Streit um Stockhausen-Inszenierung

Das Theater Basel legt offen, wie die Stockhausen-Stiftung versucht, einzugreifen - begründet offenbar damit, dass die Regie "zahlreiche Partiturvorgaben Stockhausens missachtet und die Handlung in wesentlichen Aspekten so verändert hat, dass Stockhausens Kernaussage vom Donnerstag aus Licht nicht mehr nachvollziehbar ist."

Das Theater Basel möchte seine Inszenierung von Karlheinz Stockhausens „Donnerstag aus Licht‘“ am Samstag 1. Oktober 2016 (16 bis 21.30 Uhr) live im Internet übertragen. Doch das könnte gerichtlich verhindert werden. Das Theater hat zu dem Streit eine höchst interessante Pressemitteilung veröffentlicht, die hier wiedergegeben wird: "Für dieses Live-Streaming hatte das Theater Basel mündlich in Vertragsverhandlungsgesprächen sowie per Mail die Erlaubnis der Stockhausen-Stiftung erhalten. Bedauerlicherweise wurde dies aber nicht eindeutig in den Aufführungsvertrag aufgenommen.  

Seit einiger Zeit versuchen einige Mitglieder der Stockhausen-Stiftung, die ästhetische wie inhaltliche Einwände gegen die Aufführung haben, das verabredete Live-Streaming zu verhindern. Die Vorstellungen dürfen stattfinden (Tantiemen werden also ausbezahlt), eine Internetübertragung (in der Tantiemensumme vereinbarungsgemäss inkludiert) soll aber untersagt werden, um die Vorstellungen in Basel als lokale Verfehlung zu brandmarken.  

Inzwischen ist daraus ein Rechtsstreit geworden, in dem geklärt werden soll, ob die Stiftung rechtlich angesichts der erteilten Zusage überhaupt das Streaming untersagen darf. Die für die Umsetzung des Live-Streamings vom Theater Basel beauftragte Firma wie auch das Theater erhielten die Aufforderung, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben sowie die Androhung einer einstweiligen Verfügung, gegen die beide wiederum Einspruch erhoben haben.  

An allen Vorbereitungen, Proben, der Premiere und der zweiten Vorstellung ist mit Kathinka Pasveer ein Mitglied der Stockhausen-Stiftung vertreten wie beteiligt gewesen. Sie und alle anderen an der Produktion beteiligten Künstler wünschen, dass das Streaming stattfindet. Die Stockhausen-Stiftung hatte weder nach der Generalprobe, noch nach der Premiere am 25. Juni 2016 oder der zweiten Vorstellung am 26. Juni 2016 gegenüber dem Theater Basel Einwände erhoben oder eine Werksdiskussion gefordert. Daher hat die Unterlassungsaufforderung alle Beteiligten mitten in der fortgeschrittenen Planungsphase des Live-Streamings überraschend getroffen.  

An der Inszenierung beteiligte Musiker und Sänger erhielten einschüchternde Mails, in denen ihnen die Bedenken seitens der Stiftung erläutert werden. Auszüge aus der Mail der Stockhausen-Stiftung: „Vorweggeschickt sei, dass diese Entscheidung nichts mit Eurer musikalischen Leistung zu tun hat. Ihr habt alle auf musikalisch höchstem Niveau Hervorragendes geleistet, wozu wir Euch von Herzen gratulieren. Unsere Entscheidung hat vielmehr mit der Inszenierung zu tun. Denn auch wenn Lydia Steier vielleicht nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat, ändert das doch nichts daran, dass sie zahlreiche Partiturvorgaben Stockhausens missachtet und die Handlung in wesentlichen Aspekten so verändert hat, dass Stockhausens Kernaussage vom Donnerstag aus Licht nicht mehr nachvollziehbar ist. Dennoch hat die Stockhausen-Stiftung für Musik, deren Zweck und Aufgabe es laut Stiftungs-Satzung ist, Karlheinz Stockhausens geistiges Erbe zu wahren und verbreiten, die Inszenierung – mit Bauchschmerzen – toleriert und die Aufführungen stattfinden lassen.“  

Es hatte bereits im Umfeld der Premiere facebook-Einträge gegeben, in denen Mitglieder der Stockhausen-Stiftung, der Aufführung „Blasphemie“ vorwarfen. In den sozialen Netzwerken brach seitens Suzanne Stephens und ihrer Frau Johanna Stephens-Jannings – beide Mitglieder der Stockhausen-Stiftung – förmlich ein „Shitstorm“ über die Inszenierung los. Diese Einträge sind inzwischen gelöscht worden.  

Sollte das Streaming verhindert werden, ist dies wegweisend für weitere Umsetzungen der Werke Karlheinz Stockhausens. Andreas Beck (Intendant Theater Basel): „Dann wird es wohl erst in 61 Jahren möglich sein, sich dem Werk Karlheinz Stockhausens künstlerisch und frei zu nähern, ohne Beleidigungen oder subjektiv motivierten Einschränkungen seitens der Stockhausen-Stiftung ausgesetzt zu sein.“ Suzanne Stephens hat übrigens noch immer keine Bedenken, der in diesem Sommer ausgesprochenen Einladung des Theater Basel zu folgen und im Rahmen eines Karlheinz Stockhausen-Symposiums eine Meisterklasse zu geben – bezahlt versteht sich."

http://www.theater-basel.ch/Spielplan/Donnerstag-aus-Licht/oHAOot4B/Pv4Ya/