Trägt das pädagogische Erbe Fischer-Dieskaus in sich: Benjamin Appl. Foto: Falk Kastell

Trägt das pädagogische Erbe Fischer-Dieskaus in sich: Benjamin Appl. Foto: Falk Kastell

Romantisches Lied.Lab in Heidelberg

Früher gab es Fischer-Dieskau. Heute braucht das deutsche Kunstlied ein neues Zentrum: Heidelberg. Genre- und gattungsübergreifend soll die innige Form des Dichter-Komponist-Wort-Ton-Sänger-Pianist-Zuhörer-Verhälntisses instutionell protegiert werden.

In der Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund in Berlin ist das Internationale Liedzentrum Heidelberg gegründet worden. Es entsteht auf Initiative des Musikfestivals „Heidelberger Frühling“ und bündelt, intensiviert und internationalisiert alle Aktivitäten rund um das Thema Lied, die seit jeher integraler Bestandteil von Baden-Württembergs größtem Musikfestival sind.

Ziel des Liedzentrums ist es, die Aktualität des Liedes ins Bewusstsein von Künstlern, Veranstaltern und Publikum zu rücken und neue Perspektiven zu eröffnen. Erste Schwerpunktprojekte sind die Gründung des „Netzwerks Lied“ und die Ausrichtung des Internationalen Gesangswettbewerbs „Das Lied“ von Bariton Thomas Quasthoff.

Der Wettbewerb fand bislang alle zwei Jahre in Berlin statt und findet ab 2017 seine neue Heimat in Heidelberg. Das internationale „Netzwerk Lied“ stößt bereits zu seiner Gründung auf begeisterte Zustimmung von renommierten Institutionen und Persönlichkeiten wie den Mezzosopranistinnen Joyce DiDonato und Anne Sophie von Otter, der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie, der Sopranistin Renée Fleming sowie den Baritonen Benjamin Appl, Thomas Hampson und Thomas Quasthoff.

Es setzt sich die Aufgabe, dem Lied international eine Stimme zu geben, gemeinsam herausragende Projekte zu entwickeln und umzusetzen und dafür zu sorgen, dass diese in aller Welt sichtbar werden. Ziel des Netzwerks ist es, den Diskurs über die Zukunft des Liedes zu führen, Sängern, Konzerthäusern und Festivals, Komponisten, Verlagen, Ausbildungsinstitutionen, Medienvertretern und Agenturen ein Austauschforum zu bieten und einen Think Tank und Treffpunkt in Heidelberg zu etablieren, um über neue Ideen zu diskutieren und diese mit Partnern weltweit umzusetzen.

Dritter Arbeitsbereich des Liedzentrums ist neben dem Wettbewerb „Das Lied“ und dem „Netzwerk Lied“ die Lied Akademie Heidelberg, die sich unter der Leitung des amerikanischen Baritons Thomas Hampson der Förderung junger Sängerinnen und Sänger widmet.

„Ausgehend von der Erkenntnis der sogenannten Heidelberger Romantik, dass die Künste zusammengehören und nach demselben Ausdruck streben, verfolgt das Liedzentrum einen interdisziplinären sowie genre- und gattungsübergreifenden Ansatz“, so Thorsten Schmidt, Intendant des „Heidelberger Frühling“. „Lied ist weitaus mehr als Kunstlied. Das Lied in seiner gesamten Breite ist tiefster emotionaler Ausdruck, Träger kultureller Identität, kulturhistorisches Kaleidoskop, das jenseits der Festlegung auf Genregrenzen mit all seinen Facetten ein – wie Thomas Hampson es einmal formuliert hat – ‘Spiegel der Welt’ ist.“

