Jonathan Nott verlässt die Bamberger im Jubiläumsjahr. Foto: Sven Lorenz

Jonathan Nott verlässt die Bamberger im Jubiläumsjahr. Foto: Sven Lorenz

Neues von den Bamberger Symphonikern

Die Bambeger Symphoniker sind einer der deutschen Edelklangkörper. Eine neue CD-Sammlung lässt die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte nachvollziehen.

Es waren Jahre zwischen Angst und Zuversicht. Der Zweite Weltkrieg hatte Europa verwüstet. Die Verbrechen der Nazis versetzten den Kontinent in eine Schockstarre. Hinzu trat die materielle Not der Menschen.

Mitten hinein in diese düstere Stimmungslage gründeten Orchestermusiker, die es während der großen Flüchtlingsbewegungen nach dem Krieg von Ost nach West getrieben hatte, die Bamberger Symphoniker. Im März 1946 fand das erste Konzert statt, ein reiner Beethoven-Abend.

Die damaligen Reaktionen zeigen, wie furios das Orchester startete und wie sehr sich das Publikum nach schöner Musik sehnte. Die Presse sprach von einem "Geschenk der Musen", einem "Orchester mit Großstadtrang". Hohe Erwartungen waren geweckt, und der bayerische Klangkörper, der zu Beginn noch den Namen "Bamberger Tonkünstlerorchester" trug, begriff dies als Ansporn.

Die Bamberger Symphoniker Mit Joseph Keilberth übernahm im Jahre 1950 ein Mann das Orchester, der die Bamberger Symphoniker zu wahren Höchstleistungen antrieb. Für den badischen Konzert- und Operndirigenten war der Weg nach Bamberg zugleich Neuanfang und Rückkehr. Er traf in dem Orchester viele Ehemalige des Deutschen Philharmonischen Orchesters Prag, wo er noch während des Krieges gewirkt hatte. Zusammen mit etlichen seiner alten Mitstreiter erarbeitete er jetzt unter ruhigeren Bedingungen eine ureigene Klangkultur.

Ihr Hauptmerkmal: ein satter, gravitätischer Ton, der doch gar nicht behäbig ist. Dieser Ton bewährte sich vor allem bei romantischem und spätromantischem Repertoire. Unvergessen sind die Wagner-Aufnahmen von Joseph Keilberth. Sie gehören zum Besten, was es auf diesem Feld der Aufnahmegeschichte gibt. Keilberth hatte den Boden bereitet, und mit Dirigenten wie István Kertész, James Loughran, Horst Stein und Jonathan Nott festigte das Orchester im 20. und 21. Jahrhundert seinen guten Ruf und avancierte schließlich auch in Sachen zeitgenössischer Musik zu einer noblen Adresse.

2016 feiert das Orchester nun seinen 70. Geburtstag. Zeit, innezuhalten und auf das Geleistete zurückzuschauen. Deutsche Grammophon hat dies getan. Das Gelblabel legt jetzt eine edle Jubiläumsedition der Bamberger Symphoniker vor. Die Hommage an ein großes Orchester "Bamberger Symphoniker – The First 70 Years" umfasst 17 CDs und vermittelt einen hervorragenden Eindruck vom Gesamtschaffen des Orchesters. Der zeitliche Horizont der Edition reicht von 1940 bis in die Gegenwart. Neben dem Archivmaterial der Deutschen Grammphon sind zahlreiche Aufnahmen anderer Label in die Ausgabe mit eingegangen.

Als besondere Trouvaille können die frühen Aufnahmen des Deutschen Philharmonischen Orchesters Prag gelten, dem Vorläufer der Bamberger Symphoniker. Sie enthalten Werke von Mozart, Schumann und Pfitzner. Der Klang ist kräftig, voller romantischer Energie, und obwohl die Bamberger Symphoniker später eine Nuance schlanker klingen werden, hört man die Prägung des Prager Orchesters bis heute heraus.

