Thomas Quasthoff. Foto: Harald Hoffmann

Thomas Quasthoff. Foto: Harald Hoffmann

Thomas Quasthoff auf Tour

Jahrhundertsänger Thomas Quasthoff hat bei seinem Gastspiel in der Kölner Philharmonie sein Programm "My favourite things" performt - gemeinsam mit seinen erstklassigen Partnern.

Ob nun wirklich allen Künstlern "lost mind" zu attestieren wäre, wie Thomas Quasthoff selbstironisch bemerkte? Bei ihm selber mag man das nicht annehmen. Zu schlagfertig, humorvoll, aber auch böse gab er sich in seinen Ansagen zwischen den Nummern seines Abends in der Kölner Philharmonie.

"My favourite things", zumindest a few of his favourite things präsentierte er gemeinsam mit dem Arrangeur des Abends, Pianist Frank Chastenier, Dieter Ilg am Bass und Wolfgang Haffner am Schlagzeug. Das Trio bietet einerseits harmonisch und rhythmisch feingetunte Untergründe, die stets dezent vibrieren und zugleich den Spot auf den Sänger richten und andererseits in den vielen Instrumentals samt Soli  leidenschaftlich abgehende Verflechtungen, die sich aus dem Material der Stücke ergeben - wenn man so hinzuhören und auszuleben versteht, was Musik ist und sein kann wie die drei es können.

Mittendrin Thomas Quasthoff, the voice, ja, aber nicht nur. Natürlich singt Quasthoff mit seiner Stimme (mit welcher sonst?), mit jener Stimme also, deren Sonorität, Plastizität und emotionale Direktheit die Klassikwelt viele Jahre verzückt hat. Quasthoff ist vor allem aber ein Vollblutmusiker. Es muss raus. Und es kommt raus. Und auch wenn er vom Falsett bis zur tiefsten Basstiefe sein unfassbares Können vorführt, so ist es doch nie Selbstzweck und wirkt nicht eitel. Wie schmal wäre dieser Grad bei weniger klugen und begabten Sängern (von denen die Welt voll ist)!

Wer also ein Problem mit der Kombination dieser Stimme mit der Lebensform Jazz hat, dem sei in allen Tonlagen zugetragen: Du musst deine Hörgewohnheiten ändern!

Das Programm des Abends offenbarte viele Anknüpfungspunkte, die Jazz eigentlich in aller Musik finden kann. "You are so beautiful", "Makin' Whoopee", "Imagine" oder "Hallelujah and I love her so" - diese und andere Nummern behielten in Chasteniers Arrangements ihre charakterlichen Eigenarten und wurden gleichzeitig zu Veredelungen und Zuspitzungen des Ausdrucksgehaltes. Dass der Bogen in der Zugabe bis zur unverstärkten federleicht ausswingenden Version des berühmten "Guten Abend, gut' Nacht" (Brahms) gelang, begeisterte einerseits, ließ aber auch darüber sinnieren, wie sich die Klassikwelt kraft ihrer wunderbaren Musik manche Steifheit, auch klingende Steifheit, abgewöhnen könnte.

Quasthoff kommunizert nicht nur im Singen. Seine Ansagen nutzte er zu Rundumschlägen gegen die politische Rechte, die für ihn offenbar bei Horst Seehofer beginnt. Man mag ihm zugute halten, dass er da noch nicht wissen konnte, wer aus dem Boot nach Jamaika springen würde. Auch die Huster, die unverwüstliche Spezies Kölner Konzertbesucher mit HNO-Befund (oder sind es nur die Nerven?) reizte Quasthoff zu scharfen Bemerkungen.

Geradezu erschütternd genial in seiner spielerischen Bewusstheit und künstlerisch vollendeten Einfachheit geriet der Programmpunkt, der bescheiden als "Solo-Improvisation" daher kommt. Quasthoff setzt bei einem einfachen Dreiklang mit Bluesfeeling an und lässt daraus eine Welt entstehen, die über Beatboxing bis zur ironischen Mann-Frau-Auseinandersetzung Laute, Klänge und Töne vorstellt, die Humor haben, höchst unterhaltsam und zugleich ein Lehrstück über improvisierte Musik sind. Quasthoff darf damit als rechtmäßiger Erbe und der zeitgemäße Wahrer der Tradition gelten, die im "Mahnah Mahnah"-Song aus der Sesamstraße einen früheren Höhepunkt hatte. Dass er dann auch noch in feiner Andeutung den Dom in Kölle ließ - man hätt' den Verstand verlieren können.

Johannes Schmitz