Die Köngliche Oper der Wallonie in Lüttich. Foto: Lorraine Wauters

Die Köngliche Oper der Wallonie in Lüttich. Foto: Lorraine Wauters

Puccinis Unvollendete mit José Cura

Die Oper in Lüttich ist fest in italienischer Hand. Unter den Gästen sind auch Ruggero Raimondi (74, als Regisseur) und Leo Nucci (74, als Sänger des Nabucco).

Gleich zwei Sänger schlüpfen in Lüttich in die Rolle des Regisseurs: Der argentinische Tenor José Cura, der gerade bei den Salzburger Osterfestspielen unter Christian Thielemann als Otello für Furore sorgte, und der Bariton Ruggero Raimondo, einer der erfahrensten Opernsänger unserer Zeit.

Der Italiener Stefano Mazzonis di Pralafera leitet das Haus in seiner zehnten Saison, sein Landsmann Paolo Arrivabeni steht als Musikdirektor dem hauseigenen Orchester vor. Zu den Höhepunkten der Saison gehören Puccinis „Turandot“ (Premiere 23. September), Berlioz’ „La damnation de Faust“ (Premiere 25. Januar), Verdis selten aufgeführte Oper „Jérusalem“ (Premiere 17. März) und ein Konzert der renommierten Sopranistin Angela Gheorghiu (24. Mai).

Die neue Saison wird am 23. September mit Giacomo Puccinis „Turandot“ eingeläutet. In Liège hat man sich für die unvollendete Fassung entschieden, die mit Liùs Tod endet. José Cura, einer der weltweit gefragtesten Tenöre, ist in der Rolle des Calaf zu erleben. Er wird insbesondere für seine Interpretationen des italienischen Repertoires gefeiert, im Speziellen der Partien des Heldentenorfachs. Nach Verdis „Attila“ im Jahr 2013 führt er außerdem zum zweiten Mal in Liège Regie. In Deutschland inszeniert er in der kommenden Saison wieder am Theater Bonn. Die Titelpartie liegt bei Tiziana Caruso, die zum ersten Mal in Liège gastiert. In Italien war sie bereits an den großen Häusern zu erleben und überzeugte als Turandot bereits in Verona im Juli 2014.

In Giuseppe Verdis „Nabucco“ steht in der Titelrolle mit Leo Nucci einer der großen Baritone unserer Zeit auf der Bühne (Premiere 18. Oktober). An seiner Seite übernimmt die junge Sopranistin Virginia Tola, Gewinnerin des 1. Preises beim Osloer „Queen Sonja International Music Competition“ im Jahr 1999, die Rolle der Abigaille. Inszeniert vom Intendanten Stefano Mazzonis di Pralafera, riss diese Koproduktion mit der Israëli Opera Tel Aviv dort im April 2015 das Publikum bereits zu Beifallsstürmen hin.

Sowohl bei „Turandot“ als auch bei „Nabucco“ steht der Musikdirektor des Hauses Paolo Arrivabeni am Pult.  Für die Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ (Premiere 20. November), wurde der Belgier Jaco van Dormael engagiert, ein ebenso anerkannter Theater- wie Filmregisseur, der bereits bei den Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet wurde. In den Hauptrollen sind Mario Cassi (Don Giovanni), Maria Grazia Schiavo (Donna Anna), Veronica Cangemi (Donna Elvira) und Laurent Kubla (Leporello) zu erleben, die musikalische Leitung liegt in den Händen von Rinaldo Alessandrini. Das Jahr 2016 klingt mit Jacques Offenbachs „Orphée aux enfers“ aus, in der Inszenierung von Claire Servais, mit Papuna Tchuradze (Orphée), Jodie Devos (Eurydice) und unter der Leitung von Cyril Englebert (Premiere 20. Dezember).  

Eines der Großprojekte der Saison ist Hector Berlioz’ „La damnation de Faust“, die nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder in Liège auf dem Programm steht (Premiere 25. Januar). Hier übernimmt mit Ruggero Raimondo zum zweiten Mal in der Saison ein Sänger die Regie. Der Italiener kann mit seinen 74 Jahren auf eine beachtliche Karriere zurückblicken und war auf allen großen Bühnen der Welt zu Gast. Für die Rolle des Méphistophélès konnte der Bassbariton Ildebrando D’Arcangelo gewonnen werden, der durch die musikalische sowie psychologische Tiefe seiner sängerischen Interpretation für Gänsehautabende sorgt.

Engagements führten ihn bereits an viele bedeutende Opernhäuser, u.a. die Metropolitan Opera in New York, die Mailänder Scala, das Royal Opera House Covent Garden in London und die Bayerische Staatsoper in München. 2014 wurde er zum Österreichischen Kammersänger ernannt. Als Marguerite steht an seiner Seite die Mezzosopranistin Nino Surguladze, die sich vor allem in Italien bereits einen Namen gemacht hat. Die Partie des Faust übernimmt der Belgier Marc Laho, der zurzeit in Christoph Marthalers Kult-Inszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“ an der Oper Stuttgart in der Titelrolle brilliert. Am Pult steht Daniel Oren, der derzeitige künstlerische Leiter des Teatro Municipale Giuseppe Verdi in Salerno.  

Nach „Nabucco“ im Herbst führen im Frühjahr zwei weitere Opern von Giuseppe Verdi den Fokus auf den Komponisten fort: Mit Spannung wird „Jérusalem“ erwartet, Verdis Adaption von „I Lombardi alla prima crociata“ für die Opéra de Paris – beides Frühwerke des Komponisten, die heute nur selten aufgeführt werden (Premiere 17. März). Nach dem internationalem Erfolg von „I Lombardi“ hatte auch die Pariser Oper Interesse an einer Grand Opera. Weil die Zeit für eine völlige Neuschöpfung aber nicht ausreichte, entschied er sich für die französische Fassung eines älteren, aber in Paris noch nicht gezeigten Werks. Sowohl Libretto als auch Musik unterscheiden sich allerdings so stark von „I Lombardi“, dass kaum von einer zweiten Fassung, sondern vielmehr von einem eigenständigen Werk gesprochen werden kann. Nach der Uraufführung im Jahr 1847 war die Oper jahrzehntelang auf den Spielplänen zu finden – aber fast nur in Frankreich. Mit dieser Repertoireerweiterung geht die Oper Liège ihrer Mission nach, Opernraritäten neue Sicht- und Hörbarkeit zu verschaffen, wie in der laufenden Saison bereits mit Verdis „Ernani“ sowie Aubers „Manon Lescaut“.

Die Hauptrollen in „Jérusalem“ übernehmen Elaine Alvarez (Hélène), letztes Jahr bereits als Elvira in „Ernani“ zu hören; Marco Spotti (Roger), den kommende Engagements u.a. an die Metropolitan Opera in New York, die Bayerische Staatsoper in München und das Gran Teatre del Liceu in Barcelona führen; sowie ein weiteres Mal Marc Laho (Gaston). Am Pult steht die junge Dirigentin Speranza Scappucci. „Jérusalem“ wird mit „Otello“ ein Spätwerk von Verdi gegenübergestellt (WA-Premiere 16. Juni). Die Inszenierung von Stefano Mazzonis wurde in der Saison 2011/12 einhellig bejubelt. In der Titelpartie ist noch einmal José Cura zu erleben, weitere Rollen übernehmen Cinzia Forte (Desdemona) und Pierre-Yves Pruvot (Jago), es dirigiert Paolo Arrivabeni.