Düsseldorf wünscht ein schönes Wochenende - mit dem Ensemble Musikfabrik. Foto: Jonas Werner-Hohensee

Düsseldorf wünscht ein schönes Wochenende - mit dem Ensemble Musikfabrik. Foto: Jonas Werner-Hohensee

Reisen durch Zeiten und Räume

Schönes Wochenende - wünschen die Macher Neuer Musik Ende Januar in Düsseldorf. Das "Festival für neues Hören" hinterfragt Räume, sowohl diejenigen, die die Architektur der Musik errichtet, als auch die, in denen die Konzerte erklingen, von der Tonhalle bis zum Ausflugsschiff.

Hörend Räume erschließen: Wer hat, bevor er Pink Floyd kannte, je die „Dark Side of the Moon“ imaginiert? Einen Raum solcher Dimensionen gespürt, wie ihn die Verwandlungsmusik in Wagners „Parsifal“ suggeriert? – In seiner dritten Auflage vom 29. – 31. Januar 2016 kreuzt „Schönes Wochenende“ wieder durch die Jahrhunderte und findet faszinierende Beziehungsspiele zwischen Klängen und Räumen. Mit den Ensembles Musikfabrik (Köln), Kaleidoskop (Berlin) und notabu (Düsseldorf) sind erlesene Formationen mit einem ganz eigenen Profil zu Gast – und natürlich die Düsseldorfer Symphoniker, die in diesem Jahr das Finale gestalten.

Die dritte Ausrichtung des Festivals „Schönes Wochenende“ schreibt die in der zweiten Auflage erfolgreich erprobte Dramaturgie fort, ein breites Spektrum zeitgenössischer musikalischer Ausdrucksformen in Werken zu präsentieren, die um eine gemeinsame Idee kreisen. In diesem Jahr ist diese Idee das Phänomen „Raum“. Sei es ganz konkret der Raum der Aufführung mit seiner Architektur, Akustik und seinem „Klima“, sei es ein imaginierter Raum, der durch die Klänge in den Köpfen der Zuhörer entsteht. Brückenschläge von der heutigen Kompositionspraxis in vergangene Zeiten sind dabei wieder eine wichtige Säule in der Programmgestaltung.

An drei Tagen finden fünf Konzerte in drei Räumen statt: Im Mendelssohn-Saal der Tonhalle, in der Rotunde der Tonhalle und – wie bereits im letzten Jahr – auf einem Ausflugsdampfer auf dem Rhein.
Das Eröffnungskonzert bestreitet das Kölner Ensemble Musikfabrik, das im Jahr 2016 sein 25jähriges Bestehen mit einer großen Jubiläumstour durch das Land NRW feiert und in diesem Rahmen auch bei „Schönes Wochenende“ Station macht. Die beiden Werke, die auf dem Programm stehen, beziehen den Raum, in dem sie erklingen, sehr direkt ein: In der Komposition „Hiérophanie“ von Claude Vivier bewegen sich die Musiker auf der Bühne und im Zuschauerraum, in „Stasis“ (Zustand) von Rebecca Saunders gibt es einen stillen, aber permanenten Dialog zwischen Instrumentalgruppen, die im der gesamten Tonhalle verteilt sind. Für das klang-räumliche Arrangement des Stücks in der Halle reist die Komponistin selbst eigens an.

Das Berliner Solistenensemble Kaleidoskop ist eines der wenigen Ensembles, das sich der Alten und der Neuen Musik gleichermaßen verschrieben hat und das beide Zeitalter bereits in vielen Projekten faszinierend in Beziehung zueinander gesetzt hat. Sein neues Projekt „4 Rooms“, das in der runden Rotunde aufgeführt wird, legt schon im Titel eine Spur: Vier Instrumentalgruppen sind im Raum verteilt, die alle ihren eigenen Klangraum schaffen. Sarah Nemtsov hat für dies Projekt ein Stück für vier Solisten und Barockensemble geschrieben, in dem zehn barocke Werke bearbeitet und – gleichsam im Dialog mit dem Raum – kaleidoskopartig angeordnet werden. Die Barockmusik klingt wie durch ein Prisma, aus dem alten Material entstehen neue Zusammenhänge, Klänge und Konturen. Der Raum mit seinen individuellen Eigenschaften wird zum eigenständigen Instrument und Mitspieler.

Noch weiter in die Tiefen der Vergangenheit lotet das Konzert mit dem notabu.ensemble neue musik (Düsseldorf) und den Kölner Vokalsolisten im Mendelssohn-Saal. Der Raum wird zum Ort einer Zeitreise, in der Geschichte förmlich zu greifen ist. In Dialog treten Mittelalter, Frühbarock und Gegenwart. Guillaume de Machauts Messe de Nostre Dame (um 1360) war eine musikalische Revolution, denn sie gehört zur ältesten vierstimmigen Musik überhaupt. Komponiert wurde sie für die riesige Kathedrale von Reims. Der Spanier José María Sánchez Verdú spürt in seinen Machaut-Architekturen (2003-2005) dem Bauplan dieses polyphonen Meisterwerks nach und lässt ihn in seine eigene Musik einfließen. Harrison Birtwistles „Tragoedia“ (1965) ist ein Stück abstraktes instrumentales Theater, das den antiken Dionysos-Kult feiert, während die Madrigale Carlo Gesualdos (1566-1613) wie ein nach innen gewendeter Irrsinn klingen.

Am Sonntagnachmittag legt wieder die MS Düsseldorf der „Weißen Flotte“ von den Rheinterrassen zu einer Ausflugsfahrt ab, die ebenso zünftig wie avantgardistisch ist. Das Schiff wird zur schwimmenden Bühne für Klangkunst vom Feinsten. Touristen-Tour mit Soundtrack? Konzert auf schwankendem Grund? Beides, und auf jeden Fall eine schöne Gelegenheit, Augen und Ohren einmal ganz anders schweifen zu lassen. Das Trio Beck / Imhorst / Kassl macht die Tour zum lustvoll-schrägen Spektakel bei Kaffee und Kuchen.

Das Abschlusskonzert des Festivals werden die Düsseldorfer Symphoniker bestreiten. Als Gastdirigent wird der international renommierte Schweizer Dirigent Baldur Brönnimann am Pult stehen, ein Künstler mit einem außergewöhnlich breiten Repertoire. Er hat seit je eine große Affinität zur zeitgenössischen Musik, fühlt sich aber ebenso im Mainstream zu Hause. In Düsseldorf wird Brönnimann Werke von Charles Ives, Arnold Schönberg, Toru Takemitsu und Magnus Lindberg dirigieren – ein Programm, das um die Phänomene Raum, Licht und Farbe kreist und ganz darauf angelegt ist, in der Imagination des Hörers fantastische, unermessliche Räume entstehen zu lassen. Mit dem Satz „Farben“ aus Schönbergs Orchesterstücken op. 16 und Ives’ Tonpoem „The Unanswered Question“ erklingen zwei legendäre Stücke, die auf ganz verschiedene Weise die Musik des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflusst haben.

Schönes Wochenende – Festival für modernes Hören

Freitag, 29. Januar 2016, 20.00 Uhr – Sonic Spaces
Samstag, 30. Januar, 16.30 Uhr – 4 Rooms
Samstag, 30. Januar 2016, 20.00 Uhr – Kathedralen
Sonntag, 31. Januar 2016,  15.00 Uhr  – An Bord
Sonntag, 31. Januar 2016, 18.00 Uhr – Twilight Zones

 

www.tonhalle.de