Türkei fordet EU heraus

Wieder einmal gibt die Türkei ein Lehrstück in Sachen Freiheit der Meinungsäußerung und der Kunst: Das Erdogan-Regime hat bei der EU gegen ein Musikprojekt der Dresdner Sinfoniker protestiert, weil bei diesem der Völkermord an Armeniern beim Namen genannt wird.

Die Ständige Vertretung der Türkei bei der Europäischen Union verlangt von der EU- Kommission die Einstellung der Unterstützung des Konzertprojekts „aghet - ağıt“ der Dresdner Sinfoniker. Die EU-Kommission und die Exekutivagentur für Bildung, Audiovisuelles und Kultur (EACEA) kamen der Forderung nicht nach.

Eine hochrangige Quelle aus der EU-Kommission hat außerdem bestätigt, dass man dem Verlangen der türkischen Botschaft, die Projektbeschreibung von der Website der EU- Kommission zu nehmen, nachgekommen ist. Hintergrund soll die Überarbeitung und "Entschärfung" der Formulierung sein. Es wurde allerdings bestätigt, dass die Kommission und die EACEA voll und ganz hinter dem Projekt stehen.

„Dass die türkische Regierung nun selbst vor Einflussnahme auf die freie Meinungsäußerung in Kunst und Kultur auf europäischem Boden nicht zurückschreckt, ist ein Warnsignal. Sie verlangt einen Maulkorb für Botschaften, die ihr nicht passen und überschreitet damit eine weitere Grenze. Völlig klar ist, dass wir einer Vermeidung des Begriffes Völkermord nicht zustimmen werden. Es ist mehr als überfällig, zu einer gemeinsamen europäischen Haltung gegenüber dieser tragischen Episode der türkischen Geschichte zu kommen. Der Genozid an den Armeniern und dessen Leugnung durch die türkische Regierung strahlt in die Gegenwart aus und ebnet den Boden für die maßlose Gewalt gegenüber der kurdischen Bevölkerung. Das Appeasement durch die EU-Kommission macht Europa zum Mittäter“, sagt Marc Sinan. Der Komponist und Gitarrist hat sowohl deutsche, türkische als auch armenische Wurzeln und ist einer der Initiatoren von „aghet - ağıt.

Das von der EU geförderte Konzertprojekt thematisiert den Genozid an den Armeniern. Das Ziel von „aghet - ağıt“ ist das gemeinsame Gedenken und die Versöhnung über die damaligen Geschehnisse. Durch die Zusammenarbeit von deutschen, türkischen und armenischen Musikern und Komponisten wird dies in dem Projekt bereits beispielhaft verwirklicht.

„Wir haben schon 2014 in unserem Projekt „Dede Korkut“ die Erfahrung gemacht, dass allein die Benennung des Genozids genügt, um die türkische Regierung auf den Plan zu rufen. Damals zogen das türkische Ministerium für Tourismus und Kultur und die aserbaidschanische Botschaft unmittelbar vor der Premiere ihre Unterstützung zurück“, erklärt der Intendant der Dresdner Sinfoniker, Markus Rindt.

Die nächste Aufführung von „aghet – ağıt“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau wird am 30. April 2016 stattfinden. Am 29. April um 19 Uhr ist das theaterpädagogische Vermittlungsprojekt dazu, „Die 40 Tage des Musa Dagh“ mit Schülerinnen und Schülern zweier Dresdner Gymnasien unter der Regie von Tom Quaas, zu sehen. Im November 2016 soll „aghet – ağıt“ in Istanbul, Belgrad und Jerewan gastieren.

Die Intervention der Türkei zeigt, wie wichtig gerade das Konzert in Istanbul für die gemeinsame Vergangenheitsbewältigung ist.

Quelle dieser Mitteilung: Dresdner Sinfoniker

Mehr InformaNonen unter www.aghet.eu