"Partizipativ-performatives Orchester-Outreach-Projekt"

Das Stadttheater Gießen erhält vom Bund 175.000 Euro zur Realisierung eines Education-Projekts. Eingereicht wurde ein partizipatives Stadt-Projekt, das SURROGATE CITIES von Heiner Goebbels mit dem Philharmonischen Orchester Gießen szenisch zur Aufführung bringt.

Während der Spielzeitpause hatte das Stadttheater Gießen einen Antrag im Rahmen des Programms „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gestellt. Als die Programmausschreibung Anfang August einging, sah Intendantin Cathérine Miville zunächst keine Möglichkeit, einen fundierten, der komplexen Ausschreibung entsprechenden Projektantrag stellen zu können, zumal die Antragsfrist innerhalb der Theaterferien endete. Der junge Kapellmeister des Stadttheaters, Martin Spahr, schlug dann jedoch SURROGATE CITIES als partizipativ-performatives Orchester-Outreach-Projekt vor. „Mich überzeugte die Idee sofort“, so die Intendantin, „da das Projekt verschiedene zentrale Ziele unseres Orchesters und des Theaters insgesamt befördern kann: Die Einbindung immer breiterer Bevölkerungsschichten und der stete Dialog mit unterschiedlichsten Gruppierungen der Stadtbevölkerung zu zeit- und kulturpolitischen Fragen des Zusammenlebens ist fester Bestandteil unseres Programms. Die Zusage kam für uns nun ebenso überraschend wie die Ausschreibung. Aber natürlich freuen wir uns jetzt umso mehr, dass wir durch diese Förderung die Chance haben, ein großes Kooperationsprojekt mit unserem Orchester und ganz unterschiedlichen Gruppierungen in Stadt und Region realisieren zu können.“

Aufgeführt wird die Orchestersuite Surrogate Cities, die vielleicht wichtigste Komposition im Œuvre von Heiner Goebbels. Das vielschichtige Werk spürt Tönen, Klängen und dem Lärm von Städten musikalisch nach. Es ist einerseits Dokument von Goebbels’ eklektizistischer Auseinandersetzung mit den wichtigen Tendenzen der klassischen Moderne. Andererseits entsteht durch Goebbels’ geschicktes Sampling von „echtem“ Großstadtlärm ein manchmal fast neoimpressionistisches, dann wieder grotesk verzerrtes oder überhöhtes Klangbild. Um diese Überhöhung zu erreichen, ist das komplette Orchester mikrophoniert und wird, ähnlich einem Popkonzert, verstärkt: „Auch Musik wird ja aus einer sehr subjektiven Perspektive komponiert. Das trifft für mich nur bedingt zu. Ich versuche, etwas mehr Abstand zu halten, ich baue etwas, das gegenüber dem Publikum einen Platz einnimmt, und das Publikum reagiert darauf, hat in der Musik einen Raum, in den es mit seinen Assoziationen, Vorstellungen reingehen kann“, sagt Goebbels über seine Komposition und ist hocherfreut, dass sein Werk in Gießen realisiert wird. Er gab der Intendantin am vergangenen Freitag seine Zustimmung unter der Voraussetzung, konzeptionell in die Umsetzung eingebunden zu sein. Ein Wunsch, dem das Theater nur allzu gern nachkommen wird. Wie schon bei Produktionen von SURROGATE CITIES der Berliner Philharmoniker und der Ruhrtriennale, plant das Stadttheater Gießen ein partizipativ-performatives Orchester-Outreach-Projekt.

Für eine einmalige szenisch-choreographische Aufführung wird – neben dem verstärkten Philharmonischen Orchester Gießen als Klangkörper – auf die am Stadttheater Gießen entwickelten und bewährten partizipativen Formate gesetzt. Passend zum Spielzeitmotto THEATER TRIFFT STADT ist als Aufführungsort die Sporthalle Ost in Gießen angedacht. Ein musikalisches Ereignis dieser Größe hat da bisher wohl noch nicht stattgefunden. Mit der Aufführung wird auch für noch ungeübte Konzertbesucher die Sogwirkung beim Zusammenspiel von Orchestermusik und elektronischen Klängen erlebbar und ermöglicht so auch einen besonders niederschwelligen Einstieg in die E-Kultur. Inwieweit die Realisierung in der Osthalle möglich sein wird, muss nun in den nächsten Tagen und Wochen genauso geklärt werden wie zahlreiche weitere Details. Aber auf Basis der Förderzusagen kann nun in Absprache mit Heiner Goebbels die konzeptionelle, strukturelle und technische Projektplanung beginnen.