Russisches Nationalorchester auf Tour

In der Kölner Philharmonie trat das Russische Nationalorchester unter Jérémie Rhorer auf und glänzte - weil es nicht nur glänzen wollte.

Das Russische Nationalorchester hat in der Kölner Philharmonie seinen Ruf als Klangkörper von Weltruf beeindruckend und mitreißend unter Beweis gestellt. Nach einer klangmalerisch wunderbar ausgekosteten Morgendämmerung an der Moskwa aus Mussorkskys Khowantschina schluffte Michail Pletnev, der Gründer des Orchesters, auf die Bühne und gab eine etwas unterspannte, wenngleich wie immer bei ihm weichtönende Version von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert. Die linke Hand war über weite Strecken allerdings kaum hörbar, er kostete dafür umso mehr die Akzente und Bögen der rechten Hand aus, was im Gesamtklang nicht ganz überzeugte. Umso mehr bestach Rhorer mit dem Orchester als unfassbar aufmerksamer und vorausdenkener, unauffällig verzeihender und differenziert abschattierender Begleiter. Das Orchester spielte, so abgegriffen es klingen mag, wie aus einem Guss. Ein wunderbarer Klangkörper, in dem Disziplin und die Begeisterung für das sinnliche Ineinandersingen der Klänge im perfekten Gleichgewicht sind. In der Zugabe (gis-Moll Prélude von Rachmaninow) überzeugte Pletnev dann natürlich restlos, da er hier seine ganz eigene Klangbalance herstellen konnte mit seiner in der aktuellen Pianistenszene sehr raren Mischung aus weichstem Wohlklang und guter Durchhörbarkeit.

Nach der Pause gab es Schostakowitschs fünfte Sinfonie. Vor knapp zwei Wochen hatte Valery Gergiev deren Finale mit den Münchner Philharmonikern am selben Ort in Schönheit sterben (auftrumpfen) lassen. Rhorer hingegen verband das Mitreißende mit dem Fragenden, das Bohrende mit dem Begeisternden. Er ließ die divergierenden Gedanken (Plazet der Zensur, Angst vor Stalins Terror, humanistische Erlösungssehnsucht) offen, wobei er der Leidenschaft aus der Kraft der Reibung deutlich zuneigte - alles immer allerdings in vollendeter Orchesterkultur. Dass er mit dem Russischen Nationalorchester auch den drei anderen Sätze spezifische und restlos überzeugende Charakeristika angedeihen ließ, sei nicht verschwiegen. Warum an einem solchen Abend mehrere Hundert der knapp 2200 Plätze frei blieben - dies bleibt die einzige Frage, deren Antwort nicht in der Musik steckte. J. Schmitz