Ruhrtriennale legt Programm vor

Im Fokus der Spielzeit stehen Utopien und Zukunftsvisionen. Mit dem Festival im Sommer 2017 beschließt Johan Simons seine dreijährige Intendanz der Ruhrtriennale.

Vom 18. August bis 30. September 2017 verwandelt die Ruhrtriennale die Industriehallen der Metropole Ruhr erneut in außergewöhnliche Spielorte für Musiktheater, Schauspiel, Musik, Tanz und Installation. 700 Künstler aus rund 30 Ländern werden Teil des diesjährigen Festivals der Künste sein. Die Ruhrtriennale wartet 2017 mit 41 Produktionen auf, darunter 26 Eigen- und Koproduktionen, 22 Uraufführungen, Neuinszenierungen, Deutschlandpremieren und Installationen.

Zum letzten Mal wird das Ruhrgebiet von Dortmund bis Dinslaken umschlungen. Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale 2015–2017: „Seid umschlungen" mit diesen beiden Worten aus Schillers Ode „An die Freude" habe ich meine Intendanz der Ruhrtriennale 2015 begonnen. Beenden werde ich sie mit drei weiteren Begriffen aus derselben: „Freude", „schöner" und „Götterfunken". Damit verbinde ich die Frage danach, ob uns diese Begriffe gerade in diesen unsteten Zeiten noch Hoffnung schenken können. In den Mittelpunkt unseres Programms stellen wir Utopien und Zukunftsvisionen. Was empfinden wir, wenn wir an die Zukunft denken? Freude? Verspricht sie, schöner zu sein? Haben wir noch Götterfunken in uns, um Utopien zu verwirklichen?"

Das Festival eröffnet am 18.8.17 in der Jahrhunderthalle Bochum mit einer Neuinszenierung von Claude Debussys „Pelléas et Mélisande". In dieser ‚ersten Oper der Moderne' überführt Debussy reale Erfahrungen der Moderne in rätselhaft anmutende Szenen: die Erfahrung einer existenziellen Einsamkeit, Angst und Verlorenheit.  Die musikalische Leitung der Bochumer Symphoniker hat Sylvain Cambreling und Regie führt Krzysztof Warlikowski. Die kanadische Star-Sopranistin Barbara Hannigan verkörpert Mélisande, der ungarisch-rumänische Bariton Gyula Orendt Pelléas.

Eine Woche später wird mit „Kein Licht." am 25.8.17 eine Auftragsarbeit und internationale Koproduktion für die Ruhrtriennale in der Gebläsehalle des Landschaftspark Duisburg-Nord zur Uraufführung gebracht. Philippe Manourys Komposition nach einem Text von Elfriede Jelinek nimmt das Publikum mit in eine Welt nach dem Super-GAU. Die musikalische Leitung von IRCAM, den United Instruments of Lucilin und des Chors des Zagreber Nationaltheaters übernimmt Julien Leroy. In einer der Hauptrollen ist Caroline Peters, Schauspielerin des Jahres 2016, zu sehen. Inszeniert wird die Oper von Nicolas Stemann.

Eine Deutschlandpremiere erwartet ein Publikum ab 13 Jahren mit „The Broke 'N' Beat Collective" am 16.9.17 in der Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle Bochum. Die beiden britischen Theatergruppen Theatre-Rites und 20 Stories High erzählen Geschichten von Großstadt-Teenagern in einem Remix aus Hip-Hop und Theater. Am 22.9.17 wird in der Uraufführung „Homo Instrumentalis" mit Werken von Georges Aperghis, Luigi Nono und Yannis Kyriakides in der Gebläsehalle des Landschaftspark Duisburg-Nord die Frage nach Herrscher und Beherrschten in einer virtuellen Wirklichkeit aufgeworfen.

Die letzte Musiktheater-Uraufführung der Spielzeit 2017 und die letzte Regiearbeit von Johan Simons als Intendant der Ruhrtriennale feiert am 22.9.17 Weltpremiere. „Cosmopolis", nach dem gleichnamigen Roman von Don DeLillo, nimmt das Publikum mit auf eine schicksalhafte Fahrt durch Manhattan mit einem Währungsspekulanten, der nicht nur sein gesamtes Kapital aufs Spiel setzt. BL!NDMAN, geleitet von Eric Sleichim, verbinden bekannte mit eigens für die Produktion komponierten Musikstücken.

Auch in diesem Jahr spannt die Ruhrtriennale einen weiten musikalischen Bogen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Am Eröffnungswochenende des Festivals findet zum dritten und letzten Mal im Rahmen der Ruhrtriennale „Ritournelle" statt, die Festivalnacht der elektronischen Musik. Am 19.8.17 ab 18 Uhr feiern FestivalbesucherInnen bis in die frühen Morgenstunden zu den Sounds von Nicolas Jaar, Sohn, Mykki Blanco, Actress und KünstlerInnen des Denovali Labels.

Wer am Vorabend noch elektronischen Klängen gehuldigt hat, kann am 20. und 21.9.17 Monteverdis „Marienvesper" hören, vorgetragen vom Collegium Vocale Gent unter der musikalischen Leitung von Philippe Herreweghe. Die „Konzerte im Maschinenhaus" finden weiterhin traditionell jeden Montagabend im Maschinenhaus der Essener Zeche Carl statt. Kurt Wagner, der 2015 mit seinem Projekt HeCTA bei Ritournelle zu Gast war, kehrt 2017 mit „Lambchop" für ein Konzert am 23.8.17 in der Jahrhunderthalle nach Bochum zurück. Ebenfalls dabei ist die kanadische Folkband „Timber Timbre".

