Original und Fälschung

Die Händel-Festspiele Halle gehen mit dem Selbstbewusstsein eines Originals ins nächste Jahr. Wieder bieten sie eine große Fülle an Oratorien und Opern und hinterfragen dabei auch Händels Originalität.

In Halle an der Saale kann Händel über das ganze Jahr erlebt werden, aber eine ganz besondere Atmosphäre überzieht die Stadt zu den Händel-Festspielen im Frühjahr. Seit 1952 finden die Festspiele jährlich in Halle an den Stätten seines früheren Wirkens und der Umgebung statt.

Dr. Bernd Wiegand, Oberbürgermeister der Stadt Halle und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Händel-Haus verkündet: „Im Jahr 2017 stehen biblische Themen in Händels Werken im Fokus der internationalen Händel-Festspiele. Das größte Musikfestival Sachsen-Anhalts und Halle (Saale) als Geburtsstadt des Komponisten im Kerngebiet der Reformation unterstreichen mit dieser thematischen Ausrichtung das kulturelle Potential der Stadt. Dies erregt im Jahr des weltweit beachteten Reforma- tionsjubiläums besondere internationale Aufmerksamkeit und kann unserer offenen, kreativen und wachsenden Stadt wichtige Impulse für den Bewerbungsprozess um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 geben.“

Eröffnet werden die Händel-Festspiele am 26. Mai 2017 traditionell am Händel-Denkmal auf dem Marktplatz. An den anschließenden 17 Veranstaltungstagen wird eine Mischung aus hochkarätiger Barockmusik, Klassik, Jazz, elektronischen Klängen und Weltmusik von Solisten, Ensembles und Chören mit internationalem Renommee unter dem Motto „Original? - Fälschung?“ zu Hören sein.

Insgesamt stehen zehn ECHO Klassik-Preisträger auf der Bühne, darunter die Orchester Il Pomo d'Oro, das Pera Ensemble, Concerto Köln und die Lautten Compagney Berlin sowie die Ausnahmekünstlerinnen Vivica Genaux, Ann Hallenberg und Sonia Prina, die jeweils ihr eigenes Festkonzert geben werden. Aber auch der Countertenor Xavier Sabata und der spanische Tenor Juan Sancho werden in Festkonzerten vor das Publikum treten.

Im historischen Goethe-Theater in Bad Lauchstädt werden zauberhafte Marionetteninszenierungen von „Acis und Galatea“ HWV49 a und „Giustino“ HWV 37 zu erleben sein. Im Carl-Maria-von-Weber Theater in Bernburg können sich die Freunde historischer Aufführungspraxis auf ein besonderes Erlebnis freuen: Nicht nur, dass Musica Florea die Musik auf Basis der historisch informierten Aufführungspraxis spielt, sondern darüber hinaus greifen auch Choreografie und Kostüme des Hartig Ensemble auf historische Vorlagen zurück.

Die Händel-Festspiele 2017 präsentieren anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums fünf verschiedene Oratorien. Höhepunkt hierbei dürfte die szenische Aufführung von „Jephtha“ in der Oper Halle sein. Die musikalische Leitung der Neuproduktion liegt in den Händen von Christoph Spering, die Regie stammt von Tatjana Gürbaca. Der „Messiah“ HWV 56, Händels wohl bekanntestes Oratorium, wird gleich zweimal aufgeführt: Im Dom zu Halle erklingt die Dubliner Fassung von 1742 und in der Marktkirche ist die Londoner Fassung von 1743 zu erleben.

Weiterhin erwartet die Besucher die Erstaufführung der „Esther“ nach der Hallischen Händel-Ausgabe, „Deborah“, ein interreligiöses Projekt abrahamitischer Weltreligionen, sowie diverse genreübergreifende Konzerte wie die verschiedenen Baroque Lounges, Jazz- und Nachtkonzert sowie die Open Air-Veranstaltungen auf dem Domplatz und in der Galgenbergschlucht.

Mit ihrem Motto „Original? – Fälschung?“ greifen die Händel-Festspiele 2017 ein aktuelles und durchaus brisantes Thema auf. Dabei sollte man sich zunächst vergegenwärtigen, dass jedes Original, das reproduziert wird, für sich genommen wieder ein Original darstellt. Für dieses neue Original gibt es je nach moralischer oder juristischer Bewertung bzw. in Bezug auf die Verwendung und Verwertung ganz unterschiedliche Begriffe: Imitation, Nachahmung, Kopie, Entlehnung, Zitat, Fälschung sollen hier nur beispielhaft genannt werden. Bereits im 18. Jahrhundert waren Urheberfragen, Raubdrucke, Fälschungen u. ä. ein Thema.

Händel selbst versuchte sich gegen die unerlaubte Vervielfältigung seiner Kompositionen zu wehren, indem er sich beim englischen König um ein Druckprivileg bemühte, welches er 1720 erhielt. Auch ein frühes Urheberschutzgesetz wurde im Jahr 1710 in England erlassen: das Statute of Anne. Händel selbst wiederum hat für seine Kompositionen ohne Scheu, ohne Nachfrage und auch ohne Hinweis die Musik anderer Komponisten verwendet. Die Palette dieser Anleihen reicht von einzelnen musikalischen Themen bis hin zu kompletten Arien. Man muss konstatieren, dass Händel diese Technik wie kaum ein anderer zeitgenössischer Komponist extensiv verwendet hat und es somit ein wesentliches Charakteristikum seines Kompositionsstils darstellt.

Was ist in diesem Kontext dann eigentlich als „das“ Original anzusehen? Warum werden beispielsweise die Pasticci Händels, d. h. Opern, die Händel aus Werken anderer Komponisten oder aus eigenen Werken neu zusammenstellte, im Anhang seines Werkverzeichnisses aufgelistet, wohingegen sein Oratorium „Deborah“, das ebenso größtenteils aus bereits vorhandenen, eigenen Werken neu zusammengestellt wurde, in das Hauptverzeichnis aufgenommen wurde? Wenn man zudem bedenkt, dass viele Oratorien und Opern Hän- dels in mehreren Fassungen und Versionen überliefert sind, dann stellt sich umso mehr die Frage, welche der Fassungen oder Versionen denn nun das Original darstellt.

Auf eine weitere Schwierigkeit der Händel-Forschung sei hingewiesen: Diverse Werke Händels sind in verschiedenen Abschriften (oder sind es Raubkopien?) überliefert, in anderen Manuskripten wird das Werk Händel fälschlicherweise (oder handelt es sich doch um eine bewusste Fälschung?) zugeschrieben. Immer wieder muss man sich die Frage stellen, was eigentlich das Original bei Händel ist.

www.haendelfestspiele-halle.de