Diesen genre- und gattungsübergreifenden Ansatz verfolgen auch die ersten konkreten Projekte, die der „Heidelberger Frühling“ zum Internationalen Liedzentrum Heidelberg beisteuert: Zum einen sind dies Produktionen, mit denen das Festival regelmäßig das Lied auf die Theaterbühne bringt. So feiert am 13. April 2016 die multimediale, das Leben Robert Schumanns in den Blick nehmende Konzerterzählung „Szenen der Frühe“ in Kooperation mit dem PODIUM Festival Esslingen seine Uraufführung in Heidelberg. „Neuland.Lied“ wiederum ist ein hochverdichtetes Festivalwochenende, bei dem klassische Liederabende sowie experimentelle und multimediale Formen der Interpretation und Präsentation einander gegenübergestellt und im Geiste einer Lied-Werkstatt neu gestaltet werden. Die Reihe „Lied.Lab“ schließlich versteht sich als Labor für junge Sängerinnen und Sänger, die hier ein Testgelände für neue Liedformate finden sowie den Freiraum, eigene Sichtweisen auf das Lied zu erproben. In diesem Jahr bringt der „Heidelberger Frühling“ beim „Lied.Lab“ Autorinnen und Autoren mit jungen Singer-Songwritern zusammen (in Kooperation mit dem Kulturhaus Karlstorbahnhof).

 

Erste Stimmen zur Gründung des Liedzentrums Heidelberg:

Benjamin Appl: „Das Lied ist für mich die wunderbarste und erfüllendste Kunstgattung. Sie betrifft nicht ausschließlich die Vergangenheit, vielmehr sind die Aussagen, Erfahrungen und Emotionen jedem von uns nah und bekannt, sie sind zeitlos. Umso mehr freut es mich, dass die Gründung des Liedzentrums ein klares Statement abgibt. Ich wünsche bestes Gelingen und ich bin mir sicher, dass nicht nur für Deutschland, sondern weit darüber hinaus ein weiterer wichtiger Leuchtturm für die Welt des Liedes erstrahlen wird.“

Joyce DiDonato: „The song: the richest of poetry intertwined forever with singular melodies and harmonies, shining a light into our hearts and minds, and fears and joys, and gains and losses, inviting us to go a bit deeper, to explore a bit more earnestly. The song. It is life at its most divine, and I am so happy to sing mine.“

Renée Fleming: „Congratulations on the launch of the Internationales Liedzentrum Heidelberg! The lied is, for me, the most refined of the vocal arts, offering singers and audiences the most soulful, nuanced and personal form of expression there is. I am happy to know that this new organization will support the classic traditions of the form we love, while encouraging creative approaches to allow the song recital to engage new audiences.“

Thomas Hampson: „Lieder sind für mich der Schlüssel zum Verständnis von Kultur und Geschichte, sie sind Prismen, durch die wir die historische Zeit, in der sie entstanden sind, in allen Facetten aufgefächert kennenlernen, oft besser als in jedem Geschichtsbuch. Aber mit diesem Blick durch das Prisma lernen wir auch etwas über uns und unsere Zeit.“

Thomas Quasthoff: „Ohne Liedgesang und Liederabende verlieren wir einen wichtigen Teil unserer Kultur und unserer Identität.“

Anne Sophie von Otter, Mezzosopran: „Dem Internationalen Liedzentrum Heidelberg wünsche ich alles Gute. Das ist eine wunderbare Initiative. Wir werden doch Sänger und Pianisten, weil wir kreative Menschen sind, wir haben Lust auf musikalische Abenteuer und das ist perfekt für die Welt der Lieder. Dort können wir schöne Programme zusammenstellen und für das Publikum etwas ausdrücken – es muss weitergehen! Vielen Dank und viel Erfolg!“

 

Weitere Informationen unter: www.liedzentrum.de


Hat Fischer-Dieskau sich selber überlebt? Jedenfalls ist er nun tot. Nachruf von Eleonore Büning auf Dietrich Fischer-Dieskau im FONO FORUM aus dem Jahr 2012 https://www.fonoforum.de/portraets/nachruf/dietrich-fischer-dieskau/