Eine besondere musikalische Kombination verspricht der Programmbeitrag von ChorWerk Ruhr: „Memoria", das am 25.8.17 Premiere feiert, verbindet spanische Renaissance mit New Yorker „Abstract Expressionism". ChorWerk Ruhr präsentiert unter der musikalischen Leitung von Florian Helgath in der Maschinenhalle der Dortmunder Zeche Zollern Werke von Tomás Luis de Victoria, John Cage und Morton Feldman. Auf ein Wiedersehen mit dem außergewöhnlichen Instrumentarium des US-Komponisten Harry Partch darf sich das Ruhrtriennale-Publikum freuen.

„Monophonie" ist der Titel für zwei Konzertabende am 16. und 17.9.17 in der Jahrhunderthalle Bochum, die alles andere als eintönig werden. Das Ensemble Musikfabrik wird Werke aus den Bereichen Neue Musik, Jazz-Rock und Techno spielen. Das Festival endet am 30.9.17 schließlich mit zwei Konzerten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beethovens „Missa Solemnis", präsentiert von den Bochumer Symphonikern unter der musikalischen Leitung von Steven Sloane, beschwört im Anneliese Brost Musikforum Ruhr die Utopie einer Welt in Frieden und Freiheit.

Mit dem venezolanischen Musiker „Arca" betritt ein paar Stunden später die Verkörperung einer Utopie die Bühne der Turbinenhalle in Bochum, der bereits Stücke von Björk und Kanye West produziert hat. Die erste Tanz-Trilogie der Ruhrtriennale findet ihr paradiesisches Finale bei PACT Zollverein. Der Choreograf Richard Siegal, dessen Arbeiten für die Spielzeiten 2015-2017 auf Dantes „Göttlicher Komödie" fußten, zeigt mit „El Dorado" ab dem 25.8.17 zum ersten Mal alle drei Teile der Trilogie an einem Abend. Auch Anne Teresa De Keersmaeker kehrt 2017 ins Ruhrgebiet zurück. Ihre neueste Choreografie „Bach. Cellosuiten (AT)" wird am 26.8.17 in der Maschinenhalle der Zeche Zweckel uraufgeführt. Begleitet werden die fünf TänzerInnen von Rosas von dem gefeierten Cellisten Jean-Guihen Queyras.

Die Choreografin Meg Stuart wird mit ihrer Tanzkompanie Damaged Goods die Zentralwerkstatt in Dinslaken-Lohberg einnehmen, um alternative, vielleicht utopische Formen der künstlerischen Produktion und Aufführung zu erarbeiten. Mit der Zentralwerkstatt in Dinslaken wird das Festival auch im dritten Jahr der Intendanz Johan Simons' einen neuen großen Spielort für die Ruhrtriennale erschließen. Das Ergebnis feiert unter dem Titel „Projecting [Space[" am 31.8.17 Weltpremiere. Mit „Caen Amour" zeigt der New Yorker Choreograf Trajal Harrell ab dem 9.9.17 bei PACT Zollverein eine Performance als Kreuzung aus Hoochie-Coochie Show und Tanzlabor, inspiriert von der Tanzikone Loïe Fuller.

PACT Zollverein programmiert vom 15.-17.9.17 ein Festival im Festival: „Episoden des Südens" thematisieren künstlerisch und diskursiv das Verhältnis zwischen Nord- und Südhalbkugel – Grenzverschiebungen sind inbegriffen. Am 18.8.17 hält die Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin 2009 Herta Müller die Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale. In der Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle Bochum wird sie die Kernthemen der Spielzeit zum Anlass nehmen für eine Ansprache exklusiv für das Festival.

Am zweiten Festivalwochenende veranstaltet die Ruhrtriennale gemeinsam mit der innogy Sitftung für Energie & Gesellschaft am 26.8.17 ein Symposium. Publikum und geladene Gäste diskutieren im Refektorium Zukunftsfragen rund um das Thema „The End of Everything is a New Beginning". Das ZEIT Forum Kultur setzt sich am 27.8.17 unter dem Titel „Elite am Ende. Die neue Kraft von unten" gemeinsam mit Bundestagspräsident Norbert Lammert und Politaktivistin Claudine Nierth mit dem Widerstand gegen ein viel gescholtenes „Establishment" auseinander.

Zum letzten Mal lädt Johan Simons in der Spielzeit 2017 zum High Noon. Ab dem 27.8.17 begrüßt er jeden Festivalsonntag KünstlerInnen und Publikum der Ruhrtriennale zum Gespräch im Refektorium. Auch 2017 ist „Seid umschlungen" das Leitmotiv der Intendanz Johan Simons' als Geste der künstlerischen, gesellschaftlichen und geografischen Umarmung. So umspannt das Festival zum Beispiel erneut das Ruhrgebiet von Dortmund bis Dinslaken. Das vielfältige Musikprogramm spricht verschiedene Altersgruppen an. Das Kunstdorf „The Good, the Bad and the Ugly" bietet dem Festivalpublikum und allen Neugierigen viel Kunst – „umsonst und draußen".

Das Refektorium wird wieder mit einem abwechslungsreichen Programm aus Lesungen, Performances, Konzerten, einem Virtual-Reality-Wochenende, mit Kino-Abenden und Partynächten aufwarten – als Abschiedsgeschenk vollkommen kostenlos. Unmittelbar nach Festivalende am 1.10.17 ist die Ruhrtriennale Teil der „JackPott. Theaterreise der RuhrBühnen". Das Festival lädt die Reisenden im Anschluss an diese ganztägige Tour in die Jahrhunderthalle Bochum ein und begeht gemeinsam mit den Häusern des Ruhrgebiets so den Übergang von der Festivalsaison in die Theaterspielzeit.