Teodor Currentzis. Foto: Aleksey Gushchin

Teodor Currentzis. Foto: Aleksey Gushchin

Totentanz für einen blühenden Klangkörper

Wie der Schnitter höchst persönlich, staksig in seinen schwarzen Leggings mit den etwas klobig-gruftigen Schuhen und dem schwarzen Umhang, einer Mischung aus Totenkleid und barock fallendem Stoff: Teodor Currentzis hat in der Kölner Philharmonie das SWR Sinfonieorcherster Baden-Baden und Freiburg geleitet.

"So einen habe ich noch nie erlebt". Die ältere Dame in der Kölner Philharmonie ist begeistert von Teodor Currentzis. "Wie alt ist der?" lautet eine ihrer Fragen an ihre Sitznachbarn, um nach Beethovens dritter Leonoren-Ouvertüre anzumerken: "Der hat sein Orchester aber im Griff."

Ja, Teodor Currentzis wirkt, wie er da so den Beethoven tanzt. Den Streichern widmet er sich intensiv, die Holzbläser dürfen meist in Einheitslautstärke agieren. Aber was soll's? Die Optik stimmt. "Wie dieser Geiger - wie heißt er doch gleich? Nigel Kennedy!" Der Vergleich mag hinken, äh: tanzen, doch sagen wir es frei heraus: Teodor Currentzis hat das Zeug zum Klassik-Pop Star. Und die Rolle als Totengräber des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg steht ihm rein äußerlich gar nicht schlecht. Auch sein eitler Dirigierstil gemahnt in barocker Manier an die Vergänglichkeit aller Dinge.

Neben Schostakowitschs 15. Sinfonie gibt es auch noch das Violinkonzert von Alban Berg auf dieser Abschiedstournee des Klangkörpers. Patricia Kopatchinskaja bleibt dabei dem Andenken eines Engels die klangliche Erfüllung schuldig, spielt dafür aber feinsinnig. Sie hat es aber auch nicht immer leicht, sich gegen das Orchester zu behaupten.

Jenes Orchester, mit dem sich seit seiner Gründung im Jahr 1946 Namen wie Hans Rosbaud, Pierre Boulez, Ernest Bour, Kazimierz Kord, Michael Gielen, Sylvain Cambreling und Francois-Xavier Roth verbinden. Im Programmheft des Konzerts in der Kölner Philharmonie heißt es: "Der Rotstift hat gesprochen und angebliche Sparzwänge ließen keine Wahl. Durchaus gab es realistische Ideen, den Fortbestand dieses Orchesters dennoch zu sichern ..." Letztlich entschieden die Taschenrechner, also die Führungskräfte, und da wurde aus den beiden SWR-Orchestern eben eines gemacht.

Wir leben in Zeiten, da Millionenrückstellungen für die öffentlich-rechtlichen Intendanten gebildet werden müssen, die Musikredaktionen vermehrt nach Lounge- und Easy-Listening-Konzepten besetzt werden und die Verwaltungsapparate sich mit heißer Luft aufblähen, die manch Verantwortlicher am liebsten so über den Äther schicken würde: Hauptsache keine Dissonanz im Ohr. Klar, dass ein Klangkörper, der für das Neue steht, da keinen Platz hat. Und mit 70 Jahren ist dieses Orchester ohnehin in einem Alter, das schon nach Tradition riecht. So etwas kann man als moderne Rundfunkintendanz schon mal überhaupt nicht brauchen.

Natürlich ist Deutschland immer noch gesegnet mit einer Orchesterlandschaft, die ganze Kontinente nicht aufbringen. Aber die Abwicklung des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg ist ein Zeichen, das viele verstehen werden: Es gibt kein Tabu mehr für die Betriebswirtschaft im Umgang mit der Kultur. Die Abschiedstournee des Orchesters trägt diese Botschaft durch Musik-Deutschland, das einsichtig reagiert. Auch die Dame in Reihe 19 der Kölner Philharmonie weiß: "So ein Orchester ist ja auch teuer. Die ganzen Hotelzimmer - und die müssen ja auch alle etwas essen." Schön, wenn das Volk so vernünftig ist.