Höhepunkt des Abends: Vincent Peirani. Foto: Nitschke

Höhepunkt des Abends: Vincent Peirani. Foto: Nitschke

Rauschende Premiere

Unter dem neuen Leiter Richard Williams ist gestern Abend das Jazzfest Berlin gestartet. Der Auftakt macht große Hoffnungen auf ein neues Zeitalter, auch wenn nicht alle Performer restlos überzeugten.

 

Richard Williams wird erleichtert gewesen sein, als der baumlange Akkordeon-Virtuose Vincent Peirani unter tosendem Beifall die Bühne verließ. Das seit Jahrzehnten berüchtigte Berliner Publikum schien mit dem Premierenabend des Berliner Jazzfests mehr als zufrieden. Der Donnerstagabend war auch die Premiere für Williams, der in England vor allem als Sportjournalist Furore machte und den nur Insider als Musikkenner auf dem Schirm hatten. Über die zahlreichen Wechsel der künstlerischen Leiter des einst Berliner Jazztage genannten Festivals könnte man ein Buch schreiben. Das Kapitel Williams scheint ein gutes zu werden. 

Mit dem 24-köpfigen "Splitter Orchester“ startete das Fest diesmal gleich mit einem echten Knaller. Unter der Leitung von George Lewis zauberten Berliner Musiker aus aller Welt einen akustischen Urwald auf die Bühne. Das entbehrte nicht einer gewissen Komik, was dieses freie Experiment wohltuend von den verbissenen Freejazz-Ritualen vergangener Zeiten abhob. Wer sich einließ, genoss die Schönheit im Chaos. Was erstaunlich viele im Publikum taten. 

Mit viel Vorschusslorbeeren ausgestattet, betrat danach die Sängerin Cécile McLorin Salvant die Bühne. Das begleitende Trio spielte das konventionelle Material gekonnt herunter, konnte aber die durchwachsene, teilweise peinliche  Stimm-Performance kaum retten. Schade, wenn man bedenkt, wie viele hervorragende Sängerinnen dieses Podium derzeit eher verdient hätten.   

Umso überzeugender dann der dritte und letzte Teil des Konzerts. Vincent Peirani und der Sopransaxofonist Emile Parisien zelebrierten mit ihrem Quintett eine Art „Mahavisnu Orchestra 2.0“ auf der Bühne des Berliner Festspielhauses. Statt Gitarre und Geige erklommen Sopransax und Akkordeon teils im Wettstreit, teils unisono ungeahnte Höhen, angetrieben von einer pulsierenden und attackierenden Rhythmusband. Rauschhaft brodelnder  Abschluss eines gelungen Premierenabends. 

 

Reiner H. Nitschke