Dimitri Schostakowitsch. Foto: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater Dresden

Dimitri Schostakowitsch. Foto: Historisches Archiv der Sächsischen Staatstheater Dresden

Schostakowitsch - Beethoven - Eisler

Die Schostakowitsch Tage in Gohrisch stellen mit Hanns Eisler zum ersten Mal auch einen bedeutenden DDR-Komponisten in den Fokus. Und sie würdigen Beethoven als kreativen Fluchtpunkt.

An drei Tagen im Jahr wird der kleine Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz zum Mekka der Schostakowitsch-Freunde aus aller Welt: Bereits zum siebten Mal finden 2016 die jährlichen Schostakowitsch Tage Gohrisch statt, die sich innerhalb kürzester Zeit als ein Festival von internationaler Ausstrahlung etabliert haben.

Dmitri Schostakowitsch komponierte 1960 in Gohrisch mit dem achten Streichquartett eines seiner wichtigsten und bedrückendsten Werke. Grund genug, hier seit 2010 in enger Kooperation mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden das nach wie vor einzige regelmäßig stattfindende Schostakowitsch-Festival weltweit auszurichten

Auch im siebten Festivaljahrgang wird das Werk Schostakowitschs durch zwei weitere Komponisten maßgeblich begleitet: zum einen durch die Musik seines Zeitgenossen Hanns Eisler, zum anderen durch zentrale Kammermusikwerke Ludwig van Beethovens. Schostakowitsch und Eisler komponierten auf unterschiedliche, aber vergleichbar vielseitige Weise im Schatten kommunistischer Diktaturen. Für beide war Beethoven – nicht zuletzt in der humanistischen Ausrichtung seiner Werke – immer ein wichtiges Vorbild, ein Fixpunkt.

Die Musik von Hanns Eisler gilt es in ihrer Vielfalt noch immer zu entdecken. Eisler, geboren 1898 in Leipzig, aber zeitlebens österreichischer Staatsbürger, studierte bei Arnold Schönberg, komponierte als Emigrant in Hollywood erfolgreich Filmmusiken, war befreundet mit Charlie Chaplin, Thomas Mann und Bertolt Brecht. Nach seiner Rückkehr nach Europa stieg er in der DDR zu hohen Ämtern auf, wandte sich aber in seinen letzten Lebensjahren, da als Kommunist ein Idealist, enttäuscht von den Doktrinen der DDR-Staatsführung ab. Dies kommt besonders in seinem letzten Werk, den „Ernsten Gesängen“, zum Ausdruck, die 1963 postum von der Dresdner Staatskapelle zur Uraufführung gebracht wurden. Mit Eisler steht in Gohrisch zum ersten Mal ein bedeutender DDR-Komponist im Fokus – eine Auseinandersetzung, die in der unmittelbaren Nähe zu einem ehemaligen „Gästehaus des Ministerrates der DDR“ umso sinnfälliger erscheint.

Zur direkten Gegenüberstellung der drei Komponisten kommt es bereits im Eröffnungskonzert, in dem das belgische Quatuor Danel, das sich in den letzten Jahren durch seine Gesamteinspielungen der Streichquartette von Schostakowitsch und Mieczysław Weinberg international einen Namen gemacht hat, neben späten Quartetten Beethovens und Schostakowitschs auch das einzige Streichquartett Eislers vorstellt. Dessen Aufführung hatte Eisler den Musikern der Staatskapelle einst noch persönlich nahegelegt.

Die Komponisten-Trias prägt auch einen Kammerabend, für den die Pianistin Anna Vinnitskaya, der Cellist Isang Enders und Matthias Wollong, 1. Konzertmeister der Staatskapelle, zu einem Trio zusammenfinden. Oder das Abschlusskonzert, das von Norbert Anger (Konzertmeister Violoncello der Staatskapelle), dem Ensemble Semper Winds Dresden (Solobläser der Staatskapelle) und dem Pianisten Michael Schöch gestaltet wird. Hier steht u.a. Eislers Filmkammermusik „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“ auf dem Programm, die mit dem Original-Stummfilm zur Aufführung gebracht wird; außerdem wird das musikalische Spektrum mit einem Werk von Paul Dessau um einen zweiten wichtigen DDR-Komponisten erweitert.

In einer Matinee zum 70. Geburtstag des Dirigenten Michail Jurowski werden dessen „Lebenserinnerungen“ vorgestellt – die Idee zu diesem Buch wurde vor einigen Jahren in Gohrisch geboren, wo diese Präsentation nun mit Streichquartetten von Beethoven und Schostakowitsch umrahmt wird, die ein Wiedersehen mit dem Dresdner Streichquartett bringen. In diesem Kontext erklingt – mit den Kapellmusikern Rozália Szabó, Céline Moinet und Astrid von Brück – auch ein Trio-Sonatensatz von Eisler, der einst von Solisten der Staatskapelle uraufgeführt wurde.

Eine Neuerung im Programm ist ein „Nachtkonzert“: Zu später Stunde bringen der Pianist Peter Rösel und Sebastian Herberg, Solobratschist der Staatskapelle, Schostakowitschs Violasonate und damit sein allerletztes Werk zu Gehör. Davor steht die „Mondscheinsonate“ von Beethoven auf dem Programm, die in der Violasonate bedeutungsvoll zitiert wird.

Nach dem erfolgreichen „Wandelkonzert“ im Jahr 2013 lädt das Ensemble Vocal Concert Dresden in diesem Jahr ein zu einem „Wanderkonzert“ – Anlass ist der Deutsche Wandertag, der zeitgleich mit dem Festival in der Sächsischen Schweiz stattfindet. Unter freiem Himmel erklingen in Gohrisch und seiner Umgebung russische und „neue deutsche“ Volkslieder von Schostakowitsch und Eisler.

Ergänzt wird das musikalische Programm durch einen Vortrag der Musikwissenschaftlerin Friederike Wißmann, die mit ihrer erfolgreichen Eisler-Biografie schon seit einigen Jahren für ein differenzierteres Eisler-Bild wirbt. In einer Podiumsdiskussion kommen im Anschluss auch Koryphäen wie Peter Gülke und Krzysztof Meyer sowie Peter Rösel und der Schriftsteller Uwe Tellkamp zu Wort, die – sicher auch aus eigenem Erleben – das Kunstschaffen „im Schatten des Eisernen Vorhangs“ reflektieren.