Christiane Karg als Blanche. Foto: Wilfried Hösl

Christiane Karg als Blanche. Foto: Wilfried Hösl

Tod oder nicht Tod war die Frage

Ein höchstrichterliches Urteil aus Paris gestattet der Bayerischen Staatsoper, die Inszenierung von Poulencs Oper Dialogues des Carmélites weiterhin unverändert zeigen und vermarken zu dürfen.

Im Rechtsstreit rund um Francis Poulencs Oper Dialogues des Carmélites in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov an der Bayerischen Staatsoper, der von den französischen Erben von Poulenc und des Autors des gleichnamigen Bühnenstücks Georges Bernanos angestrengt wurde, gibt es eine Grundsatzentscheidung des Obersten französischen Gerichtshofs: die Künstlerfreiheit des Regisseurs wurde im französischen Recht anerkannt.

„Die Kernaussage des Werkes wurde respektiert, weil die Nonnen dazu bereit waren, zu sterben, selbst wenn sie schließlich gerettet wurden. Daher kann Herrn Tcherniakov keine Entstellung des ursprünglichen Werkes vorgeworfen werden", so Rechtsanwältin Judith Adam-Caumeil. Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper zeigt sich zufrieden: „Dieses Urteil war zu erwarten und das Gericht hat damit anerkannt, dass Kunst immer Interpretation heißt. Wir freuen uns auf die nächsten Vorstellungen von Dimitri Tcherniakovs Inszenierung von Dialogues des Carmélites." 

Die Aufführungen in der Saison 2020/21 werden demnach unverändert gezeigt. Zusätzlich wird die DVD der Produktionsfirma BelAir Media wieder erhältlich sein. Die Tragweite des Urteils beschränkt sich nicht nur auf die Oper, sondern ist nach Einschätzung von Anwältin Adam-Caumeil auf die gesamte künstlerische Szene – Ballett, Theater, Kino – auszudehnen.

Dem Urteil geht eine längere rechtliche Auseinandersetzung voraus, die im November 2012 ihren Anfang nahm: Zur Wiederaufnahme des Werkes war in Paris eine Klage unter Berufung auf das Urheberpersönlichkeitsrecht anhängig, mit der weitere Aufführungen untersagt werden sollten. Außerdem wurden die Produktionsfirma BelAir Media und der TV-Sender MEZZO verklagt mit dem Ziel, den Vertrieb der DVD bzw. die Ausstrahlung der in München aufgezeichneten Aufführung zu unterbinden.

Die Nachkommen sind der Auffassung, dass die Umsetzung der Schlussszene durch den Regisseur Dmitri Tcherniakov das Werk von Bernanos und Poulenc abwandelt und entstellt. In der Neuinterpretation des russischen Regisseurs, die im März 2010 Premiere hatte, rettet die Hauptfigur Blanche de la Force ihre Mitschwestern vor dem Tod und kommt als Einzige ums Leben. Nach Meinung der Erben muss der Märtyrertod aller Nonnen zwingend szenisch umgesetzt werden, um die Kernaussage des Werkes zu treffen.

Die Staatsoper hielt und hält eine Verletzung der von den Erben geltend gemachten Urheberpersönlichkeitsrechte für ausgeschlossen, da Text und Musik der Oper völlig unverändert sind. In erster Instanz wurde die Klage abgewiesen. Das Tribunal de Grande Instance de Paris stellte ausdrücklich fest, dass die Inszenierung die Themen, die den Kern des Werks bilden, respektiert. In zweiter Instanz hat sich das Cour d'Appel de Paris (Oberlandesgericht Paris) auf den Standpunkt gestellt, dass „die Inszenierung der Schlussszene durch Tcherniakov eine Entstellung des Werkes von Georges Bernanos und Francis Poulenc darstellt und die damit verbundenen Urheberrechte verletzt" werden.

Dabei hatte das Oberlandesgericht anerkannt, dass die Inszenierung der dem Autor so wichtigen Kernaussagen des Werkes wie Hoffnung, Martyrium oder Gnade Rechnung trägt. Die geforderte Absage der Wiederaufnahme wurde nicht realisiert, das Gericht gab der Klage aber statt in Bezug auf die Sendungen durch MEZZO-TV und den Vertrieb der DVDs.

Mit der Grundsatzentscheidung des Obersten französischen Gerichtshofs hat die Bayerische Staatsoper nun allerdings Recht bekommen. Die Inszierung darf unverändert gezeigt und als DVD verkauft werden.