 Uhr), das Ensemblekollektiv Berlin (19.01., 20 Uhr), Christoph Prégardien (Tenor) und Christoph Schnackertz (Klavier) (21.01., 14 Uhr), das ensemble recherche (21.01., 17 Uhr), die Neuen Vocalsolisten (21.01., 20 Uhr) und Jennifer Walshe (Stimme) (21.01., 23 Uhr).

Auch in diesem Jahr gibt es eine Zusammenarbeit mit dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Im Konzert des Ensemblekollektivs Berlin werden Werke des türkischen Komponisten Turgut Erçetin aufgeführt, derzeit Gast des Künstlerprogramms.

Die Konzerte von Ultraschall Berlin 2017 finden im Großen Sendesaal des rbb im Haus des Rundfunks, im Radialsystem V und im Heimathafen Neukölln statt.