Indem die Besucher die Bühnenkonstruktion durchschreiten, werden sie selbst zu Protagonisten der Gesamtinszenierung. Foto: Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände/Stefan Meyer, Berlin/Nürnberg

Indem die Besucher die Bühnenkonstruktion durchschreiten, werden sie selbst zu Protagonisten der Gesamtinszenierung. Foto: Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände/Stefan Meyer, Berlin/Nürnberg

Nürnberger Ausstellung über Missbrauch der Kunst

In einer Ausstellung zum Thema Musiktheater und Nationalsozialismus trifft historische Dokumentation auf theatrale Inszenierung. Die Geschichte des Nürnberger Opernhauses will die Instrumentalisierung der Kunst für Propaganda unmittelbar erlebbar machen.

In der größten Ausstellung zum Thema Musiktheater und Nationalsozialismus seit 1988 trifft historische Dokumentation auf theatrale Inszenierung. Die Geschichte des Nürnberger Opernhauses im Nationalsozialismus wird mit einer Bühnenkonstruktion erzählt, so dass die Instrumentalisierung der Kunst für Propaganda erlebbar ist. Zu sehen ist die in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg sowie dem Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth (fimt) konzipierte Ausstellung vom 15. Juni 2018 bis 3. Februar 2019 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

Das Musiktheater spielte in der nationalsozialistischen Propaganda eine wichtige Rolle. Eine besondere Wechselwirkung zwischen Bühne und Stadt entwickelte sich in Nürnberg: Nicht nur der von Hitler veranlasste Umbau des Opernhauses macht deutlich, dass hier Ästhetik, Urbanität und politische Machtausübung in einer engen Beziehung zueinander standen. Spannungsvoll war diese Wechselwirkung zwischen „Stadtbühne“ des Reichsparteitagsgeländes und Theaterbühne des Opernhauses – während der Reichsparteitage wurde die Stadt selbst zur Bühne und Kulisse für Aufmärsche der Nationalsozialisten. Damit traten Opernbühne und Stadt in einen inszenierten Dialog. Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte des Nürnberger Opernhauses unter der NS-Herrschaft.

Die Werke Richard Wagners geben dabei leitmotivische Orientierung: Sie schlagen inhaltlich den Bogen von der Aufführung der Meistersinger von Nürnberg während des Reichsparteitags 1935 bis hin zur letzten durch Wieland Wagner inszenierten Vorstellung der Götterdämmerung, mit der der Theaterbetrieb in Nürnberg am 31. August 1944 eingestellt wurde. Dafür wird die große Ausstellungshalle des Dokumentationszentrums zum Theater: Die Besucher durchschreiten Intendantenbüro, Hinterbühne sowie Zuschauerraum und betreten die Bühne.

Dabei lassen sie Licht, Klang, Bild oder Raum nicht nur auf sich wirken, sondern suchen sie gezielt auf – und werden so selbst zu Protagonisten der Gesamtinszenierung. Die als Bühnenbau angelegten Ausstellungsräume vermitteln die Faszination von Theaterinszenierung und ermöglichen gleichzeitig den hier buchstäblichen Blick hinter die Kulissen. Dabei wird auch mit den Vorder- und Kehrseiten eines schwer fassbaren Phänomens gespielt.

Die Ausstellung wurde in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg und dem Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth (fimt) konzipiert. Bereits 2013 initiierte das Staatstheater Nürnberg, angeregt durch Forschungsprojekte in Berlin, München und Wien, zusammen mit fimt das Forschungsprojekt „Inszenierung von Macht und Unterhaltung – Propaganda und Musiktheater in Nürnberg 1920–1950“. Seitdem wurden auf zwei Tagungen Teilaspekte untersucht und Zwischenergebnisse vorgestellt.