Das Repertoire der Ausgabe reicht von Schlüsselwerken der Klassik und Romantik über spätromantische Kompositionen bis hin zu Klängen des 20. Jahrhunderts. Viel Mozart ist zu hören, daneben Beethoven, Schubert, Schumann, Smetana, Wagner, Strauss, Mahler und Strawinsky. Vieles erscheint erstmals auf CD. So zum Beispiel die prächtigen Aufnahmen der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss, dargeboten von dem warmen Sopran der österreichischen Sängerin Genia Kühmeier. In dieser Aufnahme spielen die Bamberger Symphoniker unter ihrem derzeitigen Chefdirigenten Jonathan Nott. Der britische Maestro, dessen Nachfolge im Herbst 2016 der junge Tscheche Jakub Hrůša antreten wird, stellt eindrucksvoll unter Beweis, wie eng das Orchester noch immer mit dem spätromantischen Erbe verbunden ist. Davon zeugen auch die romantisch begabten  Solisten der Edition. Man denke nur an den leidenschaftlichen Pianisten Wilhelm Kempff oder an den gefühlvollen Tenor Fritz Wunderlich. Das Booklet rundet die Edition gelungen ab. Es wartet mit einem brandneuen Essay des Musikjournalisten Wolfgang Sandner auf und enthält zahlreiche seltene Farbfotographien.

Und wie geht es weiter bei den Bambergern? Die Konzertsaison 2016/2017 der Bamberger Symphoniker, die Intendant Marcus Rudolf Axt und der designierte Chefdirigent Jakub Hrůša heute vorstellten, steht unter dem Motto »Aufbrüche«: Mit dem neuen Chefdirigenten starten die Bamberger Symphoniker im September 2016 in eine neue Ära. Außerdem hat sich die Orchesterfamilie um einen zweiten Ehrendirigenten erweitert: Christoph Eschenbach, der den Bamberger Symphonikern seit über 50 Jahren verbunden ist und mehr als 150 Konzerte mit dem Orchester geleitet hat.

Aufbrechen werden die Bamberger Symphoniker mit ihren beiden Ehrendirigenten auf zwei große Tourneen: mit Herbert Blomstedt im Herbst 2016 nach Korea und – zum 14. Mal in der Orchestergeschichte – nach Japan sowie mit Christoph Eschenbach im Februar 2017 in die USA.

Neben ihnen prägt eine weitere Künstlerpersönlichkeit die Spielzeit: Die Geigerin Lisa Batiashvili ist als »Portrait-Künstlerin« in gleich mehreren Konzerten, u.a. auch mit einer Langen Nacht der Kammermusik zu erleben.

»Aufbrüche« durchziehen auch das Programm der Saison 2016/2017, das Werke präsentiert, die zu ihrer Entstehungszeit Neues wagten oder die im wörtlichen Sinne Ortsveränderungen ihrer Komponisten zu verdanken sind – Musiker als Wanderer zwischen den Welten.

Aufbrechen werden die Bamberger Symphoniker auch ein altbekanntes Konzertritual: Das Orchester unternimmt den Versuch, Werke eines Konzertes unmittelbar in einander übergehen zu lassen bzw. die traditionelle Programmfolge zu verändern. Dazu gehört auch das nun in die dritte Spielzeit gehende »encore!«-Projekt. Erneut wurde eine Reihe von zeitgenössischen Komponisten beauftragt, Zugaben für die Bamberger Symphoniker zu schreiben. Elf Encores sind bisher entstanden, nun kommen neue Werke von Jonathan Dove, Emily Howard, Mark Andre und Alexander Goehr hinzu.

Zu den Gast-Dirigenten und -Solisten, die in der kommenden Saison mit den Bamberger Symphonikern arbeiten, gehören die beiden Ehrendirigenten Herbert Blomstedt und Christoph Eschenbach und die Portrait-Künstlerin Lisa Batiashvili sowie u.a. Bertrand de Billy, Reinhard Goebel, Katia und Marielle Labèque, Louis Langrée, François Leleux, Ingo Metzmacher, Alondra de la Parra, Menahem Pressler, Julian Rachlin, András Schiff, Lahav Shani, Frank Peter Zimmermann und David Zinman.