Konzert des Molyvos International Music Festivals. Foto: Charis Akriviadis

Konzert des Molyvos International Music Festivals. Foto: Charis Akriviadis

Sehnsuchtsort mit Musik

Ein Festival, das versöhnen und innerlich reinigen will und dazu das ganze Jahr über mit einem musikalischen Erziehungsprogramm die Liebe zur Musik bei Kindern und Jugendlichen wecken möchte: das Molyvos International Music Festival auf der griechischen Insel Lesbos.

Die Pianistinnen Danae und Kiveli Dörken veranstalten zum dritten Mal das Molyvos International Music Festival auf der griechischen Insel Lesbos. Dieses Kammermusik-Festival, das fast ausschließlich durch ehrenamtliches Engagement möglich gemacht wird, wurde soeben auf der Classical:NEXT in Rotterdam mit einem der Innovation Awards 2017 ausgezeichnet. Wie anerkannt dieses Projekt auch schon in höchsten Musikprominenzkreisen ist, zeigte Simon Rattles Grußnote des letzten Jahres: „Tief in meinem Herzen glaube ich daran, dass Musik und Kultur Menschen zusammenbringen und Heilung bewirken können. Ihr seid ein Lichtstrahl in dunkler Zeit.“

Griechenland, die Geburtsstätte des europäischen Geistes und der abendländischen Kultur, durchlebt aktuell schwere Zeiten infolge der eigenen wirtschaftlich-politischen Staatskrise sowie der weiterhin ungelösten Flüchtlingsproblematik in Europa, die auf der Insel Lesbos ihren symbolhaften Kulminationspunkt gefunden hat: Kaum zehn Kilometer vom türkischen Festland entfernt ist sie zum Ziel Tausender Flüchtlinge geworden.

Mit „Katharsis“ haben die beiden Schwestern Danae und Kiveli Dörken ihr diesjähriges Molyvos International Music Festival (MIMF) überschrieben. Die beiden deutsch-griechischen Pianistinnen begaben sich gemeinsam mit dem griechischen Unternehmer Dimitris Tryfon erstmals 2015 in die im Norden der Insel gelegene Hafenstadt Molyvos, deren Ortsbild sehr ursprünglich geprägt ist und von einer byzantinischen Festung überragt wird. Hier atmet alles Geschichte – eine inspirierende Location, die gemeinsam mit dem Festival-Konzept ein Mut machendes Signal aussendet: Mitten aus dem Zentrum der Krise wird von hier die Botschaft eines jungen, multikulturellen, zugleich traditionsbewussten und von gegenseitigem Respekt geprägten Miteinanders ausgesendet.

Zu den insgesamt 19 beteiligten Künstlern zählen 2017 neben der Koloratursopranistin Marlis Petersen zwei Geigenvirtuosen: der charismatische Russe Kirill Troussov sowie die 24-jährige Grammy-nominierte US-Amerikanerin Caroline Goulding. Weitere Namen wie die der Cellisten Benedict Klöckner und Alexander Buzlov, des Gitarristen Petrit Ceku, des Klarinettisten Sebastian Manz, der Flötistin Daniela Koch oder der Violinisten Hyeyoon Park und Linus Roth zeugen von dem paneuropäischen Geist dieses Kammermusik-Festivals, in dem die Veranstalter den Prozess der Katharsis unmittelbar erlebbar machen wollen: jenen Zustand der emotionalen Aufruhr, der durch das Bühnengeschehen transformiert wird: „In diesem Moment spiegelt die Musik einerseits unsere eigenen inneren emotionalen Konflikte und andererseits die therapeutische Energie, die uns letztlich heilt,“ so Danae und Kiveli Dörken.

Es werden Werke zu hören sein wie Messiaens ‚Quatuor pour la fin du temps‘, in dem das Neuschöpfen von Hoffnung und Kraft durch die Musik auch in den hoffnungslosesten Situationen zum Thema gemacht ist (der Franzose komponierte es, während er als Gefangener in einem deutschen Konzentrationslager saß) und Schuberts Oktett in F-Dur. Darüber hinaus wird dieser Prozess auch aus der Perspektive der antiken griechischen Kultur, für die Flöte und Gitarrevorgänger ja als die zentralen Instrumente der kathartischen Musik gelten, durch Stücke wie Debussys ‚Syrinx‘ für Solo-Flöte, Tarregas ‚Capricho Arabe‘ für Solo-Gitarre oder Piazzollas ‚Histoire de Tango‘ beleuchten. Und fraglos einer der bedeutendsten Komponisten der klassischen Musik mit kathartischer Wirkung ist Johann Sebastian Bach, dessen Kantate ‚Mein Herze schwimmt im Blut‘ für Sopran, Oboe, Streicher und Klavier von Marlis Petersen gesungen wird.

Erstmals sind 2017 den Kernfestivaltagen vier Veranstaltungen vorgeschaltet: Vom 9. bis 13. August werden als „Pre-Festival Activities“ an verschiedenen Orten der Insel Konzerte und Führungen angeboten, damit der Musiktourist die Insel besser kennenlernt und die Veranstaltungsreihe auch als ein Ereignis auf bzw. für gesamt Lesbos wahrgenommen wird. Den nationalen kulturpolitischen Ritterschlag erhielt das Molyvos International Music Festival im vergangenen November, als es von der Association of the Greek Music Critic mit dem „Award for the best regional cultural project in 2016“ ausgezeichnet wurde.

Zudem hat das Molyvos International Music Festival in Kooperation mit TONALi im Februar und März 2017 erstmals unter dem Titel „Mo-To Key“ ein Education-Programm realisiert, bei dem während sechs Wochen Schulkinder Schritt für Schritt selbst ein Konzert in ihren Schulen organisierten, bevor sie gemeinsam zum Abschluss im Stadttheater von Mytilene drei Rising Stars der Klassik live erlebten. Das ganze Jahr über gibt es zudem das Programm „Music Key“, bei dem Musiker Schulklassen besuchen, dort Konzerte geben und ihnen so die Welt der klassischen Musik ein wenig näher bringen. Während des Festivals wird nun zusätzlich zum regulären Programm am 18. August ein speziell moderiertes Konzert für Kinder und Jugendliche (bei freiem Eintritt) stattfinden, das den direkten Kontakt zu den Musikern ermöglicht und den jungen Zuhörern die Möglichkeit gibt, klassische Musik auf höchstem Niveau zu erleben.

Das Molyvos International Music Festival hat zahlreiche Förderer und Unterstützer. Zu den wichtigsten Partnern gehören neben regionalen Tourismusverbänden die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Athen, das Griechische Ministerium für Kultur und Sport und die Region Nordägäis. Die Stavros Niarchos Stiftung und die John S. Latsis Stiftung unterstützen das Festival durch Ihre Spenden.