Die Resultate der langjährigen Forschungsarbeit werden nun der breiten Öffentlichkeit durch die Ausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände präsentiert. Die Ausstellung gliedert sich in sieben Vertiefungsbereiche, die folgende Aspekte behandeln: Am 10. September 1935 wird mit Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg der Reichsparteitag der NSDAP im Nürnberger Opernhaus eröffnet. Die Aufführung durch ein hochkarätiges Starensemble und in der opulenten Ausstattung Benno von Arents soll Mustercharakter für künftige Inszenierungen im „Dritten Reich“ haben. Hitler selbst entscheidet über die Besetzung und lässt sich Entwürfe für Bühnenbilder und Kostüme vorlegen.

Wagners Nürnberg-Oper berührt Kernbereiche der NS-Kunstideologie. Seit ihrer Uraufführung tragen Die Meistersinger von Nürnberg den Ruf der „deutschesten aller Opern“. Wagner legt seiner Figur Hans Sachs in der Festwiesen-Szene, dem musikalischen Höhepunkt der Oper, die zentrale Botschaft des Werks in den Mund: Die Pflege der nationalen Kunst ist vaterländische Pflicht aller Deutschen. Sachs gilt als ideale Verkörperung des schaffenden Arbeiters aus dem Volk und des kunstsinnig-schöpferischen Genies zugleich.

1920 wird das Stadttheater Nürnberg als Städtische Bühnen von einem Pachtbetrieb in städtische Verantwortung überführt. An der Spitze der Institution Theater steht der Intendant, bei dem sämtliche Fäden des Theaterbetriebs zusammenlaufen. Sein Büro ist das Entscheidungszentrum, in dem er nicht nur Leiter einer Kulturinstitution, sondern auch politischer Akteur ist. Nach innen pflegen Johannes Maurach und sein Nachfolger Willi Hanke einen patriarchalischen Führungsstil. Nach außen vertreten sie das Haus gegenüber städtischen oder Reichsbehörden.

Eine der wichtigsten Aufgabe des Intendanten ist die Zusammenstellung des jährlichen Spielplans. Dabei ist er nicht vollkommen frei in seinen Entscheidungen, sondern muss neben künstlerischen auch wirtschaftliche und politische Geschichtspunkte berücksichtigen. Um den reibungslosen Ablauf der aufwendigen Inszenierungen zu garantieren, unterliegen die Reichsparteitage einer straffen Regie. Die sakral und militärisch geprägte Kulisse wird auch durch typische Inszenierungsmittel des Theaters – Scheinwerfer, Musik, Bühnen, Dekorationen – erzeugt. Endlose Paraden, stundenlange Appelle und militärische Vorführungen sollen soldatische Disziplin und Wehrhaftigkeit demonstrieren. Daneben wird das nationalsozialistische Deutschland aber auch als Musik- und Kulturnation dargestellt – ein Bild, das insbesondere ausländischen Beobachtern gegenüber vermittelt werden soll.

Weil die spektakulären Inszenierungen vor allem auf die NS-Führungsriege und für die Fotografen ausgerichtet sind, bleibt die erwünschte Wirkung auf die Teilnehmer mitunter aus. Daher wird der Komponist Friedrich Jung beauftragt, den „Appell der Politischen Leiter“ auf dem Parteitag 1939 musikalisch auszugestalten. Die monumentale Komposition kommt aufgrund des Kriegsbeginns jedoch nicht mehr zur Aufführung. Die Nationalsozialisten verzichten während ihrer Herrschaft weitgehend auf die üblichen politischen Räume wie das Parlament. Stattdessen werden andere Orte zum Schauplatz politischer Handlungen.

Das Opernhaus ist im Nationalsozialismus nicht nur eine Bühne für repräsentatives Musiktheater. Als Symbol für deutsche Hochkultur wird es zu dem Ort, an dem die wesentlichen kulturpolitischen Standortbestimmungen des Regimes verlautbart werden. Aufgrund seiner hervorgehobenen Bedeutung als Schauplatz der Reichsparteitage und des persönlichen Interesses Adolf Hitlers für Theaterbauten wird 1934 ein Umbau des Opernhauses beschlossen.

Der NS-Stararchitekt Paul Schultze-Naumburg soll in Rekordzeit zwischen Februar und August 1935 dem Gebäude eine angemessene Gestaltung geben. Bei dieser „Entschandelung“ soll die bürgerliche Avantgarde- Architektur des Jugendstils „verjagt“ und durch ein „klares“ Dekor ersetzt werden. Die neue Innenausstattung spiegelt auch die doppelte Funktion des Opernhaues für den Nationalsozialismus als repräsentative Kulisse für Kunst und Politik wider. Die Kunstform Oper gilt in den 1930ern nach wie vor als vornehmlich bürgerlich. Die traditionell eher konservative Ausrichtung des Nürnberger Theaters bietet sich einer Besetzung durch die nationalsozialistische Kunstideologie an: Die gediegene und traditionsschwere Form der Unterhaltung lässt sich ohne Weiteres als eine Manifestation des kulturellen Erfolgs des Nationalsozialismus lesen. Die ideologische Vereinnahmung gelingt umso wirkungsvoller nach der intensiven Förderung des Theaterbetriebs durch das Regime.

Die nationalsozialistische Kulturpolitik hat zur Operette ein zwiegespaltenes Verhältnis: Frivol und satirisch soll sie keineswegs sein, ein reines Unterhaltungstheater von überwiegend jüdischen Autoren ist unvereinbar mit den ideologischen Ansprüchen an das nunmehr gewünschte Musiktheaterrepertoire. Dem gegenüber steht jedoch ihr anhaltender Erfolg, der sie auch zu einem wirtschaftlich wichtigen Faktor des Spielbetriebs macht. „Arisiert“ und gezähmt verbleibt die Operette schließlich im Spielplan: Neue Werke „arischer“ Komponisten werden gefördert, Satire und Gesellschaftskritik in den Inszenierungen in den Hintergrund gedrängt.

Inmitten der bereits von Bomben geschädigten Stadt findet am 31. August 1944 eine der letzten Opernaufführungen statt. Das Stück – ausgerechnet Wagners Götterdämmerung – zeigt das Ende einer Theater-Welt auf der Bühne des Nürnberger Opernhauses. Die Aufführung ist Teil einer Gesamtproduktion von Richard Wagners Ring des Nibelungen. Regisseur Wieland Wagner, ein Enkel Richard Wagners, wird in dieser Zeit von Hitler intensiv gefördert. Mit der großen Ausstellungshalle im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände wurde für die Präsentation ein außergewöhnlich spannungsvoller Ausstellungsort erschlossen.

In der 530 Quadratmeter großen Halle werden über 350 Exponate mit wissenschaftlichen Texten, sowie Audio- und Videoschleifen präsentiert. Die so entstandene Ausstellung ist damit die größte ihrer Art zum Thema Musiktheater im Nationalsozialismus seit 1988. Damals wurde die rekonstruierte Ausstellung Entartete Musik in Düsseldorf eröffnet, die sich wiederum auf die heute 80 Jahre zurückliegende gleichnamige NS-Ausstellung bezog.

Nun steht jedoch erstmals ein inszenatorischer Ansatz vor der historischen Rekonstruktion. Die historische Dokumentation bespielt eine Theaterarchitektur, welche in die Halle gepflanzt wurde. Dafür entwarf der bekannte Bühnenbildner Hermann Feuchter eine Ausstellungsarchitektur, die ein Theater im Kleinen darstellt. In kulissenmäßiger Machart mit gitterrostbeplankten Wänden und grau getünchten Flächen wirken die einzelnen Bereiche wie ein Bühnenbild im Theaterraum. Alle Bauaufgaben wurden von den Spezialisten im Kulissenbau, den Frauen und Männer der Theaterwerkstätten, ausgeführt.

Texte und Bilder wurden auf Karton gedruckt und in Collagen, dem seinerzeit neuen Gestaltungsprinzip der 1920er Jahre, in Themengruppen zusammengefasst auf der Architektur befestigt. Hermann Feuchter beschreibt das Konzept mit einem „Weg ins Theater“, bei dem der Besucher Theaterräume wie das Intendantenbüro, Garderoben, den Gang zur Bühne, die Bühne selbst, den Zuschauerraum und den abschließenden Umgang durchlaufe und dabei die Inhalte der sieben Vertiefungsbereiche „erleben“ solle.